Einige Fragen zu Brecht

1. April 2019 - 9:23 | Jürgen Kannler

Bertolt Brecht gehört zu Augsburg. In dieser Stadt wurde der Künstler im Februar 1898 geboren. Aber ist sie deshalb schon eine Brechtstadt?

Wird dieser Titel qua Geburt vor Ort erworben oder sollte man sich diese Ehre nicht immer wieder von Neuem erarbeiten müssen? Brecht gehört heute zu den am meisten gespielten Dramatikern weltweit. Seine Bedeutung und seine Prominenz scheinen kein Verfallsdatum zu kennen. In vier Jahren können wir seinen 125. Geburtstag feiern. Wir sollten uns im Vorfeld jedoch einige Fragen stellen. Zum Beispiel: Welche Bedeutung hat Brecht und werden wir dieser gerecht? Die a3kultur-Redaktion hat sich Anfang März mit einer Gruppe von Brechtfachleuten und -liebhaber*innen in seinem Geburtshaus getroffen, um über das Thema zu sprechen. Am Anfang dieser Runde stand das Brechtfestival. An ihrem vorläufigen Ende zehn Fragen zu Brecht in Augsburg.

Die Geschichte dieses Festivals ist eigentlich eine gute. Auch wenn es heute von einigen eher als die Abfolge einer Ära auf die nächste, geprägt vom  jeweiligen Leiter, wahrgenommen wird als in seiner verketteten und verästelten Struktur. Diese Serie, die 2006 mit dem Dichter Albert Ostermaier und seinem ABC-Festival ihren Anfang nahm, erwuchs über die Jahre zu dem kulturellen Aushängeschild für die Stadt. Ostermaier entwickelte für sein Programm Formate, die noch immer Zugkraft haben. Er brachte das Thema in die Feuilletons und öffnete es für die großen Namen des Kulturbetriebs. Als mehrtägiges Sommer-
event im Herzen der Stadt angelegt, vermittelte es eine Leichtigkeit und Freude, die bis heute unerreicht blieb. Verabschiedet wurde Ostermaier mit politischen Querelen, einem Tritt in den Allerwertesten und dem Brechtpreis.

Ein Jahr zwangspausierte das Festival, bevor es 2010 mit dem Filmemacher Joachim Lang eine von der Politik verordnete, winterliche Auferstehung in zehntägiger Aufgeblasenheit erlebte, die bis heute anhält. Lang verstand es in seinen sieben Jahren als Verantwortlicher, die politischen Lager zum Thema Brecht zu befrieden. Trotz eines schwelenden Kleinkriegs mit der damaligen Intendanz des Stadttheaters gelang es ihm, das Haus am Kennedyplatz in sein oft hochkarätiges Programm zu integrieren. Die ganz großen Namen waren damals zu Gast in Augsburg, zu Gast bei Brecht. Als exzellenter Fachmann zum Thema wusste Lang dem vom ihm so verehrten »Universalkünstler« immer wieder neue Aspekte abzugewinnen und damit seine Programme zu überschreiben. Er ermöglichte Formate wie die Lange Brechtnacht, vernetzte das Festival mit lokalen Kulturmacher*innen und präsentierte den Künstler als Mensch der Moderne. Und er inszenierte ihn zuweilen recht bürgerlich. Gut bürgerlich, sodass selbst Mandatsträger der lokalen CSU ihr Herz für Brecht entdeckten. Statt der für diesen Job anfangs avisierten drei Jahre setzte Joachim Lang seine Serie bis 2016 fort. Doch auch seine Verabschiedung schuf böses Blut und ein bis jetzt währendes Intrigenspiel.

Patrick Wengenroth wurde eigentlich nach Augsburg gerufen, um eine Revue für das Festival 2017 zu inszenieren. Dieser Auftrag wuchs sich schließlich zur dreijährigen Festivalleitung für den Theaterallrounder aus. Und er hatte keinen leichten Start. Das baulich desolate Theater war von Amts wegen geschlossen. Wengenroth hatte keine Spielstätte, einen guten Teil des Joachim-Lang-Fanclubs gegen sich und zuerst nur einen Jahresvertrag, und es war noch immer Winter. Der Selfmade-Theatermann machte für sich das Beste aus der Situation. Er fand Kontakt zu alternativen Kulturorten und jungen Künstler*innen. Seine Programme wirkten zuweilen wie eine Frischzellenkur. Scheitern war nie erklärtes Ziel aber als Ergebnis eben auch eine Option. Mit dem Strickmütze auf dem Kopf und der Kippe in der Hand stand er vor dem Ort des Geschehens und war ansprechbar für alle, die sprechen wollten. Er betitelte seine Programme mit »Feminismus«, »Solidarität« und zuletzt »Städtebewohner*innen«. Sein drittes Jahr war auch sein stärkstes. Großes, zeitgemäßes Theater und performative Kunst. Ein Abgang ohne Groll, Chichi und große Worte. Dafür eine moderierte Übergabe an das Leitungsteam 2020.

Die Theatermacher Jürgen Kuttner und Tom Kühnel, wie ihr Kollege Wengenroth vorerst nur mit einem Jahresvertrag ausgestattet, waren als Teil der mobilen Ausstattung des letzten Festivals ihres Vorgängers unterwegs. So knüpften sie Kontakte und erlebten die  Kulturorte in Echtzeit. Kein schlechter Start. Hauptort ihres Programms soll wiederum das Textilviertel werden. Statt Ein-
zelinszenierungen der auch bisher am Festival beteiligten lokalen Kulturmacher*innen favorisieren sie ein gemeinsames Projekt. Mehr gibt es bisher noch nicht zu sagen.

Was vorerst bleibt, sind Fragen zu Brecht. Weniger an Kuttner und Kühnel gerichtet, eher an die für das Thema Zuständigen aus Politik und Verwaltung und an die vielen, die sich in Augsburg Brecht so leidenschaftlich verschrieben haben wie etwa die Protagonist*innen des Brechtkreises.

1. Soll Brecht in Augsburg weiterhin weitgehend auf das Festival (im Winter) fokussiert werden?

2. Wird es nicht langsam Zeit, allen zukünftigen Festivalmacher*innen verbindlich zumindest einen Dreijahresvertrag mit der damit verbundenen Planungssicherheit für alle Beteiligten anzubieten?

3. Was würde das Thema Brecht übers Jahr hergeben – was könnte unsere Kulturregion von Lübeck mit Thomas Mann oder von Weimar mit seinen Klassikern lernen?

4. Welche Rolle könnte ein Brechtbüro in Zukunft spielen, wenn es z.B. nach dem Vorbild des Mozartbüros der Stadt aufgebaut und ausgestattet wird?

5. Was könnte ein zweiter jährlicher Programmschwerpunkt, z.B. mit dem Fokus auf Brechtpreis, Forschung und Literatur, auch für die Wahrnehmung des Themas nach innen und außen bedeuten?

6. Welche Optionen werden für die Zukunft des optimierungsfähigen Brechthauses erdacht?

7. Welche Möglichkeiten hat die Brechtforschung in Augsburg und wie sollten die Bedingungen dafür aussehen?

8. Warum bleibt der Brechtpreis, immerhin die wichtigste Kulturauszeichnung, die in unserer Region vergeben wird, in seiner Wahrnehmung hinter vergleichbaren Preisen zurück?

9. Wie bedeutend ist das Thema Brecht in all seinen Ausprägungen für das kulturelle Klima in der Stadt und für die Menschen, die hier leben?

10. Auf welcher Basis sollten Brecht in Augsburg und die damit korrespondierenden Themen transparent, nachhaltig und zukunftsgewandt verhandelt werden?

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