Auf Irrpfaden durch das Holbein Gymnasium

19. November 2019 - 13:32 | Max Kretschmann

Bei der Dramatisierung von Romanen geht oft der literarische Charakter der Vorlage verloren. Dass es auch anders geht, zeigt das junge Ensemble »ZeitSpiel« der Uni Augsburg mit seiner Inszenierung von Kafkas »Das Schloß« in den Räumlichkeiten des Holbein Gymnasiums.

Kafkas »Schloß« zu dramatisieren, kann mit Recht als kühn bezeichnet werden, denn einen Roman auf die Bühne zu bringen, ist ohnehin keine leichte Sache: Filetiert man lediglich die Handlung aus dem Werk, geht die Erzählsituation verloren. Möchte man diese jedoch berücksichtigen, wird das Stück schnell zu einem Hörspiel. In Kafkas berühmten Fragment ist jedoch gerade die Handlung kaum durchschaubar, oder zumindest ist sie sehr rätselhaft. Sie also schlicht nachzuspielen würde nicht funktionieren: Wie soll dem Zuschauer vermittelt werden, was sich schon dem Leser nie ganz erschließt? Dass die Interpretation der studentischen Theatertruppe »ZeitSpiel« dennoch als Erfolg verbucht werden kann, liegt daran, dass sie es geschafft hat, den literarischen Charakter dieses Labyrinths in Raum und Stilistik zu verlagern.

Das Stück wird interaktiv mit viel Publikumsbewegung in den Kreuzgängen und Räumlichkeiten des Holbein Gymnasiums aufgeführt. Zunächst bekommen die Zuschauer Plaketten mit dem Buchstaben »K« darauf, sodass sie selbst zur Hauptfigur des Stücks werden. Als solche werden sie permanent von den Figuren adressiert. Allerdings wird diese Identifikation auch immer wieder gebrochen, wenn wechselnde Darsteller ebenfalls in die Rolle des Protagonisten schlüpfen. Innerhalb der 90 Minuten Spieldauer bewegt sich das Publikum vor und zurück, von Szene zu Szene. Eine Stewardess mit Knicklichtern und ein Führer mit Taschenlampe geleiten dabei die vielen K.’s abwechselnd auf Irrpfaden durch die konfuse Handlung. Diesen zwei Figuren völlig ausgeliefert, breitet sich ein ambivalentes Gefühl von Beklemmung und Komik aus, das an einen Traum erinnert. Am Ende wissen die Zuschauer nicht, was sie da nun erlebt haben, wo die Handlung sich eigentlich hinentwickelt hat, wie es weitergehen könnte, nicht einmal wer dieser K. nun eigentlich ist. Ein Landvermesser?

Das Regie- und Dramaturgie-Team macht dem fragmentarischen Charakter der Vorlage also alle Ehre. Auch wenn die Fülle an Brecht’schen Verfremdungseffekten manchmal ein wenig überhand nimmt, kann man als Zuschauer*in nur das Engagement und die Kreativität dieser studentischen Truppe bestaunen. Und so wie das Ensemble das Stück mit Queens »Bohemien Rhapsody« einleitet und beendet, so wird dem Publikum mit einem Augenzwickern vermittelt, was uns der alte Böhme Kafka möglicherweise fragen möchte: »Is this the real life? Is this just fantasy?« (Max Kretschmann)

Foto (© Thomas Körner-Wilsdorf), von links: Noah Burgardt und Iris Ingerling.

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