Drinnen und draußen: Kunst im Sommer

21. Juni 2019 - 10:23 | Bettina Kohlen

Ein Kaiser und ein Dichter spielen in diesem Sommer große Rollen im Augsburger Ausstellungsgeschehen.

Kaiser Maximilian I. (1459–1519) pflegte eine enge Verbindung zu Augsburg, die nicht nur auf den Beziehungen zu Augsburger Kaufleuten beruhte, die ihn weitgehend finanzierten und im Gegenzug Privilegien erhielten. Die Stadt war zu dieser Zeit eines der maßgebenden europäischen Zentren, hier spielte – im wahrsten Sinne – die Musik. So bietet Augsburg anlässlich des 500. Todestages von Maximilian eine Schau auf, die dieses spezielle Verhältnis beleuchtet. Die Ausstellung im Maximilianmuseum (das jedoch seinen Namen dem bayerischen König Maximilian II. verdankt) geht anhand zahlreicher Dokumente und Kunstwerke den Spuren des Kaisers nach. Nicht alle Objekte sind Maximilian persönlich zuzuordnen, manches illustriert beispielhaft. Schätze aus den Kunstsammlungen, dem Stadtarchiv und der Staats- und Stadtbibliothek sind durch hochkarätige Leihgaben ergänzt, wie ein Tranchierbesteck, das der Kaiser verschenkte oder ein Paar kunstvolle Rüstungshandschuhe. Das visuelle »Leitmotiv« der Ausstellung und einer der Höhepunkte ist ein Entwurf für ein Reiterstandbild von Hans Burgkmair d. Ä., der aus der Albertina in Wien nach Augsburg reiste. Als spannend erweisen sich auch zunächst unspektakulär wirkende Dinge wie ein Entwurf für ein Knüpfteppichmuster.

Zugegeben: Diese Ausstellung ist mit ihren zahlreichen Dokumenten papierlastig, man sollte sich Zeit nehmen, um in die Geschichte einzutauchen. Der Spaß kommt dennoch nicht zu kurz, denn man kann in eine Virtual Reality beim Alten Einlass eintauchen, der eigens für Maximilian ausgebaut wurde und über eine raffinierte Tor-Mechanik verfügte. Noch eine schöne Idee: Neben dem üblichen Audioguide kann man sich auch mit Musik durch die Ausstellung leiten lassen.

Zum Jubiläumsjahr werden zahlreiche Ausstellungen in Österreich ausgerichtet, das New Yorker Metropolitan punktet ab Oktober sicher mit exponierten Kostbarkeiten. Die Augsburger Schau ist jedoch die einzige in Deutschland, sie stellt die Beziehung zwischen Kaiser und Stadt heraus und lohnt sich unbedingt. Das ergänzende Programm bietet Lesungen, Führungen, ein Konzert und einen History Slam. Zur Ausstellung erscheint ein ambitionierter Katalog mit zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen (35 Euro).

Wirklich großformatige Kunst kann in Augsburg (leider) nur im Kuppelsaal der Galerie Noah präsentiert werden. Dies demonstriert die aktuelle Ausstellung von Christian Awe, Meisterschüler bei Daniel Richter mit Wurzeln in der Graffiti-Szene. Die große Rückwand bespielt er mit  wasserfallgleich von einem Gerüst (hinter dem sich noch Anselm Kiefers Waldlandschaft verbirgt) herablaufenden Papierbahnen, die sich von der Wand über den Boden erstrecken – bunt und laut bemalt, überwältigend. Bei »Seazon« wird Farbe geschichtet, sie läuft und kleckert. Ziemlich eindrucksvoll, ziemlich teuer (320.000 Euro), aber vielleicht auch trügerisch in seiner offensiven Großartigkeit … Awe oszilliert zwischen schwungvoll expressivem Wirken im Farbenclash und hochpräziser hyperrealistischer Malerei. Immer dreht es sich um ein Fließen oder Tropfen, alles scheint irgendwie flüssig zu sein, bevor Awe es auf der Leinwand fixiert. Seine Arbeiten sind Hingucker, besonders überzeugen jedoch die stillen, präzisen Werke wie »Zensuel«. Im Studio nebenan hängen Arbeiten von Harald Gnade aus den letzten Jahren, die durch ihre spannenden Oberflächenkontraste punkten.

In der Schwäbischen Galerie in Oberschönenfeld treibt Kirsten Zeitz Erinnerungsarbeit. Die Künstlerin, die bei Norbert Prangenberg an der Münchner Akademie studiert hat, untersucht die Biographie von Menschen aus ihrem Umfeld, wobei sie Objekte wie deren Möbel zu Bestandteilen ihrer Arbeit macht. Zeitz befasst sich aber auch mit historischen Biographien, die sie nur aus Büchern kennt, wie den Porträts jüdischer Überlebender. Diese beiden Herangehensweisen an das Erinnern stellt die Künstlerin nebeneinander. Wunderbare, zart konstruierte Zeichnungen korrespondieren mit Skulpturen aus Vorgefundenem, das sie mit Stoffen, Stickereien, aber auch Polyurethan verbindet. Zeitz’ kluge zurückhaltende Arbeiten bilden hier ein überzeugendes Ausstellungsensemble, das leider durch den dominanten Fußboden gestört wird … Dennoch: wirklich sehenswert!

Im Sommer geht die Kunst auch mal nach draußen. Die Galeristen Anette Urban und Wolfgang Reichert bespielen bereits zum neunten Mal den Park des Gögginger Kurhauses. Diesmal platziert dort Ottmar Hörl ab dem 30. Juni einhundert kleine Bertolt Brechte, unterwegs »per aspera ad astra« (über raue Pfade zu den Sternen). Die grauen Kunststofffiguren bekommen ihrer Proportionen wegen etwas karikaturhaftes und sind nicht als Denkmal zu verstehen, sondern als Impuls zur Kommunikation. Also dann: Reden wir miteinander über Brecht oder was anderes. Ein Spaziergang durch den Kurpark ist täglich bis abends möglich.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de 
Maximilian I. (1459–1519) Kaiser. Ritter. Bürger zu Augsburg, bis 15. September im Maximilianmuseum

www.galerienoah.com
Christian Awe, im Studio: Harald Gnade, bis 14. Juli

www.museum-oberschoenenfeld.de
Erinnerungsarbeit. Objekte und Zeichnungen von Kirsten Zeitz, bis 7. Juli

www.maxgalerie.de
Ottmar Hörl: Bertolt Brecht – per aspera  ad astra
30. Juni bis 29. September, Eröffnung: 30. Juni, 11 Uhr, im Park des Kurhauses Göggingen

Abbildung: Entwurf für ein Reiterstandbild Maximilians I. bei St. Ulrich und Afra, Hans Burgkmairs d. Ä., um 1508/1509. © Albertina, Wien (Inv.-Nr. 22447)

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