Einschreibungen ins Vinyl

18. August 2019 - 18:13 | Martin Schmidt

Schneidemaschine, Jazz, Neues aus Noise – hochqualifizierte Verstöße gegen die allgemeine Pop-Verordnung. Das Augsburger Duo Schnitt legt das Album des Jahres vor. Eine Rezension von Martin Schmidt.

»Wand«, die neue LP des elektroakustischen Postrock-Vinylschneidemaschinen-Jazz-Duos Schnitt, ist ein sinnliches Stück schwarzes Gold, in dessen Rillen zehn wunderschöne, hochqualifizierte Verstöße gegen das Popverordnungsgesetz schlafen. Aushebeln und Einstanzen, Einstanzen und Aushebeln ist, neben Auflösung und auditiven Gebärprozessen, das spielerische Grundinteresse von Schnitt. Die Hebel und Stanzen erinnern an Miles Davis, Tied & Tickled Trio und Jackson Pollock in Holzschnitt, lauten aber auch Postrock, Minimal, Jazz, Hiphop und Noise.

Die zwei Schnitt- und Musikschnitz-Tonköpfe Markus Christ und Moritz Illner (siehe Bild) greifen auf ein Instrumentarium aus Trompete, Bassklarinette, präpariertem Flügelhorn, Rhodes, Effektpedalen, Turntables und Drums zurück – und eben, zentrales Gestaltungs- und Formgebungsmittel, auf eine Vinylschneidemaschine. Mit ihr schneidet Illner das Geschehen auf und in Vinyl mit, um die Soundschnippsel dann als Sample wieder in die Musik einfließen zu lassen. Ein sinnlicher, handwerklicher, poetischer Dialog, dessen Ergebnis natürlich nur auf Vinyl festzuhalten Sinn ergibt. Entsprechend lebt die Musik von sich verschiebenden Patterns, von Samplifizierung des Geschehens und dem Looping des Geschehenen. Poesis und der Schatten Mnemosynes, geschnitten in und aus Vinyl.

Die Platte beginnt tastend, mit vorfühlend intonierten Blasinstrumenten von Talk Talk-esquer Behutsamkeit, um dann Miles-Davis-artig in Jazzschleifen umflort zu werden – und um dann wieder in ein kartoffeliges Schlagzeug zu fallen, maschinenartig. Die Botschaft: Alles kann, und wird, passieren. Frickel-Noisica, knarzende Klangtherme, haptische Soundquellenübernahme on the run. Dazwischen, darunter und darüber: Knarzen, Glitches – Sketches of Pain, Schnitt-Wunden –, Cuts & Cuttings. Das Album »Wand«, ein sophisticated Fragment-Mixer, besteht zum Einen aus Jazz-Snippets und -Loops, in Terry Riley'scher Reihung, aus rhythmischen Verschiebungen und Kulissen-Austäuschen, zum Anderen aus Postrock-Noise-Dub, Spiritual Jazz und Ultrabass. Schnitt sind aber nicht herzlose, cortex-verdorrte Avantgarde – Christ und Illner arbeiten mit unfassbarer musikalischer Sensitivität, gleich einem seriösem Kinderspiel, das musikalisch aber eben in the know ist.

Der Track »Torso« erinnert an eine Rube Goldberg Maschine in Sound, bedient von Coltrane – so wie, Stichwort Klangautomat, die ganze Platte, wenn auch entschlossener, auch den mobilee-artigen Geist von Pierre Bastien atmet. Bei »Raus« treten Rhodes und Lounge hinzu, »Tumult« öffnet die Türen zu Impro und Freejazz, »Fragment« sportet Thom-Yorke-ähnliche Spielereien. Wiederkehrende Motive sorgen für Pop- und Filmusikappeal. Das ganze Vinyl ist ein Rillenrund aus elektromagnetischen Feldern, die sich aus weise choreografiertem Spannungsab- und aufbau speisen. Miles-Davis-Industrial: »Wand« von Schnitt ist ein ächzendes, singendes, surrendes, klug groovendes Stück Vinyl, akustischer Steam-Punk zum Hören. Klangforschung und Soundexperiment at their best: Es ist zufällig, wenn der Zufall dem Zufall überlassen wird, als Glücksfall im Klangall, der Rest ist, von Fall zu Fall, Zufall – aber immer Schönheit.

»Wand« von Schnitt ist bei Alien Transistor erschienen (Auflage: 300). Die Platte ist auch als exklusives, auf 30 Exemplare limitiertes Box-Set erschienen. Die Box – erhältlich so lange Vorrat auf der Bandcamp-Seite von Schnitt – enthält die Platte, jeweils ein farbiges, one-sided Vinyl-Unikat mit Loops und acht Colour Prints.

www.schnitt.bandcamp.com
www.christ-illner-schnitt.de
www.alientransistor.com/

Unser Bild zeigt Markus Christ und Moritz Illner (von links) von Schnitt.

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