Energiekulturzentrum

12. September 2016 - 12:10 | Jürgen Kannler

Auf dem Gaswerkgelände entsteht in den kommenden Jahren das Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft unserer Region.

Sie handeln mit Strom und Gas, stellen die Wasserversorgung sicher und organisieren weite Teile des öffentlichen Nahverkehrs. Es gehört bisher nicht zum Tagesgeschäft der Stadtwerke Augsburg, die lokalen Kulturszenen und die Kreativwirtschaft mit bezahlbaren Werkstatt-, Atelier- und Übungsräumen zu versorgen. Das wird sich nun ändern. Es ist beschlossene Sache, dass der stadteigene Betrieb sein nun seit 15 Jahren brach liegendes Areal an der Grenze der Augsburger Stadtteile Oberhausen, Bärenkeller und Kriegshaber in absehbarer Zeit zum größten und wichtigsten Kreativzentrum der Region umbauen wird.

Die Menschen hier kennen das Gelände als Gaswerk. Sein mächtiger Scheibengasbehälter aus den 50er-Jahren ist eine der auffälligsten Landmarken weit und breit. Der 84 Meter hohe Riese steht für Augsburger Innovationskraft und den Wiederaufbau nach den Zerstörungen der Nazizeit. Er ist ein stählernes Zeichen für den durch harte Arbeit geschaffenen Wohlstand, aber auch für den Verfall ganzer Industriezweige in den 70er- und 80er-Jahren. Wenn es nach den Plänen der Stadtwerke geht, steht der Gaskessel ab sofort für einen Neustart des weitläufigen Areals mit seinem europaweit einzigartigen, denkmalgeschützten Gebäudeensemble, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird.

In diesem Jahr wird das Gebäude­ensemble 100 Jahre alt

Noch in diesem Jahr soll von der Stadt die Baugenehmigung für das Theaterinterim vorliegen. Parallel dazu werden Ausführungsplanungen erstellt, damit der Baubeginn noch in diesem Jahr erfolgen kann. Im Büro von Hans Koch, Planungsleiter Bau für das »Kreativwerk«, so der stadtwerkeinterne Projekttitel für das Gaswerksareal, laufen dafür die Fäden zusammen. Ein kleines, engagiertes Team sorgt dafür, dass ein historisches Denkmal mit einem hohen Unterhaltsaufwand zu einem belebten Objekt wird, das längerfristig seine Kosten selbst trägt. Da trifft es sich gut, wenn man wie Koch in Sichtweite des Gaskessels aufgewachsen ist und ein fast schon natürlich gewachsenes Verhältnis zu diesem Projekt mitbringt.

Nachdem die Stadtwerke in den letzten Jahren viel Geld in die Hand genommen haben, um den Boden des Geländes zu sanieren – die Schadstoffe wurden dabei bis zu einer Tiefe von 10 Metern entsorgt –, ist es nun an der Zeit, Schritt für Schritt die Sanierung der einzelnen Gebäude des Industriedenkmals in Angriff zu nehmen. Dafür geben die verschiedenen Prioritäten der späteren Nutzung die Taktung vor. Generell lässt sich dieser Plan in zehn Stufen beschreiben:

  • 1. Ofenhaus mit neuer Brechtbühne, Ballettsaal und Gastronomie (a),  NEUbau für das Theater Augsburg mit Verwaltung, Intendanz, Werkstätten sowie Atelier- und Übungsräumen mit ca. 800 Grundfläche (b)

  • 2. Östliche Werkstätten (a) und Sozialräume (b): Atelier- und Übungsräume erste Bauphase, ca. 1.700
    NEU Westliche Werkstätten (c): Das denkmalgeschützte Ensemble soll nach dem  technisch bedingten Abriss des westlichen Flügels originalgetreu wieder aufgebaut werden, Termin steht noch nicht fest, neu geschaffene Flächen für Atelier- und Übungsräume ca. 800

  • 3. Messwarte (a) und ehemalige Gasdruckregelanlage (b): Atelierräume weitere Bauphase, ca. 1.000

  • 4. Scheibengasbehälter, Untergeschoss (a) Räume bis zu 900 , Kesselraum für Kunst- und Kulturevents (b)

  • 5. Apparatehaus (a), Kühlerhaus (b): Fläche für Ausstellungen und Events

  • 6. Ehemalige und zukünftige Wirtschaftsgebäude mit technischen Einrichtungen zum Betrieb des Geländes

  • 7. Reinigergebäude, hier soll nach einem Ausschreibungsverfahren eventuell ein neuer Platz für Clubkultur geschaffen werden

  • 8. NEU Parkhaus mit bis zu 400 Stellplätzen für Theaterbesucher und Anlieger, dient auch als Firewall gegenüber den Treibstofftanks am angrenzenden Gelände

  • 9. Nachverdichtungsfläche für Unternehmen aus der Kreativwirtschaft und artverwandtem Gewerbe, ca. 5.000 geschaffen durch NEUbebauung (a), bis zu 8.000 anstelle der beiden Teleskopgasbehälter (b)

  • 10. Garagenhaus (a), das ehemalige Portalgebäude (b) und die ehemalige Direktorenvilla (c) spielen beim derzeitigen Planungsstand keine wesentliche Rolle

  • Gegenwärtig stehen vor allem die Punkte 1, 2 und 8 im Fokus der Diskussionen und Planungen.

Theater und Arbeitsräume für Künstler im Ofenhaus

Im Ofenhaus soll mit der Spielzeit 2018/19 die neue Brechtbühne ihr Publikum finden. Dazu werden Tribünenelemente und Technik aus der bis dahin nicht mehr benötigten »alten« Brechtbühne demontiert und im Gaswerk wiederverwendet. Dieses Schauspielhaus nimmt dann samt Technik und einem kleineren Bereich für einen Gastronomiebetrieb fast den gesamten rechten Flügel des Ofenhauses ein.

Als spektakulär könnte sich die Umsetzung eines Restaurants, Foyers und Aktionsraumkonzepts erweisen. Im linken Flügel soll dieses rund 20 Meter hohe Raumerlebnis stattfinden. Unter dem Dach ist ein Ballettsaal mit Bogenarchitektur und viel Tageslicht geplant.

Verlängert werden soll das denkmalgeschützte Stück Industriekultur in Richtung Norden durch einen modernen Zweckbau mit Stahlfassade und vergleichbarer Kubatur. Auf fünf bis sechs Etagen finden dort Verwaltung, Intendanz, Probebühne und die Werkstätten des Theaters Platz. Außerdem sieht das Raumkonzept Flächen für Künstler vor, die zurzeit noch im Kulturpark West in der ehemaligen Reese-Kaserne arbeiten.

Für den gesamten Theaterneubau veranschlagen die Stadtwerke 12,5 Millionen Euro.

Raumbedarf für Künstler aus dem Kulturpark West decken

Nachdem gegenwärtig davon auszugehen ist, dass die Mieter der Kulturpark West gGmbH auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne im Stadtteil Kriegshaber ihre Ateliers, Werkstätten, Büros und Übungsräume noch bis ins Jahr 2019 nutzen können, also zwei Jahre mehr als bisher mit der Stadt mietvertraglich vereinbart, ist auch der Druck auf die Stadtwerke nicht mehr so vehement, für die Kreativen Ersatzräume zu zaubern. Ursprüngliche Pläne der Stadt hatten einen Umzug der Kulturpark-West-Mieter ab 2017 vorgesehen.

Ein mehrstufiger Zeitplan soll die Erstellung von rund 5.000 Kreativraum in den kommenden Jahren gewährleisten. Das gesamte Raumpaket soll für 5 Euro Kaltmiete pro an die Stadt abgegeben werden, um die Ateliers, Werkstätten, Büros und Übungsräume an Kultur- und Kreativschaffende zu einem günstigen Preis von gut 7 Euro warm unterzuvermieten.

In einer ersten Bauphase ertüchtigen die Stadtwerke die östlichen Werkstätten. Sie bildeten zusammen mit ihrem Gegenpart im Westen die imposanten Flügel für den ersten Scheibengasbehälter der Welt, der vor 100 Jahren von diesem Gelände aus von der Augsburger Innovationskraft in die Welt kündete. Leider sind von diesem Industriedenkmal nur noch die zylinderförmigen Außenmauern und der Ostflügel übrig. Dessen Pendant wurde im Zuge der Bodensanierungen abgerissen, um bis in zu 10 Meter Tiefe benzolbelasteten Boden abzubaggern, soll aber originalgetreu wieder aufgebaut werden. Wesentlich unkomplizierter stellt sich die Sanierung des knapp 800 großen, ehemaligen Sozialgebäudes des Gaswerks für die Kreativen dar. Bezugsfertig sein könnten diese rund 1.500 umfassenden Atelier- und Übungsräume bis Ende 2017. Für den etwa 800 großen Westflügel ist derzeit noch kein Wiederaufbautermin bekannt.

Das Herz des neuen Zentrums der Kultur- und Kreativwirtschaft in unserer Region

Die zweite Bauphase umfasst vor allem die Gebäude der ehemaligen Messwarte und der benachbarten  Gasdruckregelanlage und soll bis 2019 abgeschlossen sein. Zusammen können hier gut weitere 1.000 Kreativraum generiert werden. Sollte tatsächlich auch das untere Geschoss des großen Scheibengasbehälters zu Übungsräumen für Musiker werden, würde sich diese Fläche sogar verdoppeln. Allerdings ist bis heute, auch durch die hervorgehobene Stellung dieses Industriedenkmals, seine endgültige Nutzung nicht abschließend diskutiert. Sicher ist nur, dass der nahezu einzigartige Kesselraum auch in Zukunft als Ort für besondere Kunstprojekte zur Verfügung stehen wird.
                 
Diese anstehenden Baumaßnahmen und ihre anschließende Belebung ergeben in Summe das Herz des neuen Zentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft in unserer Region. In Verbindung mit einer Öffnung des Geländes für alle Bürger, einem Anschluss an das Radwegesystem der Stadt und nicht zuletzt belebt durch die Ansiedlung von ausgesuchter Gastronomie und einer abgestimmte Programmplanung der einzelnen Kulturmacher, aber auch über zeitgemäße Festivalformate auf dem gesamten Gelände wird dieses Herz zu schlagen beginnen.      

Weitere Informationen unter:
www.sw-augsburg.de

Foto: Im Büro von Hans Koch laufen die Fäden für den geplanten Neubau zusammen.

Die swa feiern in diesem Jahr den 100. Geburtstag des Gaswerks Augsburg-Oberhausen. Die größte Party zum Fest richten dem denkmalgeschützten Areal Dutzende Künstler aus der ganzen Region mit dem Event »Asche zu Farbgut« aus. Sonderveröffentlichung S. I–VI

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