Ein echtes Punk-Projekt

18. Oktober 2016 - 8:25 | Patrick Bellgardt

Zu laut fürs Altersheim und zu versaut für den Kindergarten – Julia Gámez Martin und Ariane Müller aka Suchtpotenzial schlagen eine Brücke zwischen Rock ’n’ Roll und Musikkabarett. Ein Interview

Das Zwei-Frauen-Projekt singt und sinniert mit viel Ironie und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen über Sex, Drugs und den Weltfrieden. 2013 erstmals zusammen auf Tour, konnten die beiden bereits den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg und den Prix-Pantheon-Publikumspreis nach Hause holen. Am 21. Oktober um 20 Uhr gastieren Suchtpotenzial mit ihrem aktuellen Programm »Alko-Pop 100 Vol. %« in der Augsburger Kresslesmühle. a3kultur sprach mit Ariane Müller (links im Bild), Pianistin und Gitarristin des dynamischen Duos.

a3kultur: Wenn man euren Bandnamen bei Google eingibt, erscheint eure Homepage knapp vor cannabislegal.de. Bei Amazon schreibt ein zufriedener Käufer eures Albums: »Funktioniert auch ohne den Konsum von Alkohol!« Was soll man davon halten?
Ariane Müller: Die Suchmaschinenoptimierung war jetzt nicht der Grund für unseren Bandnamen. Dass wir alle unsere Songs zugedröhnt schreiben und dass man sie auch besoffen hören soll, ist natürlich eher augenzwinkernd gemeint.

Pop, Rock, Comedy, Kabarett – ihr lasst euch nicht gerne in Schubladen stecken, weshalb ihr euch mit »Alko-Pop« kurzerhand ein eigenes Genre geschaffen habt.
Wir nehmen uns nicht allzu ernst, und dieses »Alko-Pop«-Ding ist tatsächlich aus einer Schnapsidee in Bierlaune heraus entstanden. Dass Suchtpotenzial einmal zu unserer Hauptbeschäftigung wird, war nicht wirklich abzusehen.

Du hast deine Mitstreiterin Julia Gámez Martin 2011 bei einer Produktion am Theater Ulm kennengelernt. Was hat euch zu einem eigenen Projekt bewogen?
Die Arbeit am Theater ist nach wie vor sehr strukturiert und konservativ, da wollten wir einfach mal etwas total Albernes und Absurdes machen, ein echtes Punk-Projekt. Wenn man auf eigene Faust unterwegs ist, kann man einfach völlig drecksaumäßig machen, worauf man Bock hat: kein Regisseur, keine vorgefertigten Texte zum Auswendiglernen. Das ist für uns schon eine große Befreiung.

Was für ein Feedback bekommst du von deinen Kollegen aus Theatertagen zu Suchtpotenzial?
Die meisten sind da recht aufgeschlossen. Ich habe am Theater eher die Rock-’n’-Roll-Musicals wie »Hair« oder »Rocky Horror Show« gemacht. Da war also schon ein gewisser Hang zu witzigem und ein bisschen trashigem Material vorhanden.

Eure Songs handeln von Penisneid, Wutmenschen, BH-Größen und der Liebe zu Kaffee. Wie entstehen eure Texte?
Unsere Texte entwickeln sich grundsätzlich aus Themen, die uns interessieren, aufregen oder beschäftigen. Das kann alles sein, was uns so über den Weg läuft – zum Beispiel die aktuelle Debatte um ein Burkaverbot. Da haben wir wild diskutiert: Soll man das jetzt verbieten oder nicht? Warum wird einem eigentlich ständig irgendwas verboten? Es wird immer nur diskutiert, was Frauen anziehen sollen, die Terroristen sind aber immer männlich … Und so haben wir für uns beschlossen: Wir fordern jetzt Jogginghose und Gammel-Look für alle Frauen!

Es gibt aber auch Themen, da sind wir uns gar nicht einig. Julia isst ständig Fleisch und ist ein richtiger Grillfan, ich dagegen bin Vegetarierin. Das ist ein Streitpunkt, bei dem wir noch keinen richtigen Kompromiss finden konnten. Auf der Bühne verarbeiten wir das Ganze zu einer musikalischen Auseinandersetzung in Form eines Duetts.

Reizt es euch nicht, aus dem Duo eine richtige Band zu formen? Zu eurem »Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll«-Motto würde das doch bestens passen.
Wenn wir ausreichend Geld gespart haben, auf jeden Fall. Zu unserem CD-Release im Ulmer Roxy haben wir beispielsweise schon mit Band gespielt. Sobald wir genügend Leute zu unseren Auftritten ziehen, rücken wir mit dem großen Nightliner an – versprochen!

Und dann ab in die großen Stadien?
Genau, das ist der Moment, auf den wir warten, zehn eingeölte Nackttänzer inklusive. Noch sind wir ein Stück weit davon entfernt, aber wir bleiben optimistisch! Unsere »Wir wären gerne Rockstars«-Attitüde wäre dann zwar weg, uns fällt aber bestimmt etwas Neues ein.

www.suchtpotenzial.com

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