Echokammer of Pre-Anything

20. Oktober 2019 - 20:06 | Martin Schmidt

Das großartige Debüt-Album von H, dem neuen Projekt der Mitglieder von Rhytm Police, Das Hobos und Le Roy, ist ein feudaler, experimenteller Melting Pot aus Electronica, Kraut, Dance und Postrock. Eine Rezension von Martin Schmidt.

H, das neue Projekt der Mitglieder von Rhytm Police, Das Hobos und Le Roy, legt sein selbstbenanntes Debüt-Album vor. H, das ist das bisher fehlende »H« in »Rhytm Police«, und als Letter-Solitaire der Buchstabe der Zukunft im süßen Alphabet der MashupTronica-Bewegung. H ist ein funkenschlagendes Motherboard aus Electronica, Kraut, Dance, Ambient, Lounge, Postrock und kosmischem Groove-Wahnsinn, ein Netz aus Rhythmen, Patterns, Klangfiguren. Dabei entwirft das Duo die H-Definition von schabendem, labenden, in die Tiefe grabenden Krautrock, gratiniert mit unfassbarer Dub-Coolheit. Kontrollierte Verspultheit galore.

Gut kann man sich vorstellen, wie in einer Klang- und Mischpultsauna die Körper von Leo Hopfinger, Tom Simonetti und Albert Pöschel (Echokammer) eins werden, zu einem vibrierenden einzigen Musikproduzenten-Body werden, aus dem allerliebst Platinen und CPUs wachsen. H, ein hochleistungsfähiger Lust-Core-Prozessor aus Psychedelic, Dub, Drum-Magiertum, Minimal-Techno, Ethnoeinflüssen, R'n'B, und sogar Cloudrap. In einer sexy Special-Effects-Lounge vermählen H analoge und digitale Klangsphären, verknüpfen Electronica mit Post-Anything, vielleicht sogar mit Pre-Anything. Um es für Musiker zu sagen: ein Melting (Pan-)Pot. Das Album ist Wodka, Rotwein, Obstler und Kefir zugleich, und es funktioniert, denn dein Ohr hat ein Magen wie ein Pferd. Auf der Zunge süß-explosiv wie Granaten und Granatapfelkerne.

Immer wieder leuchten sogar Artrock-Elemente wie von Talk Talk oder Japan auf, dazu Tortoise-ige Aristokratie und Notwistige Sensibilität. Eine Platte aus Kopf und Bauch, mit einsteckbarer Nabelschnur in den Kosmos. Ja. Was anderes tun als hören – deep listening –, grooven, tanzen bei all den Skits als Samples, den auf Aux-Kanälen brutzelnden, feinen Psychedelic- und Trance-Knusperln, den Glitches und Noises, den 80er-Sounds und dem Hiphop-Madchester-Perkussionsfeuer? »H« ist ein fantastisch tanzbarer Overload aus wärmsten Bedeutungslücken, aus Postrocken und Rostpocken. Dieses gesamte Style-Moiree, ja: hingesamte Geil-Mobilee ist Ausrasten auf hohem internationalen Niveau. Mit welcher Virtuosität, Beiläufigkeit und non-chalantem In-the-know hier Styles verwirbelt, zusammengeküsst, aufgedröselt und verdubbt werden, muss man gehört und erlebt haben. Wie sang die berüHmte Popjournalistin H-Lene DietricH einst so scHön? IcH Hab nocH einen Kiffer in Berlin.

Das Album ist als Vinyl und CD auf Echokammer erschienen. 
Den Song »Internationaler Tiefbau« gibt es hier zu hören.

Thema:

Weitere Positionen

30. Oktober 2020 - 12:04 | Gast

Die Universität Augsburg ist aus der Stadt nicht mehr wegzudenken. Im Interview zeichnet der Historiker Stefan Paulus die Entwicklung einer über 50-jährigen Erfolgsgeschichte nach.

29. Oktober 2020 - 14:52 | Martin Schmidt

Sebastian Karner, neuer 1. Vorsitzender der Club & Kulturkommission Augsburg, spricht im Interview mit a3kultur über die Zukunft der Clubszene in Corona-Zeiten.

29. Oktober 2020 - 13:08 | Dieter Ferdinand

Am 21. Oktober hielt Dr. Michael Mayer im Festsaal der Synagoge den Vortrag »Judenfeindschaft im Schatten des Holocaust. Die antisemitische Politik des französischen Vichy-Regimes«.

28. Oktober 2020 - 10:12 | Gudrun Glock

»Wie Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen können« zeigt Natascha Wegelin in ihrem Buch.

27. Oktober 2020 - 11:07 | Jürgen Kannler

Das Streichkonzert beim ersten Etat unter Corona-Bedingungen hat begonnen. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

23. Oktober 2020 - 15:37 | Patrick Bellgardt

Die ersten Wochen der neuen Saison sind gespielt, nun steigen die Corona-Fallzahlen wieder. Theatermacher*innen wie André Bücker und Sebastian Seidel müssen unter wechselnden Pandemiebedingungen arbeiten.

22. Oktober 2020 - 9:15 | Bettina Kohlen

Der vielseitig tätige Künstler Felix Weinold ist aktuell mit mehreren Ausstellungen in der Region präsent, darunter ist auch eine umfangreiche Einzelschau im Augsburger Holbeinhaus.

20. Oktober 2020 - 10:39 | Dieter Ferdinand

Im Kulturhaus abraxas las der Schauspieler Matthias Klösel den Bericht des Auschwitz-Überlebenden Ludwig Frank.

19. Oktober 2020 - 10:56 | Patrick Bellgardt

»Kunst und Kultur im Quartier – Wie geht das zusammen und was soll das?« Diese Frage stellte sich eine Diskussionsrunde, zu der die a3kultur-Redaktion Anfang Oktober auf das Gaswerkgelände geladen hatte.

16. Oktober 2020 - 11:02 | Max Kretschmann

Am 9. Oktober feierte das Sensemble Theater in Kooperation mit dem Neuen Theater Burgau die Premiere von Friedrich Dürrenmatts »Der Mitmacher«. Regie führte Phillip J. Neumann, assistiert von Lisa Bühler. In den Hauptrollen waren Heiko Dietz, Dörthe Trauzeddel und Birgit Linner zu sehen.