Emmy geht sterben

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25. November 2019 - 13:45 | Bettina Kohlen

Auf der Brechtbühne wurde Hansjörg Thurns erstes Theaterstück »freiheit.pro« uraufgeführt. Es geht um drei Siebzehnjährige, die im Netz einen Selbstmord inszenieren wollen.

Thurns Stück dreht sich um die Bedeutung sozialer Medien für junge Menschen. Das hört sich etwas trocken-pädagogisch an, die Inszenierung von Achim Conrad zeigt aber ein veritables Drama. Es geht hier um die Macht der Bilder und ihre Bedeutung, das ist vom ersten Augenblick an klar: Die Bühne wird von einem riesigen pixeligen Mädchenporträt (Emmy, die Protagonistin) dominiert, alle Akteur*innen tragen mit kleinen Fotos bedruckte Kleider. In diesem ansonsten leeren dunklen Bühnenraum (Bühne und Kostüme: Raissa Kankelfitz) entwickelt sich die Geschichte der verschwundenen Emmy.

Emmy sitzt im Rollstuhl. Leo stalkt sie schon eine ganze Weile und präsentiert die Bildausbeute seines Tuns im Netz. Das zieht immer mehr Follower an, denn: Emmy will sich das Leben nehmen, hat es auch schon versucht – heimlich gefilmt von Leo. Der furchtbare Schluss, den Leo zieht: Würde Emmy sich mit seiner Hilfe vor laufender Kamera das Leben nehmen, wäre das eine grandiose Win-Win-Situation. Emmy hätte ihr Ziel erreicht, wäre zudem berühmt (was ihr zwar post mortem nicht mehr viel nützt …). Und Leo fände durch diesen Coup die Anerkennung im Netz, die er sich so sehr wünscht. Das Zauberwort heißt Click-Zahlen. Je mehr desto besser, mehr Clicks bedeuten mehr Akzeptanz, mehr Bedeutung, mehr Liebe. Doch das klappt nur mit spektakulärer Inszenierung. Emmy willigt schließlich ein, sie, Leo und Mehmet, sein treuester Follower, machen sich auf, um das perfekte Sterbe-Setting zu finden. Der Weg der Drei durch die Nacht wird live ins Netz gestellt, die Zugriffszahlen steigen exorbitant an …

Inzwischen suchen Polizei und Eltern die Drei. Szenen und Identitäten wechseln hin und her, die verzweifelt unschlüssig-unfähigen Eltern versuchen den finalen Kick ihrer Kinder zu verhindern – ohne wirklichen Zugang zu deren Motivation und Gefühlen zu gewinnen.

Nicht die Eltern, die Schlimmes verhindern möchten, stehen bei freiheit.pro im Fokus. Die sinnsuchenden Kinder sind die Held*innen, sie zeigen bei aller Fehlorientierung mehr Wahrhaftigkeit als ihre Erzeuger*innen … Das spiegelt sich auch im Ensemble wider: Marlene Hoffmann, Julius Kuhn und Baris Kirat geben den Jugendlichen Herz und Gesicht. Anne Lebinsky, Sebastian Müller-Stahl und Kai Windhövel agieren als ratlose Eltern merkwürdig distanziert. So steht am Ende eine ziemliche Portion Hilflosigkeit im Raum ohne eine Lösung für dieses Nichtverstehen zu finden …

Das Programmheft macht gleich auf der ersten Seite mit einer Checkliste klar, dass sich das Stück an die Elterngeneration richtet, die zunehmend keinen Schimmer von dem hat, was ihre Kinder bewegt, wie diese ticken. Wie zeigt sich Medienabhängigkeit, welchen Einfluss hat sie auf Denken und Persönlichkeit? Da jede Medaille aber zwei Seiten hat, wäre es schön, wenn auch Digital Natives den Weg zur Brechtbühne fänden. Ein starkes Stück, ein relevantes Thema, eine eindrucksvolle Inszenierung!

Sie nächsten Vorstellungen am 28. November, 4. und 15. Dezember. Autor Thurn zeigt im Rahmen seines Projektes freiheit.pro in der Stadtbücherei Augsburg bis 5. Dezember die Installation »Bildersucht und Cyberflucht«.

www.staatstheater-augsburg.de
www.freiheit.pro

Abbildung: Leo (Julius Kuhn) und Mehmet (Baris Kirat) wollen Emmy (Marlene Hoffmann) beim Selbstmord helfen – in Echtzeit vor den Augen der Netzgemeinde. Foto: Jan-Pieter Fuhr

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