Entblößte Wehmut

18. Mai 2018 - 15:09 | Bettina Kohlen

Nein, dies sind keine Fotografien. Was da in der Galerie MZ derzeit an den Wänden hängt, ist Malerei.

Die Arbeiten von Gernot Hausner wecken sofort Foto-Assoziationen, die zum einen durch die realistische Darstellung entstehen, vor allem aber durch die müde Farbigkeit, die an alte Fotografien erinnert. An den Rändern verschwindet das Bild in einem grauen Nirwana, eine dunkle Unschärfe, die wir von der frühen Fotografie kennen. Und das Sujet? Nackte Menschen, die ungeniert in der Natur agieren, sofort stellt sich die Erinnerung an FKK-Strände der 1970er ein. Und genau da kommt es her. Gernot Hausner hat Fotografien aus alten FKK-Magazinen, die zwischen Biederkeit und Voyerismus schwanken, als Vorlage verwendet und so seine eigenen, aber auch kollektive Erinnerungen an eine freie, ungebundene Hippiekultur visualisiert. Die schwarzweißen Magazin-Fotos werden in der malerischen Übertragung zu einer wehmütig-sehnsuchtsvollen Hommage an ein entschwundenes „Elysium, Gefilde der Seligen“. Hausners Arbeiten sind aber keine Übermalungen, sondern der Künstler „kopiert“ das Foto in traditioneller Manier, er malt es minutiös ab – allerdings größer und farbig. Die Verbindung zum Ausgangsobjekt, dem Zeitungsfoto, hält er, indem er auf Fotokarton malt. Durch diesen Transfer vom tatsächlichen Foto zum Ölbild – in fotografischer Anmutung mit allen Attributen vergangener Bilder – schafft der Künstler den Bezug zu eigenen und allgemeinen Erinnerungen. Auf den ersten Blick irritieren Hausners Arbeiten: Was sehen wir da? Alte Schmuddelbilder? Piefige FKK-Kultur? Beim genaueren Hinsehen erschließt sich jedoch der Bedeutungswandel, den Hausner durch den medialen Transfer unter Beibehaltung fotografischer Attribute erzeugt. Unerwartet gelungen.

Gernot Hausner | Elysium. Gefilde der Seligen | bis 15. Juni in der Galerie MZ
www.galerie-mz.de

Thema:

Weitere Positionen

14. April 2021 - 9:08 | Martin Schmidt

Auf »Wasserstoff« (CD/Digital/Stream) setzt der Augsburger Komponist Stefan Schulzki Gedichte von Unica Zürn, Daniel Graziadei und Joseph von Eichendorff in Tonbilder um. Mit dabei, als zentraler Baustein, ist Sängerin und Vokalkünstlerin Beatrice Ottmann.

13. April 2021 - 14:03 | Martin Schmidt

»Knospen des Frühlings« (Digital/Stream/MC) ist das bemerkenswerte Debüt von Special Snowflake. Der 23-jährige Augsburger Nikita Nakropin führt einzigartig Liedermachertradition mit Elementen aus Hardcore und Emo zusammen.

12. April 2021 - 8:28 | Juliana Hazoth

Diversität ist keine momentane Laune des Marktes, sondern schlicht der Wunsch, Realität abzubilden. Lesebedarf – die a3kultur-Literaturkolumne

11. April 2021 - 13:53 | Gudrun Glock

Gibt es Pflanzen, die Schnecken fernhalten? Was hilft wirklich bei Bienenstichen? Andreas Barlage gibt Auskunft in seinem Buch »Wie kommt die Laus aufs Blatt? Wissenswertes und Kurioses rund um die Tiere in unserem Garten«

9. April 2021 - 9:44 | Juliana Hazoth

»Als wir uns die Welt versprachen« – Romina Casagrande erzählt in ihrem neuen Roman vom Schicksal der Schwabenkinder.

7. April 2021 - 8:43 | Thomas Ferstl

»Projektor«, die a3kultur-Filmkolumne, über die Rückkehr von Filmfestivals, Johnny Depp, einer leichten Dame und eines Streamingdienstes.

6. April 2021 - 11:05 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die Bayerische Kammerphilharmonie bringt on air Weltklasse aus Augsburg in die Welt und hat sich dafür auf die Kunst hochwertiger Konzertvideos konzentriert.

5. April 2021 - 6:34 | Gast

Aus der Erde geboren: Vor unserer Haustür erwacht zum Leben, was uns kulinarisch verwöhnt. Wild wachsende Kräuter sind wahre Schätze. Von Björn Kühnel

5. April 2021 - 6:03 | Gudrun Glock

Der neu erschienene Sammelband »Deutsche Geschichte. Von den Anfängen bis heute« führt auf fast 1.000 Seiten über die Epochen.

2. April 2021 - 6:33 | Martin Schmidt

Das Wittelsbacher Schloss in Friedberg: ein Kulturort, an und in dem sich Mechanik und Drama der Lockdown-Regelungen in ihrem ganzen Spektrum abspielen. Museum, Indoor- und Outdoor-Veranstaltungen sowie ein Café unterliegen jeweils anderen Öffnungs- und Schließungsmodalitäten.