Politik & Gesellschaft

Drehscheibe der Kulturen

Gast
5. Februar 2016

Im Bahnpark Augsburg entsteht aus einer Industriebrache ein »europäisches Zentrum für Kultur und Technik«. Das ehrgeizige Vorhaben hat bereits weit über Augsburg hinaus seine Partner und Unterstützer gefunden.

Mit den Gebäuden und Anlagen im Bahnpark verfügt Augsburg über eines der größten und außergewöhnlichsten Industriedenkmäler im Freistaat. Die Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen errichteten 1906 im heutigen Stadtteil Hochfeld auf einer Fläche von rund 240.000 Quadratmetern ein weitläufiges Betriebs- und Ausbesserungswerk: In zwei großen Rundhäusern »parkten« bis zu 62 Dampflokomotiven. Vier Schornsteine ragten in das Stadtbild und bildeten eine weithin sichtbare Landmarke. Über zwei Drehscheiben mit einem Durchmesser von jeweils 23 Metern wurden die Lokomotiven in die jeweilige Fahrtrichtung gedreht. Arbeiter schlugen mithilfe von Geologen drei Brunnen bis auf eine Tiefe von 176 Metern, um das Wasser für die Lokomotiven aus der Erde zu holen. Unablässig arbeiteten die Werkstätten, die Schmiede, die Schreinerei, die Dreherei. Die Luft war erfüllt von Dampf und Rauch, vom Zischen der Lokomotiven, vom schrillen Ton der Dampfpfeifen und vom Heulen der Werkssirene. Männer mit ölverschmierten Gesichtern schraubten an den Maschinen. Heizer schaufelten Kohle ins lodernde Feuer unter den Kesseln. Tausende von Augsburgern fanden bei der Bahn über Jahrzehnte hinweg Lohn und Brot.

Diese faszinierende und pulsierende Techniklandschaft blieb als »verbotener Ort« für die Öffentlichkeit stets verschlossen und unzugänglich. Erst Ende der 1990er-Jahre legte die Deutsche Bahn AG den Betrieb still und zog sich aus dem Areal zurück. Die Baudenkmäler, die Gleise und Drehscheiben verfielen in eine Art Dornröschenschlaf und wurden zur Frage der Stadtentwicklung.

Nun rückt das Projekt »Bahnpark Augsburg« das Gelände in den Fokus der Öffentlichkeit und macht viele Bereiche erstmals zugänglich. Kernstück des Vorhabens ist das sogenannte »Rundhaus Europa«: Der Ringlokschuppen aus dem Jahr 1906 bietet mit seiner symbolhaften Industriearchitektur, mit den Sterngleisen und der Drehscheibe die spannende Kulisse für ein Eisenbahnmuseum und zugleich für ein »europäisches Zentrum für Kultur und Technik«.

Schnell wurde die Idee weit über Augsburg hinaus bekannt. Staatliche Museumspartner in Paris, Bern, Ljubljana, Luxemburg, Rom, Amsterdam und Berlin waren begeistert und entsandten historische Botschafter-Lokomotiven nach Augsburg. Weitere sollen folgen. Jede einzelne dieser Lokomotiven stellt ein hochkarätiges Exponat dar und kann von der wechselvollen Geschichte Europas erzählen. Es sind spannende, lustige und mitunter auch nachdenklich stimmende Geschichten. Vor diesem Hintergrund wurde der Bahnpark im Jahr 2015 als Mitglied und Standort in die Europäische Route der Industriekultur aufgenommen.
Zweifellos: Das Projekt Bahnpark Augsburg ist ambitioniert und wird einen langen Atem brauchen. Die baulichen und konzeptionellen Aufgaben sind gewaltig. Doch die Zahl der Förderer wächst beständig: Der Freistaat Bayern, der Bezirk Schwaben, die Stadt Augsburg, die Bayerische Landesstiftung, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Potsdam und die Stadtsparkasse Augsburg ermöglichten beispielsweise den ersten Bauabschnitt zur Sanierung des Rundhauses Europa mit einem Volumen von rund 1,244 Millionen Euro. Sehr weit gediehen sind inzwischen auch die Pläne zur Sanierung und Umnutzung des denkmalgeschützten Übernachtungsgebäudes, wo ein Wohnheim für 25 Studenten eingerichtet werden soll. Auch die Gastronomie und die Veranstaltungshalle lockt immer mehr Besucher an. Auf diese Weise schlägt der Bahnpark auf historischem Boden eine Brücke in die Zukunft.

Markus Hehl, Jahrgang 1967, leitet als Architekt und Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH den Aufbau des Kultur- und Museumsprojektes Bahnpark Augsburg.


In unserer Printausgabe #02/2016 präsentieren wir die wichtigsten Kulturbaustellen der Region. Insgesamt 16 Kulturmacher haben hierzu Gastbeiträge beigesteuert.

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