Ausstellungen & Kunstprojekte

Fest der Porträtmalerei

Iacov Grinberg
18. März 2016

Künstlerfreundschaften sind ein ergiebiges Thema in der Kunstgeschichte. Die neue Ausstellung, die ihre Pforten im zweiten Stock des Schaezlerpalais und im Grafischen Kabinett eröffnet hat, erzählt über die Freundschaft, die Augsburgs berühmten Sohn Moritz Rugendas und die russische Malerin Julie Hagen Schwarz verband. Als russische Malerin kann man Letztere dabei jedoch nur bedingt bezeichnen. Freilich gehörte ihre Heimatstadt Dorpat (heute: Tartu, Estland), wo sie 1824 geboren wurde, seit 1721 zum russischen Zarenreich, sie war aber auch Teil des deutschen Kulturraums. Wie fast alle Städte der baltischen Südküste war sie Hansestadt. Auch die dortige 1802 gegründete Universität war deutschsprachig.

Den ersten Unterricht erhielt Julie von ihrem Vater, dem Maler August Matthias Hagen, ihre weitere Ausbildung erfolgte seit 1846 in Dresden und seit 1848 in München. Dass von 1851 bis 1854 dank eines Stipendiums des Zaren Nikolaus I. drei Jahre in Rom folgten und dass sie 1858 zum Mitglied der Petersburger Kunstakademie ernannt wurde, änderte an ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Malschule nichts. Schon allein ihre Immatrikulierung in Dresden bestätigt, dass sie ein großes Talent für die Malerei hatte. Eine Frau konnte zu jener Zeit – im Unterschied zu den heutigen Verhältnissen – ein solches Studium nur bei großer Begabung aufnehmen. Ihr Erfolg erlaubte es ihr, die Ausbildung in München, wo ihr Onkel lebte, fortzusetzen. Dort studierte sie beim Genremaler Moritz Rugendas, der ihr Mentor wurde und mit dem sie eine Freundschaft verband.

Eigentlich sind die Beziehungen von Künstlern untereinander, besonders der beiden Geschlechter, immer ein heikles Thema für das Publikum und für den Klatsch und Tratsch – werfen Sie nur einen Blick in Hochglanzmagazine. Hier liegt jedoch ein anderer Fall vor. Rugendas unterrichtete die junge Malerin nicht nur, wie es für einen Mentor üblich ist, er fragte sie auch in verschiedenen künstlerischen Angelegenheiten um Rat. Noch lange Zeit nach Julies Studium standen sie in Briefwechsel. Dies ist im zweiten Teil der Ausstellung, im Grafischen Kabinett, reichlich mit Dokumenten belegt.

Die Ausstellung »Mut, liebe Julie!« zeigt viele Bilder, nicht nur von Moritz Rugendas und Julie Hagen Schwarz, sondern auch von ihren Lehrern und ihrer künstlerischen Umgebung. Die Schau gestaltet sich als ein Fest der akademischen Malerei dieser Periode und die Bilder harmonieren sehr gut mit den Räumen des Schaezlerpalais. Die zahlreichen ausgestellten Porträts sind von Künstlerinnen und Künstlern in vergleichbarer Maltechnik geschaffen und gründen auf ein und derselben Malschule. Sie verdeutlichen aber auch eine Besonderheit. Damalige Porträts sollten natürlich die Gesichtszüge der porträtierten Person wiedergeben, zeigten aber in erster Linie eine Person in ihrer gesellschaftlichen Position. Mit dem Schmuck, der dem gesellschaftlichen Stand entsprach, oder mit einem Kaschmirschal, der damals mehr als ein Haus kostete. Der Gesichtsausdruck auf den von männlichen Künstlern geschaffenen Porträts ist neutral, wie bei heutigen Passfotos. Bei den von Künstlerinnen geschaffenen Porträts ist er jedoch deutlich emotionaler. Frauen sind wesentlich emotionaler als Männer, wie ich meine – das war schon damals bekannt, ist bis heute so und wird wahrscheinlich ewig so bleiben.

Sie können diese schönen Bilder und interessanten Dokumente noch bis zum 5. Juni bewundern. (Iacov Grinberg)

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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