Energie für die Region

8. September 2016 - 8:23 | Jürgen Kannler

Jürgen Kannler im Gespräch mit Gaswerksfreund Oliver Frühschütz

Herr Frühschütz, Sie sind Vorsitzender der 2005 gegründeten Gaswerksfreunde Augsburg. Wie kam es zu diesem Engagement?

Ich selbst war von 1993 bis zur Stilllegung 2001 als Elektriker auf dem Gaswerkgelände beschäftigt. Die Idee zum Verein entstand kurze Zeit nach der Schließung, als die Stadtwerke 2002 die Räume leerräumen ließen. Auf dem Schreibtisch des Direktors fand ich vier uralte Fotoalben. Die wurden jahrelang gehütet wie ein Schatz und jetzt sollten sie in den Müll wandern? Das durfte nicht sein! Also habe ich sie mit nach Hause genommen.

Beim Durchblättern stößt man dann auf Bezeichnungen wie »Ofenhaus« – für mich war das immer nur das Kulissenlager für das Stadttheater. Und so habe ich mir von den ehemaligen Arbeitskollegen erzählen lassen, wie das früher war. Nach und nach wurde so das Puzzle vervollständigt. Bis dato gab es keine Quellen, wie das Gaswerk funktioniert hat, wie dort gearbeitet wurde.

Und dann haben Sie Mitstreiter gesucht?

Das Kernteam bestand damals aus drei ehemaligen Gaswerkmitarbeitern sowie Architekten. Die Gründungsversammlung fand im Architekturmuseum Schwaben statt. Mit der Zeit hat sich eine Gruppe von rund 50 Mitgliedern zusammengefunden. Wir haben teilweise Leute dabei, die einmal bei einer unserer Führungen mitgegangen sind und sofort begeistert waren.

Ein wesentlicher Teil Ihrer Arbeit liegt darin, den Menschen das Gaswerkareal näherzubringen.

Wir bieten zwischen April und September Führungen an. Rund zwei Stunden dauert der Rundgang. Dabei erklären wir, was hier früher passiert ist, und geben Einblicke in den Alltag der Mitarbeiter. Dazu gehören auch kleine Geschichten, wie die Tatsache, dass die Arbeiter im Ofenhaus früher Holzschuhe anhatten, weil es so heiß war. So etwas steht in keinem Geschichtsbuch. Das Gaswerk war kein Paradies: giftiges Material, dreckig, gefährlich. Dennoch war es für die Stadt Augsburg ein wichtiger Energieträger und insofern ein wichtiges Denkmal, das erhalten bleiben sollte.

Lange Zeit ist von Oberhausen aus die gesamte Stadt mit Energie versorgt worden.

Genau, das Gaswerk war quasi das Herzstück – auch für die Entwicklung Augsburgs als Industriestadt. Die klassische Gaserzeugung aus Steinkohle wurde hier bis 1968 praktiziert. Danach kam das Erdgas per Pipeline an. Die Erzeugung wurde stillgelegt, die Speicherung jedoch bis 2001 weiterbetrieben. In der Stadt musste von Stadt- auf Erdgas umgerüstet werden – jeder Haushalt, jede Gasleitung musste angepackt und umgerüstet werden.

Das europaweit einzigartige Ensemble Gaswerk steht heute unter Denkmalschutz. Der große Scheibengasbehälter ist zur weithin sichtbaren Landmarke geworden. Dabei gehört er gar nicht zur »Ursprungsbesetzung«.

Das ist richtig. Als das Gaswerk in Betrieb genommen wurde, gab es nur die beiden Teleskopgasbehälter, die heute noch stehen. Erst 1953/54 wurde der große Scheibengasbehälter – der sogenannte Gaskessel – gebaut, um die Speicherkapazität zu erweitern. Zu dieser Zeit wurde sogar eine Ferngasleitung betrieben, die bis nach Kaufbeuren reichte.

Ebenfalls auf dem Gelände zu finden ist der kleine Scheibengasbehälter, der im Vergleich zu seinem großen Bruder ein bisschen untergeht.

Das habe ich selbst anfangs gar nicht richtig realisiert. Wir haben hier tatsächlich einen Pionierbau von MAN: den weltweit allerersten Scheibengasbehälter, der jemals gebaut wurde. Diese Technik wurde in die ganze Welt exportiert. Heute ist nur noch seine Hülle vorhanden. Das nebenstehende Laborgebäude musste leider zur Beseitigung der hohen Altlasten abgerissen werden.

Sie sagten, dass Sie das Ofenhaus zunächst nur als Kulissenlager des Stadttheaters kannten. Demnächst beherbergt das Gebäude die neue/alte Brechtbühne. Was halten Sie von der Entwicklung des Areals?

Als Verein war uns von Anfang an wichtig, dass die Gebäude erhalten bleiben und dass das Gelände eine Nutzung bekommt, von der die Bürgerinnen und Bürger profitieren. Die kulturelle Nutzung finde ich daher prima: Das Areal wird neu belebt! Insofern ist es ein wichtiger Meilenstein, wenn das Theater Augsburg hier einzieht.

Bereits bei den Grenzenlos-Festivals war zu spüren, wie groß die Anziehungskraft sein kann.

Das hat auch mich fasziniert. Die Stimmung war klasse. Viele Menschen kamen zu mir und haben gesagt: Wow, das ist ja toll hier! Wenn ich das nur früher gewusst hätte …

Welche Ziele haben die Gaswerksfreunde für die Zukunft?

Wir hoffen, dass wir mit unseren Führungen und unserem Museum auf dem Gelände bleiben können und, dass wir mit den neuen Mietern das ein oder andere Fest feiern dürfen. In den nächsten 10 bis 15 Jahren wird sich hier noch einiges tun. Es bleibt spannend!

Noch bis zum 25. September finden wieder jeden Sonntag um 13, 14, 15 und 16 Uhr bei gutem Wetter Aufstiege auf den großen Scheibengasbehälter statt. Anmeldungen sind bis spätestens 15 Minuten vorher am Einfahrtstor an der August-Wessels-Straße 30 möglich. Zudem finden jeden Sonntag um 14 Uhr kostenlose Führungen statt. Auf Anfrage werden auch Sonderführungen und Aufstiege, Nacht- und Kinderführungen angeboten.

Kontakt: Oliver Frühschütz, Tel. 0821 – 585041, mail@gaswerk-augsburg.de.
Weitere Informationen gibt es unter: www.gaswerk-augsburg.de

Die swa feiern in diesem Jahr den 100. Geburtstag des Gaswerks Augsburg-Oberhausen. Die größte Party zum Fest richten dem denkmalgeschützten Areal Dutzende Künstler aus der ganzen Region mit dem Event »Asche zu Farbgut« aus. Sonderveröffentlichung S. I–VI

Foto: Im Fotoarchiv der Gaswerksfreunde Augsburg finden sich so einige Schätze. Auf dem Bild ist das Gaswerk um 1954 zu seiner Blütezeit zu sehen – bereits mit dem großen Scheibengasbehälter.

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