Ein dramatischer Systemvergleich

Staatstheater Augsburg_ Europe Central_Foto: Jan-Pieter Fuhr
17. Januar 2019 - 14:48 | Bettina Kohlen

Neuer Ort, neues Stück: Mit einer fordernden Uraufführung eröffnete das Staatstheater Augsburg die neue brechtbühne im Gaswerk

Für die nächsten (vielleicht auch noch die übernächsten) Jahre agiert das Staatstheater Augsburg nun an zwei verlässlichen Standorten: Das Musiktheater und alle Produktionen, die eine größere Bühne erfordern, spielen im martini-Park, das Schauspiel hat seine Heimat im Ofenhaus auf dem Gelände des Gaswerks gefunden. Noch ist drumherum Baustelle, doch am Samstagabend blieb dies im Dunkeln, Fackeln wiesen den Besuchern den Weg zur neuen brechtbühne, die mit einer anspruchsvollen Uraufführung eingeweiht wurde.

Hausregisseurin Nicole Schneiderbauer und Dramaturgin Kathrin Mergel haben sich William T. Vollmanns Roman »Europe Central« vorgenommen und aus den fast 1.000 Seiten ein Destillat für die Bühne geschaffen, das nicht in eine konkrete Spielhandlung mündet, sondern szenisch Schlaglichter auf Leben, Angst, Folter und Tod in den beiden totalitären System des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa wirft: Faschismus und Stalinismus. Die tragische Biografie des Komponisten Dimitri Schostakowitsch, musterhaft und doch beispiellos, spinnt den roten Faden, dazu ergreifen zahlreiche weitere historische Protagonist*innen das Wort, so Käthe Kollwitz und Anna Achmatova, aber auch der General Paulus. Wer sich da nicht auskennt, verliert schnell den Überblick, doch das Programmheft bietet ein hilfreiches Personenregister. Das Stück ist als Triptychon angelegt, mit dem Zweiten Weltkrieg als Zentrum und dem vorher und dem nachher als Bekräftigung und Begründung. Über den Zeitraum von 1914 bis 1975 werden die beiden Systeme Faschismus und Stalinismus verhandelt, verglichen, es wird gezeigt, wie es ist, in die Fänge dieser grausamen Diktaturen zu geraten. Das ist hart, manchmal schwer auszuhalten, zugleich stellt sich die Frage, wieweit es dem Überleben dient, sich dem System anzudienen. Doch es wird klar: Weder Überzeugung noch Opportunismus geben Sicherheit. Diese beklemmende Aussicht wird gefasst durch das Grau in Grau des kargen Bühnenraums, durch den schattenhaft Videoprojektionen gleiten, akzentuiert durch weichfallende Stoffbahnen, die Versteck, Weg und Wolke sind, Trostspender oder Leichentuch. Auch ein Flügel steht da, dazu ein zur Harfe aufgerichteter Klavierrahmen. Beiden werden Töne entlockt: geschlagen, gezupft; gespielt werden sie nicht.

In diesem Setting bestimmen sechs Akteur*innen wortgewaltig das Geschehen, sie wechseln Rolle und Perspektive, sie sprechen gleichzeitig, sie performen, sie musizieren. Sprache und rhythmische Töne überlagern sich, alles ist geschichtet, es entwickelt sich eine komplexe Collage des Unfassbaren. Die Interaktion jedoch bleibt auf einer funktionalen Ebene, der Dialog ist nahezu unmöglich. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die so unheilvoll verschränkten Systeme sich bei aller Nicht-Vergleichbarkeit doch vergleichbarer Instrumente menschenverachtender Macht bedienten. Trotz dieser Klarsichtigkeit wird der Zuschauer vier Stunden lang im Netz ständiger Verwirrung eingefangen, alles ist anstrengend: Rollen wechseln fließend, leise Worte tropfen über einseitige Kopfhörer ins Ohr, gleichzeitig wird bühnenlaut gesprochen oder gezielt in von der Decke hängende Mikrofone – Akteur*innen und Zuschauer*innen sind ständig medial verbunden. Die ganze Situation erfordert Konzentration ohne nachzulassen. Aufmerksam bleiben, nicht nur im Theater …

»Europe Central« ist ohne Zweifel ein ehrgeiziges Unterfangen, das weitgehend geglückt ist. Am intensivsten, aber auch unklarsten zeigt sich der zentrale Teil um das Geschehen in Leningrad und Stalingrad. Nüchtern dann der Ausklang, der chronologisch Daten und Ereignisse in Bezug zu Schostakowitsch’ Lebensdaten setzt – beinahe wie ein Abspann. Die Schauspieler*innen und Musikerin Ellen Mayer leisten Enormes, mit Sprach- und Körpereinsatz lassen sie das sperrige Stück gelingen, nehmen den Raum ein, fügen die Fragmente zusammen. Wunderbar der präsente Patrick Rupar und Ute Fiedler, eine große Künstlerin. Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt vor allem Katharina Rehn, die sowohl ihren Körper, als auch die grandios modulierte Stimme einzusetzen weiß.

Ob es grundsätzlich richtig ist, diesen sehr langen komplexen Roman zu dramatisieren? Man darf zumindest zweifeln. Und nicht vergleichen. Eine Uraufführung wie diese ist mutig, und sie verlangt dem Publikum einiges ab. Hier wurde ein Weg eingeschlagen, der in die Zukunft führt.

Die neue brechtbühne hat ihre Feuerprobe bestanden. Sie bietet nahezu die gleiche Anzahl Sitzplätze wie ihr Vorgänger, entwickelt aber eine vollkommen andere Atmosphäre, vor allem durch die enorme Höhe des Raumes. Doch auch der frühindustriellen Rauheit des Baus kann man sich kaum entziehen. So klang der Abend bei der Premierenfeier im elegant ummantelten ruppigen Ambiente des Ofenhauses besänftigend aus. Ein großer Anfang.

Die nächsten Vorstellungen am 17., 19. und 25. Januar

www.staatstheater-augsburg.de

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