Einsame Spitzen

27. September 2016 - 14:04 | Jürgen Kannler

Das Ballettensemble präsentiert abseits der Bühne ein Gesamtkunstwerk.

Robert Conn hat eigentlich keine Zeit. In wenigen Tagen hebt sich der Vorhang zum »Nussknacker«, der ersten großen Premiere dieser Spielzeit am Theater. Des Theaters muss es natürlich heißen, denn das Große Haus wurde im Sommer kurzfristig und begleitet von Protesten aus Politik und Verwaltung geschlossen. Das Roulette mit den Interimsspielstätten bescherte Conn die Schwabenhalle. Immerhin verfügt sie über ordentliche sanitäre Anlagen und genügend Parkplätze. Es hätte schlimmer kommen können, witzelt der Ballettchef.

Eigentlich hätte Tschaikowskys Dauerbrenner die letzte Spielzeit im Großen Haus vor der geplanten Renovierung feierlich einläuten sollen. Conns Truppe hätte diese Ehre verdient gehabt, zweifelsohne. Über Jahre hinweg sorgte sein Ensemble für die besten Besucherzahlen im Spartenvergleich. Und nun das. Der Vorverkauf wird aus technischen Gründen erst wenige Tage vor der Premiere anlaufen und ein Nachfolger, der seine Truppe übernehmen soll, ist auch noch nicht benannt. Der nächste Intendant in unserer kleinen Fuggerstadt plant sein Ballett nämlich ohne Robert Conn.

Doch der US-Amerikaner ist zu sehr Profi, um sich heute wirklich ernsthaft mit diesen Themen zu beschäftigen. The Show must go on! Er klatscht aufmunternd in die Hände und verspricht, dass seine 19 Tänzerinnen und Tänzer bei diesem Handlungsballett wie eine Ensemble mit doppelt so vielen Akteuren wirken werden und die Inszenierung sowieso alle begeistern wird. Dann präsentiert er sein jüngstes Baby.

Es handelt sich um eine Art Gesamtkunstwerk, in dem schlichte Naturen vielleicht nur einen besonders hübschen Kalender erkennen werden. Auch das ist er, und zwar vom 1. Januar 2017 an bis zum Rest unser aller Tage. Einen ewigen Kalender nannte das meine Großmutter, ein fotografisches Kunstwerk für alle Zeit ist es für Conn. Ausgeheckt hat er das Projekt schon vor vielen Jahren mit seinem Hoffotografen Nik Schölzel. Doch es kam immer wieder etwas dazwischen, wie es am Theater hier eben so spielt. Zahllose solcher Projekte gerieten dann schon in Vergessenheit. Dieses nicht, im Gegenteil, es wuchs. Der Ballettdirektor und sein Fotograf gewannen ein unglaublich starkes Team für ihre Idee, an verwunschenen Orten der Stadt bezaubernde Ballettgeschichten zu erzählen. Locations wurden gescoutet, Tanzbilder inszeniert, Kostüme genäht, Masken entworfen, Professoren der Hochschule mit ins Boot geholt, ein neuartiges Klammerungssystem für die großformatigen Aufnahmen entwickelt, die für eine herkömmliche Spiralbindung einfach zu schade sind, und einige verwegene Partner gefunden, die bei diesem eigentlich unfinanzierbaren Projekt zumindest etwas finanzielle Absicherung boten.

Nur so viel: Der Aufwand war aller Mühen wert. Während Ballettgrößen oft etwas deplatziert wirken, wenn sie abseits ihrer angestammten Umgebung fotografiert werden, schaffte es Nik Schölzel, zwölf Momente voller Poesie und Spannung einzufangen. Jedes Motiv erfährt darüber hinaus eine ausführliche Dokumentation. Für die produktionstechnische Kompetenz bei diesem Projekt bürgt der Wißner-Verlag. Unter dem Titel »Kunst·Werk· Tanz« ist das Gesamtkunstwerk ab Oktober für 45 Euro beim Theater Augsburg erhältlich.

www.theateraugsburg.de
www.wissner.com

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