Energiearbeit & Generationencodes

10. Februar 2016 - 8:05 | Martin Schmidt

Im Februar wird Augsburg Spielstätte von Systemunterwanderern, wie sie unterschiedlicher wohl nicht sein könnten: Tom Liwa mit den Flowerpornoes und Deichkind.

Wie heißt es so schön in Emrah Serbes’ Roman »Junge Verlierer«, dort auf einer Demo den Polizisten entgegengeschrien: »Ihr braucht kein Tränengas zu schießen, meine Freunde sind sowieso sentimental.« Wenn Sie Freunde suchen, die auch so sentimental sind wie Sie, und wenn Sie alle, alle sentimentalen, freundlichen Menschen Augsburgs auf einmal treffen wollen, gehen Sie auf dieses Konzert: Tom Liwa mit Flowerpornoes, Samstag, 20. Februar, City Club.

»Es gab Ende 2013 einen Moment, an dem ich eigentlich so weit war, keine Platte mehr machen zu wollen. Oder zumindest keine Musik mehr in der Öffentlichkeit, höchstens noch in privaten Zusammenhängen. Weil mir die gesamten Strukturen, in denen sich speziell die Popmusik, aber auch die Kunst allgemein heute bewegt, so zuwider waren, dass ich darin nicht mehr stattfinden wollte.« So
Tom Liwa auf der Label-Website. Das verrät viel, wenn nicht alles über ihn und seine Band Flowerpornoes (1985 in Duisburg gegründet).

Liwa steht für Authentizität, den Glauben an Musik und Kunst als Geburtsstätte nicht nur emotionaler, sondern eben auch sozialer, spiritueller und politischer Umwandlungskräfte. Entsprechend scheißen sich die Flowerpornoes was auf musikalische Coolness-Codes, sondern setzen die Musik selber als Pfand: Das Kollektiv, dessen Großteil schon seit 30 Jahren zusammenspielt, mäandert zwischen rattelndem 90er-Indie und Folk, zwischen Singer-Songwriter-Pop, Rock und 70ies-Jam-Mucke. In all dies legt sich die Poesie Tom Liwas, unprätentiös, persönlich, keine Angst vor nichts. Liwa, der sich auch spiritueller Energiearbeit widmet, baut für sich und seine Hörer ein schützendes Bollwerk, in dem man es zusammen gelassen zulassen kann, dass manch einer einen für Gefühlsduselei belächelt.

Möglich, dass genau das die Flowerpornoes zu einer der einflussreichsten deutschen Bands machte; möglich, dass genau dies den deutschen Rolling Stone dazu brachte, Liwa zu einem der »besten deutschen Songschreiber« zu küren. Das letzte Mal in Augsburg war Liwa vor über zehn Jahren: im Oktober 2005 im Café Viktor im Bismarckviertel. Es gibt Leute, die sprechen heute noch von diesem Konzert, das Liwa solo, nur Stimme und Gesang, an diesem Abend gab. Liwa solo und Liwa mit den Flowerpornoes sind freilich ein großer Unterschied, immer aber stehen die Texte Liwas im Mittelpunkt und die Haltung ist die gleiche. Das aktuelle, 20 Songs starke Album heißt »Umsonst und draußen« (auch als Vinyl erhältlich) und ist beim Label Grand Hotel van Cleef erschienen – auch die Label-Betreiber Marcus Wiebusch (Kettcar) und Thees Uhlmann (Tomte) sind Liwa-Fans. Einlass im City Club ist um 21 Uhr, im Vorprogramm spielt der durchaus bemerkenswerte, sehr junge und aus Mittelfranken nach Augsburg gezogene Songwriter Raphael Kestler. Nach dem Konzert: Aftershow-Party bis in den frühen Morgen mit den »Going Underground«-DJs.

»Hallo Schabenhalle!«

Niemand könnte Tom Liwa wohl diametraler entgegenstehen und wohl dennoch im selben Moment ebenfalls Systemkritik betreiben: das Remmidemmi-Format Deichkind, deren durchgeknallte Mitglieder sieben Tage vorher, ebenfalls zu einem schicken Saturday-Night-Termin (13. Februar), in der Schwabenhalle spielen. Dies ist der Nachholtermin des aus produktionstechnischen Gründen verschobenen, ursprünglich in Augsburg für 21. April letzten Jahres angesetzten Konzerts. »Aus produktionstechnischen Gründen« heißt hier: Die gigantischen Bühnenaufbauten erwiesen sich irgendwann dann als doch zu groß für die Kongresshalle, die Schwabenhalle aber packt das. Dabei hieß Letztere noch in einer PR-Mail zum vergangenen Sido-Auftritt dort »Schabenhalle«, hihi.

»Ihr braucht kein Lachgas zu schießen, meine Freunde lachen sowieso schon«: Deichkind sind das wohl halligalli-mächtigste Pop-, Performance-, Kunst-, Trash- und Reimerei-Kollektiv an der Spitze der Entertainment-Pyramide. Man könnte meinen, Müll-Überaffirmation, Party-Inszenierung und Code-Krampf brauten sich zu einer Apokalypsen-Sause aus Hip-Hop, Electro und Kindertechno zusammen. Man könnte es unerträglich finden, man kann es aber auch als politischen Realitätscheck sehen. Im Kindergarten. Aber: Ausschlaggebend ist: Diese Party mit all ihren Schauwerten und Nonsense-Sensationen findet nur live am eindrücklichsten statt. Und macht dort: vor allem Spaß, Schweiß und Irritation. Drum könnte man sich dieses Konzert im Rahmen des zweiten Teils der »Niveau Weshalb Warum«-Tour durchaus in den Kalender notieren.

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