Das Ende des Mordens

8. Mai 2020 - 13:54 | Jürgen Kannler

75 Jahre Kriegsende in Deutschland – »Die Bevölkerung hat diesen Jahrestag historisch immer wieder etwas anders gesehen«. Ein Interview mit Peter Fassl, Heimatpfleger des Bezirks Schwaben.

In den frühen Morgenstunden des 28. April 1945 setzten amerikanische Soldaten der NS-Diktatur in Augsburg ein Ende. Erst zehn Tage später, am 8. Mai 1945, folgte die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht – Kriegsende in Deutschland. a3kultur versuchte diesem Termin in den vergangenen Wochen mit einer zehnteiligen Serie von Gastbeiträgen unter dem Titel »75 Jahre Befreiung« näherzukommen. Zum Abschluss der Reihe führte a3kultur-Chefredakteur Jürgen Kannler ein Interview zum Thema mit dem schwäbischen Bezirks-Heimatpfleger Peter Fassl.

a3kultur: Welche Bedeutung hat das Datum für Sie als Bezirks-Heimatpfleger?


Peter Fassl: Als ich meine Tätigkeit als Heimatpfleger 1987 begann, war das Thema der NS- und Nachkriegszeit in Schwaben in der Erinnerungskultur, aber auch in den Ortsgeschichten kaum präsent. Die jüdische Geschichte ist von Gernot Römer thematisiert worden, aber viele wissenschaftliche Fragen und viele Fragen zur Ortsgeschichte waren nicht gestellt worden und überhaupt nicht beantwortet. Als Heimatpfleger habe ich meine Aufgabe darin gesehen, die Erinnerungskultur einer Region verantwortlich zu betreiben. Und dazu gehörte für mich insbesondere als zentrales Ereignis des 20. Jahrhunderts, die Erinnerung an die NS-Zeit und an die Geschichte in der NS- und Nachkriegszeit. Ich kann mich nicht mit Burgen, alten Stätten und Bürgerhäusern, mit Industriedenkmälern, mit Bräuchen, Kämpfen und Trachten befassen, ohne die Erinnerung an diese Zeit in den Mittelpunkt zu stellen.

Wie ist dieser Jahrestag in der Bevölkerung verankert?

Die Bevölkerung hat diesen Jahrestag historisch immer wieder etwas anders gesehen. Das Jahr 1945 selbst war einerseits eine Niederlage, eine empfundene Demütigung. Andererseits war es auch, was man begrüßte, das Ende des Krieges und des Mordens. Später ist dann die Situation immer wieder neu beleuchtet worden. Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat 1985 von einer »Befreiung« gesprochen. Genauer gesagt konnten sich die Deutschen aber ja nicht selbst befreien, sondern wurden von den alliierten Truppen besiegt. Das Wort »Befreiung« suggeriert, dass man in einer Knechtschaft gehalten wurde. Dies ist sicher auch richtig. Aber es übersieht, dass von Deutschland aus und durch die Deutschen der Zweite Weltkrieg als ein Eroberungs- Vernichtungskrieg über ganz Europa gezogen worden ist. Damit vermischt sich mit dem Wort »Befreiung« auch die Verantwortung für diese politische Situation.

Wichtig erscheint mir, dass dieses Ereignis im Rückblick in keiner Weise an Bedeutung verliert, sondern in unserer gegenwärtigen Geschichte eher noch bedeutender wird, weil es einen derartigen menschlichen Tiefpunkt an Grausamkeit und Schrecken darstellt – mit dem sich unsere Geschichte  immer wieder auseinandersetzen muss. Je weiter wir von diesem Tiefpunkt entfernt sind, desto ratloser stehen wir vor diesen Grausamkeiten und Gräueln.

Wie stark war der Widerstand gegen die NS-Diktatur in Augsburg und in Schwaben?

Es hat im Sinne eines militärischen Widerstands überhaupt keinen Widerstand gegeben. In der letzten Phase der Eroberung Bayerns und Schwabens, also etwa ab dem 20. April 1945, haben sich in einzelnen Orten Gruppen formiert, die eine kampflose Übergabe vorbereiteten. Dies war gefährlich. Es gab fanatische NS-Anhänger in jedem Ort, es gab versprengte Wehrmachts- und SS-Einheiten, die eine Spur der Gewalt in Schwaben hinterließen. Für die Verantwortlichen vor Ort war es eine schwierige Situation. Stellten sie sich, solange die Amerikaner noch nicht da waren, gegen die führenden Kräfte des Systems, mussten sie damit rechnen, hingerichtet zu werden. Stellten sie sich nicht gegen diese Kräfte und es kam zu einer Verteidigung des Ortes, wurde dieser von den Amerikanern niedergebombt und zerschossen. Von einem eigentlichen Widerstand gegen das System kann man aber nicht sprechen.

Die amerikanische Besatzung war Teil des Lebens – heute ist diese Zeit nahezu aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Warum?

Ich bin mir nicht sicher, inwieweit die Amerikaner Teil des gesamten öffentlichen Lebens waren. Sicher hat es entsprechende Kreise, Freundschaftskomitees, offizielle Begegnungen und Volksfeste gegeben. Aber die Amerikaner hatten ihre eigenen Wohngebiete. Es ist zwar ein wunderschönes Buch geschrieben worden, »Roman unserer Kindheit« von Georg Klein (2010), das sehr präzise jene Zeit mit den Amerikanern nach 1945 beschreibt. Aber insgesamt glaube ich nicht, dass die Amerikaner ein prägender Teil der Stadtkultur in Augsburg waren. Ich muss aber sagen, dass ich in diesem Bereich kein Spezialist bin, ich kenne mich eher in der allgemeinen kulturellen Entwicklung hier aus.

Ein weiterer Punkt mag sein, dass die Amerikaner in Augsburg natürlich daran erinnert haben, weswegen sie hier waren: an den Zweiten Weltkrieg, an die Eroberung Deutschlands. Und damit erinnerten sie an eine Situation der Schuld und des erlebten Schreckens – aber auch der Schuldverdrängung, wie sie ja in hohem Maß nach 1945 in der Öffentlichkeit stattfand. Ab den 1960er-Jahren lässt sich ein Anti-Amerikanismus im Zuge des Vietnamkriegs feststellen. Nicht umsonst kann man eigentlich festhalten, dass bis Ende der 1970er-Jahre die Themen NS-Zeit, Kriegsende und jüdische Geschichte in der Orts- und Regionalgeschichte Schwabens wie auch Bayerns kaum thematisiert worden sind.

Inwieweit wird das Thema Erinnerungskultur gesamtgesellschaftlich ernst genommen?

Erinnerungskultur meint vereinfacht: Was ist wichtig für eine Gesellschaft? An was muss sie sich erinnern – in Geschichten und Erzählungen, aber auch in rituellen Handlungen und in Denkmälern? Das Thema ist meines Erachtens von ganz grundsätzlicher Bedeutung. Gerade in der heutigen Zeit, die in hohem Maß von digitalem Wissen geprägt wird, hat diese Erinnerungskultur im Allgemeinen einen hohen Stellenwert. In Augsburg, so mein Eindruck, sind sich viele dieser Bedeutung bewusst. Die Bemühungen um die Anerkennung der Wasserwirtschaft als Welterbe oder um die Anerkennung des Hohen Friedensfestes als immaterielles Kulturerbe durch die UNESCO weisen darauf hin. Bezüglich der NS- und der Nachkriegszeit gibt es in Augsburg viele Akteure, die hier tätig sind. Und das ist ein gutes Zeichen. Da sind die institutionellen Akteure, das Archiv, die Bibliotheken mit entsprechenden Ausstellungen. Da sind aber auch die Vereine, da ist in hohem Maß das Jüdische Museum Augsburg Schwaben, und da ist die Stadt Augsburg mit ihren Gedenkveranstaltungen, wie etwa zum Bombenangriff vom 25./26. Februar 1944, aber eben auch zur »Reichspogromnacht«.

Wichtig erscheinen mir ein Zusammenspiel und eine Lebendigkeit von bürgerschaftlichem Erinnern, wissenschaftlicher Forschung und kommunaler, also städtischer Rahmensetzung, innerhalb derer das mit stattfinden kann. Ich darf darauf hinweisen, dass sich Schüler an Gymnasien intensiv in Projekten mit der NS-Zeit und der Judenverfolgung auseinandergesetzt haben. 

Man kann Erinnerungskultur als einen dynamisch-gesellschaftlichen Prozess begreifen. Und dieser Prozess bedarf aktiver Bürger – des Einzelnen, der Vereinigungen und der verschiedenen Initiativen. Wenn sich diese Vereinigungen und Bürger der Ungeheuerlichkeit bewusst bleiben, der Verbrechen und des Geschehens in der NS-Zeit, dann ist dies eine gute Basis, eben mit Verantwortung auch Probleme der Gegenwart anzugehen – und diese vielleicht auch zu lösen.


Foto oben: Ein besonderes Dokument des Kriegsendes in Augsburg befindet sich in der Sammlung des Stadthistorikers Franz Häußler. Die Fotografie zeigt die Ankunft der US-Soldaten in der »Domkurve« am 28. April 1945. Aus ihrem Fenster heraus hatte die Anwohnerin Leni Lechner den einmarschierenden Trupp für die Nachwelt festgehalten.

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