Durchhaltevermögen gefragt

2. Oktober 2019 - 8:02 | Jürgen Kannler

Am 4. Oktober besucht Bernd Sibler, bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Augsburg. Anlass ist die Diskussion »Zukunft des Lesens« zum zehnten Geburtstag der Stadtbücherei. Ein Interview

a3kultur: Herr Sibler, wir führen unser Gespräch einen Tag nach Schulbeginn. Was war in diesen Sommerferien Ihre Urlaubslektüre?

Bernd Sibler: Ich bin Historiker, war lange Zeit Deutschlehrer am Gymnasium und Vorsitzender des Bayerischen Bibliotheksverbands. Lesen gehört quasi zu meiner DNA. In den Sommerferien habe ich Barbara Stollberg-Rilingers Biografie über Maria Theresia von Österreich gelesen und außerdem den eher dünnen Band »Kurze Antworten auf große Fragen« von Stephen Hawking – sehr faszinierend! Das war wirkliches Kopfkino. Mit einem Roman von John Grisham habe ich mein persönliches literarisches Sommerprogramm abgerundet.

Sie kommen zu einer Diskussion über die Zukunft des Lesens nach Augsburg. Wie wird sie sein, diese Zukunft, und wie bereiten wir uns und unsere Kinder gut darauf vor?

Natürlich hat sich der Umgang mit Büchern in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren deutlich verändert. Die Aufmerksamkeitszyklen, also die Zeiträume, in denen wir uns intensiv auf eine Sache einlassen wollen, sind heute viel kürzer als noch vor 15 oder 20 Jahren. Das betrifft vor allem auch jüngere Generationen. Sie lesen anders: flexibler, digitaler, situations- und bedürfnisorientierter. Das macht sich an der Spanne zwischen Viellesern, die es ja durchaus gibt, und Wenig- oder Nichtlesern bemerkbar. Das hat gewiss auch mit der Konkurrenz des Buches zu digitalen Medien und diversen Onlineaktivitäten zu tun.

Die Aussagen zur Digitalisierung und Nutzung neuer Medien in den Schulen sind widersprüchlich. Wo die einen größeren Einsatz fordern, stehen andere für Verzicht – wie er auch von Führungskräften aus dem Silicon Valley propagiert und ihrem Nachwuchs verordnet wird. Wie ist Ihre Position?

Die Digitalisierung ist Fakt. Sie findet jeden Tag statt. Fast jeder hat inzwischen ein Handy bzw. ein Smartphone. Die Herausforderung ist, sinnvoll damit umzugehen. Wir müssen Strategien entwickeln, um beim Gebrauch Stopp sagen zu können, und diese Fähigkeit unseren Kindern vermitteln. Zum Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln gehört zum Beispiel auch, Nutzungszeiten zu definieren. Das sind im Wesentlichen Erziehungsaufgaben. Hierbei sind nicht zuletzt die Eltern gefordert, mit ihren Kindern nach Alternativen für die im Netz oder an Geräten verbrachte Zeit zu suchen. Das ist gewiss nicht einfach. Zumal diese sogenannten »Shut up Toys« erschreckend gut funktionieren. Die Kinder sind ruhiggestellt, wenn sie mit dem Tablet oder Handy spielen. Einen reflexionslosen Umgang mit diesen Geräten und den damit verbundenen Möglichkeiten halte ich für sehr schwierig. Lesen und die Beschäftigung mit Literatur – dazu gehören auch Hörspiele – sind eine Alternative. Auch auf die Fähigkeit, längere Texte zu meistern, muss stärker gesetzt werden. Hier ist das Durchhaltevermögen des Einzelnen gefragt. Der gedruckte und analoge Text ist dabei weiterhin ganz zentral. Das zeigt auch die Stavanger-Erklärung zur Zukunft des Lesens.

Welche konkreten Optionen bietet Ihr Haus jungen Leser*innen an?

Unsere Angebote laufen in der breit angelegten Leseförderungsinitiative #lesen.bayern zusammen. Auf dieser Seite stellen wir das Lesen als Kulturmittel in den Fokus. Vonseiten des Kunstministeriums fördern wir darüber hinaus gezielt die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach oder etwa die Internationale Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg. Auch die Arbeit des Vereins »Bayern liest« und den Friedrich-Bödecker-Kreis unterstützen wir bei ihrer wertvollen Arbeit für die Leseförderung von Kindern und Jugendlichen. Ich halte Lesen ohne erkennbaren äußeren Zweck für sehr wertvoll. Der innere Antrieb ist entscheidend. Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch, Kinder über moderne Bibliothekskonzepte an die Welt der Bücher heranzuführen. Dies geschieht an Schulen, aber auch mitten in unseren Städten. Augsburg ist dafür ja ein gutes Beispiel.

Mit seiner von den Bürger*innen erstrittenen neuen Stadtbücherei oder dem Erfolgsmodell der Lese-Inseln an Grund- und Mittelschulen.

Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger ist in diesem Bereich unglaublich wertvoll. Und der Erfolg gibt allen recht, die sich für das Thema Lesen einsetzen! Die Bibliotheken haben pro Jahr mehr Besucher als alle Fußballspiele des Landes zusammen.

Lassen Sie uns vom Lesen einen Sprung zum Theater machen. Vor einem Jahr wurde Augsburgs Stadttheater auf Initiative von Ministerpräsident Markus Söder zum Staatstheater. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Arbeit des Hauses?

Bisher wurde gute Arbeit geleistet. Und das unter den besonders schweren Bedingungen, die in Augsburg gerade herrschen. Durch die Baumaßnahmen mussten neue Spielstätten und eine Interimsstruktur etabliert werden. Das funktioniert. Davon konnte ich mir vor Ort schon ein Bild machen. Auch künstlerisch ist das Haus auf einem guten Weg.

Unter diesen Voraussetzungen sollte die in den kommenden Monaten anstehende Vertragsverlängerung von Intendant André Bücker ja glatt über die Bühne gehen. Oder sehen Sie das anders?

Ich habe ja fast schon vermutet, dass Sie mir in dieser Frage eine Richtungsweisung abringen wollen. Aber da muss ich leider passen. Der Vertrag mit Herrn Bücker läuft noch und er macht eine gute Arbeit. Aber Verhandlungen sind Verhandlungen. Über die spricht man nicht öffentlich. Für die Verlängerung ist letztendlich der Stiftungsrat des Staatstheaters zuständig.

Sie loben die Arbeit des Augsburger Staatstheaters. Gleichzeitig werden Sie mit Nachrichten konfrontiert, dass die Kosten beim Neubau aus dem Ruder laufen. Bereiten Ihnen diese Meldungen Kopfzerbrechen?

Die Sanierung des Großen Hauses ist in der Tat ein großes Projekt für die Stadt als Eigentümerin der Immobilie. Sicherlich wird es auch hier Lösungen geben. Diese müssen aber in erster Linie von der Stadt gefunden werden, auch wenn der Freistaat dazu selbstverständlich seinen finanziellen Beitrag leistet. Mein Augenmerk liegt – als Mitglied im Stiftungsrat des Staatstheaters Augsburg – auf dem laufenden Theaterbetrieb.

Die Theaterbaustelle ist, wenn ich Sie recht verstehe, für Sie in erster Linie ein Augsburger Problem. Das lassen wir erst einmal so stehen. Für die Arbeit der Staatsgemäldesammlungen und der TU München tragen Sie aber auch Verantwortung. Beide Einrichtungen beenden ihr Engagement in Augsburg. Die Pinakotheken verlassen ihre Zweigstelle im Glaspalast und die TUM zieht sich von der Trägerschaft des Architekturmuseums Schwabens zurück. Warum bröckelt der viel beschworene Schulterschluss zwischen der Staatsregierung und dem Augsburger Rathaus?

Ich habe Ihren Kommentar zu diesem Thema gelesen, kann Ihnen aber nicht zustimmen. Mit dem tim, dem Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg, unterhält der Freistaat das erfolgreichste Museum der Region in Augsburg. Die Staatsregierung hat im letzten Jahr die Uniklinik und das Staatstheater auf den Weg gebracht. Augsburg ist uns wichtig und wird von uns sehr gut begleitet, da möchte ich gar keine Zweifel aufkommen lassen.

Immerhin werden diese beiden Institutionen mit erheblichen Mitteln aus einer Augsburger Stiftung bzw. dem Kulturetat der Stadt gespeist. Da macht das fehlende Engagement aus München erst einmal sprachlos.

Es ist eher ein Zufall, dass diese beiden Themen zeitlich zusammenfallen. Wobei man ja sagen muss, dass die Pinakotheken ihrer Dependance in der Katharinenkirche – übrigens der ältesten Zweiggalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen – treu bleiben werden. Und auch beim Engagement der TUM im Architekturmuseum ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Es gibt durchaus Signale aus der TUM, dass nach wie vor Gesprächsbereitschaft und der Wille zu einer weiteren Kooperation bestehen, vielleicht auch in Zusammenarbeit mit einem neuen Partner oder Museumsträger. Ich bin diesbezüglich mit dem derzeitigen Präsidenten der Universität Prof. Dr. Wolfgang Herrmann und seinem Nachfolger Prof. Dr. Thomas Hofmann im Gespräch. Ich bin zuversichtlich, dass die TUM mit ihrem derzeitigen und gegebenenfalls auch weiteren möglichen Partnern in Augsburg eine vernünftige, wenn vielleicht auch keine ganz schnelle Lösung finden kann.

Bei einem anderen Kulturprojekt der Region konnten Sie schnelle Hilfe leisten …

Im Dezember startet die Ausstellung der Kunstsammlungen und Museen Augsburg »Kunstschätze der Zaren – Meisterwerke aus Schloss Peterhof«. Wir unterstützen dieses internationale Projekt mit rund 97.000 Euro aus dem Kulturfonds Bayern, dessen Mittel auch kurzfristig für Besonderes und Unvorhergesehenes zur Verfügung stehen.

Das Haus der Bayerischen Geschichte mit Sitz in Augsburg ist Ihrem Ministerium unterstellt und plant für das kommende Jahr quasi ein Heimspiel.

Die Bayerische Landesausstellung 2020 im Wittelsbacher Land wird für die gesamte Kulturregion von Bedeutung sein. Das Haus der Bayerischen Geschichte setzt mit seiner Arbeit von Augsburg aus wichtige Strukturakzente. Das fördert Synergien und unterstützt Hebelwirkungen. Es führt Menschen und Ideen zusammen. Diese Kontakte aufzubauen, ist gerade in einem Flächenstaat sehr wichtig. So entsteht Qualität mit internationaler Strahlkraft im ganzen Land und nicht nur in der Hauptstadt. Und wenn die Qualität stimmt, ist vieles andere Makulatur.

Herr Sibler, vielen Dank für das Gespräch.


Mit einem umfangreichen Jubiläumsprogramm feiert die Stadtbücherei im Oktober ihren zehnten Geburtstag. Dazu zählt eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zur Zukunft des Lesens (4. Oktober, 19 Uhr). Es diskutieren Bernd Sibler, bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Dr. Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, Prof. Dr. Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler und Peter Kosak, Leiter des Schulwerks der Diözese Augsburg. Es moderiert Dr. Ulrike Schaupp von der Universität München.

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