Ehrenamtlich für Mitbürger

29. Juni 2017 - 20:31 | Iacov Grinberg

In Augsburg gibt es etwas, das für viele deutschsprachige Bürgerinnen und Bürger wohl unbekannt ist – ein russischsprachiges Sorgentelefon. Ein Projekt, das seit bereits 12 Jahren auf ehrenamtlicher Basis funktioniert.

Ins Leben gerufen wurde das Sorgentelefon 2004. Der neu gewählte rot-grüne Stadtrat hatte angesichts dürftiger Stadtkassen eine Volksinitiative gestartet. Anfang 2003 wurde auf Initiative des damaligen Sozialreferenten Dr. Konrad Hummel das Bündnis für Augsburg ins Leben gerufen, eine lose Vereinigung von Menschen, die mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit das öffentliche und soziale Leben der Stadt verbessern wollten. Es wurden eine Menge Projekte vorgeschlagen, alles nach dem Prinzip: Hast du etwas vorgeschlagen – schließe dich der Verwirklichung an. Einige dieser Projekte sind nicht gelungen, viele aber wurden verwirklicht und sind bis heute aktiv, darunter das russischsprachige Sorgentelefon.

Wenn Sie ein Problem haben, möchten Sie dieses mit jemand besprechen, der Sie versteht, in der Sprache, die dazu am besten passt. Russisch passt dabei nicht nur den Erwachsenen: Schüler aus russischsprachigen Familien, auch wenn sie keine Probleme mit Deutsch haben, ziehen nicht unbedingt die Sprache ihres Wohnorts vor.

Ich bin auf dieses Problem gestoßen, als meine Nichte in Kanada in einem Vordruck ihre Muttersprache bezeichnen sollte. Ihre ersten drei Jahre lebte sie in der UdSSR, danach mit russischsprachigen Eltern in Israel. Dort begann sie die Schule zu besuchen. Sie hat vollkommen befriedigendes Russisch gelernt und problemlos Hebräisch. Später übersiedelte die Familie nach Kanada. Ihr Abitur machte sie dort mit inzwischen exzellentem Englisch. Welche Sprache ist nun als Muttersprache anzugeben?

Eine kluge Schullehrerin hat ihr die Lösung verraten. Es ist nicht jene Sprache, in der du zählst oder in der du denkst, sondern die Sprache, in der du am besten deine Gefühle äußern kannst. Als solche erweist sich die Sprache, in der ein Mensch während der Pubertät von circa 11 bis 15 Jahren seine Gefühle mit Altersgenossen bespricht. In dieser Sprache geht es am besten, eigene Probleme zu besprechen, weil Probleme in der Regel oft verwirrte Gefühle bedeuten. Für sehr viele, sowohl Erwachsene als auch Kinder, ist diese Sprache Russisch.

Es wäre wünschenswert, mit Menschen mit gleicher Mentalität zu sprechen. Das sind keine leeren Worte: einige Dinge, die Deutschen ganz natürlich scheinen, scheinen Russischsprachigen oft sonderlich und umgekehrt. Schließlich lasen wir in der Kindheit auch verschiedene Märchen. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie man Kindern erklären soll, dass Max und Moritz für ihre bösen Scherze anstatt darüber zu lachen eher bestraft werden sollen.

Die Stadt hat für das vorgeschlagene Sorgentelefon einen Raum zur Verfügung gestellt, die Finanzierung und die organisatorische Arbeit übernommen. Nicht alle haben das Talent, mit Menschen zu sprechen und ihnen zuzuhören. Es ist nicht einfach, ruhig und freundlich durch oft verworrene Erklärungen durchzudringen, um mit dem Gesprächspartner bis zum Wesen seines Problems zu gelangen. Bevorzugt wurden also Menschen mit einer entsprechenden Bildung, zum Beispiel Sozialpädagogen, als Telefonisten ausgewählt. Die Mitarbeiter sollten auch mit der Sprache der deutschen Bürokratie vertraut sein, in der die Papiere geschrieben sind, die viele betroffene Menschen in Verlegenheit bringen. Und – lachen Sie nicht – die Ratgeber am Telefon sollten auch über eine angenehme Stimme verfügen.

Natürlich haben beim Aufbau Spezialisten von anderen Sorgentelefonen geholfen. Sie führten Trainings durch, hielten Vorlesungen, teilten eigene Erfahrungen mit und brachten eine Menge Literatur und Hilfsmaterialien. Einen Spezialisten hat der Wunsch der Menschen, anderen freiwillig zu helfen, so entzückt, dass er zwei Jahre kostenlos in seiner Freizeit aus München kam, um die Feinheiten dieser Tätigkeit zu erklären.

Daraufhin hat sich ein Kollektiv aus 15 Menschen (darunter nur ein Mann) gebildet. Im Laufe von mehr als 12 Jahren hat sich das Kollektiv nur zu ca. 40 % geändert. Jedes Mitglied arbeitet zwei Stunden pro Woche. In der Woche kommen 10 bis 12 Anrufe, für einige Gespräche reichen 10 Minuten aus, öfter zieht sich das Gespräch aber über eine Stunde oder länger hin.

Auf dem Tisch vor dem diensthabenden Mitarbeiter steht ein Telefon, ein einfaches, ohne Wählscheibe oder Anzeige der Rufnummer des Angerufenen. Der Mitarbeiter weiß nicht, wer anruft und von welcher Nummer, er kann auch selbst keine Nummer anwählen, das ist das Prinzip. Theoretisch, wenn der Mitarbeiter hört, dass es um Suizidgefahr geht, kann er die Polizei wissen lassen, dass sie Maßnahmen ergreifen müssen. Die Polizei hat sowohl das Recht als auch die Möglichkeiten zu bestimmen, wer anruft, um Selbstmord zu verhindern. In der Praxis wurde das noch nie benötigt.

Man ruft aus den verschiedensten Gründen, manchmal sehr einfachen, manchmal wirklich komplizierten, manchmal sehr traurigen an. Oft rufen Menschen an, die sich einfach aussprechen möchten. Manchmal rufen Schullehrer an, um zu konsultieren, wie diese oder jene Handlungen der russischsprachigen Schüler zu verstehen seien und was zu machen ist. Und manchmal rufen auch Spaßvögel an – ohne sie geht es nicht. Aber wenn du mit einem solchen Spaßvogel ruhig und freundlich sprichst, wird es allmählich klar, dass auch er viele Probleme hat. Mit seinen Scherzen versucht er, vor ihnen zu fliehen, anstatt sie zu lösen.

Das russische Sorgentelefon ist eines von sehr wenigen in Deutschland und das einzige auf freiwilliger Basis. Ich nenne es als ein Beispiel ehrenamtlicher Arbeit, für welche die Stadt Augsburg mit dem Bündnis für Augsburg den Deutschen Engagementpreis 2011 erhielt. Wenn Sie auf die Webseite www.buendnis.augsburg.de schauen, finden Sie dort weitere Projekte, die ihresgleichen suchen: Tschamp: Ferien in Augsburg, Wohnungsanpassungsberatung, Demenzpaten, Familienpaten, Lesepaten und viele andere. Es gibt noch sehr viele Felder, wo das öffentliche und soziale Leben der Stadt mit Bemühungen der Ehrenamtlichen verbessert werden kann. Wenn Sie ein solches Feld erkennen und bereit sind, mit Ihren Bemühungen dazu beizutragen, wenden Sie sich an das Bündnis für Augsburg (Ernst-Reuter-Platz 1, 86150 Augsburg, Tel.0821 324-3043 oder 0821 324-3045, buendnis@augsburg.de) oder an das Freiwilligenzentrum (Philippine-Welser-Straße 5a, 86150 Augsburg, Tel.: 0821 450422-0, info@freiwilligen-zentrum-augsburg.de).

Russischsprachiges Sorgentelefon: 0821 4508000
Sprechzeiten: Montag bis Freitag 19:00–22:00 Uhr

Weitere Positionen

18. September 2020 - 12:31 | Bettina Kohlen

Im schwäbischen Donautal sind seit 2018 ungewöhnliche Bauten am Wegesrand zu entdecken: Sieben Kapellen werden es am Ende sein – dank der Initiative der Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung.

17. September 2020 - 9:52 | Gudrun Glock

Das Beste aus der Region vereinen: Die Genossenschaft »Herzstück Horgau« fördert Gemeinschaft, Genuss und Kultur.

15. September 2020 - 14:34 | Gast

»Leus Tierleben« – die Herbst-Ausstellung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg zeigt vom 16. September bis 6. November Werke des Augsburger Forschers Johann Friedrich Leu (1808–1882). Ein Gastbeitrag von Dr. Karl-Georg Pfändtner

14. September 2020 - 6:32 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im September mit »The King’s Men: The Beginning« und »David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück«

10. September 2020 - 13:30 | Gudrun Glock

a3regional-Buchtipp: »Asien vegetarisch. 120 Rezepte von Mumbai bis Peking« von Meera Sodha

7. September 2020 - 7:00 | a3redaktion

»Diversität« sollte längst eine Selbstverständlichkeit sein. Die Zukunft von Medien hängt davon ab. Ein Kommentar von Alfred Schmidt.

3. September 2020 - 6:43 | Bettina Kohlen

Buchtipp: »vorübergehend geschlossen«, ein Bildband des Fotografen Michael Schreiner

31. August 2020 - 6:10 | Renate Baumiller-Guggenberger

Lieber komplizierter gewordene Kulturangebote als gar kein Bühnenvergnügen. Ganz klassisch – die a3kultur-Klassik-Kolumne

28. August 2020 - 13:51 | Juliana Hazoth

In seinem Buch »Ein N**** darf nicht neben mir sitzen« schildert David Mayonga aka Roger Rekless seine Erfahrungen mit Rassismus. Juliana Hazoth traf den Rapper, Pädagogen und Radiomoderator zum Interview.

27. August 2020 - 9:38 | Marion Buk-Kluger

Auf den Spuren der Fugger in Europa und auf dem Weg zu 500 Jahren Fuggersche Stiftungen 2021.