Eines der letzten seines Standes

15. Oktober 2018 - 8:56 | Iacov Grinberg

Das Comoedia Mundi-Ensemble kam unter anderem mit »Follow me« nach Augsburg

Die drei Tänzerinnen Christina Schmiederer, Iken Marei Sturm und Sarah Schwarz haben mit Bewegungen, die an ein modernes Ballett erinnerten, mit einer schönen Choreographie und einer fast die ganze Zeit sitzenden und schreibenden Figur (Loes Snijders) ein heikles Thema behandelt: die Abhängigkeit von Smartphones.

Diese Abhängigkeit beobachten wir, wenn nicht bei den eigenen Kindern, täglich auf Straßen, in Bussen, Cafés etc. Dieses Thema zusammen mit dem durch Smartphones verursachten gesellschaftlichen Wandel, wird in der wissenschaftlicher Literatur heftig diskutiert Das Stück hat dieses Thema mit künstlerischen Mitteln sehr konvex und anschaulich behandelt.

Eigentlich sollte ich Ihnen, liebe Leser, empfehlen, das Stück selbst anzuschauen, kann es aber nicht: Die Aufführung war während des Gastspieles von Comoedia Mundi einmalig. Wann dieses Theater noch einmal nach Augsburg kommt und ob es überhaupt kommt steht in den Sternen.

Das Comoedia Mundi-Ensemble wurde 1983 gegründet und ist ein mobiles Theater. Obwohl es einen festen Platz im Schloss Trautskirchen hat, führt es seine Spektakel auf unterschiedlichen Plätzen auf: Im Winter in festen Häusern, Theatern und Kulturhallen, im Sommer in einem beheizbaren Zelt mit 150 Plätzen. Von einem Spielort zum anderen benötigen sie einen Transport in der Größe von 11 Zirkuswägen.

Selbst die lange Existenz von 35 Jahren ist fast eine Ausnahme. Das Ensemble wurde von Fabian Schwarz zusammen mit einer handvoll Gleichgesinnter gegründet und existiert heute noch Dank seines Enthusiasmus. Theaterbetriebe lösen sich häufig auf. Manchmal bleibt die Benennung, ganz selten eine besondere Art oder Richtung.

Die Schauspieler kommen und verlassen nach einiger Zeit Comoedia Mundi, eine neue Generation rückt nach und nur der Gründer führt hartnäckig das Theater zusammen mit Loes Snijders weiter. Die finanzielle Unterstützung des Staates deckt ca. 30% der Jahreskosten (für ein Stadttheater sind das ca.90%), Theatereinnahmen und Gastronomie erwirtschaften etwas, der Rest bleibt als Verschuldung offen. Paten, Sponsoren und Spenden erlauben es, sich über Wasser zu halten. Das Hauptproblem dieses Theaters ist jedoch das Schrumpfen seiner eigenen Marktnische.

Der Aufbau- und Vorbereitungsaufwand auf einem neuen Platz ist groß und lohnt sich, wenn das Gastspiel etwa drei Wochen andauert. Früher kamen ausreichend Zuschauer, auch in den Städten mit 50.000 oder 100.000 Einwohnern, heute geht das nur in den Städten mit ab ca. 200.000 Einwohnern. Warum?

Einerseits war in den 80er-Jahren eine Fahrt in eine große Stadt für einen Theaterbesuch unüblich. Ein Theater, das zu den Zuschauern gekommen ist, war willkommen. Kleine Theater arbeiten heute meist für Zuschauer im Kindergartenalter sowie für Schüler der Grundschule. Andererseits gab es nur wenige Fernsehprogramme, es gab damals noch keine Videorecorder und kein YouTube mit unzähligen gespeicherten Aufführungen. Theaterbesuche waren begehrt. Außerdem ist heute für die junge Generation – auch Dank des Internets und des Smartphones – ein gemeinsamer Theaterbesuch unmodisch geworden. Viele erkennen einfach nicht, dass das direkte Erlebnis, live in einem Saal zusammen mit anderen Zuschauern zu sitzen und sich die Aufführung anzuschauen, wesentlich emotionaler ist als vor einem Bildschirm.

Das ist der Grund, warum ich diesem mobilen Theater viel Erfolg wünsche. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es dem Augsburger Publikum gelingt, noch einmal dieses Spektakel zu sehen. Falls dies doch noch eintreffen sollte – schauen Sie sich dieses Theater unbedingt an!

www.comoedia-mundi.de

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