Erfolg ist...

29. Dezember 2015 - 8:26 | Sarvara Urunova

Seit September hat das Theater Augsburg mit Domonkos Héja einen neuen Generalmusikdirektor. Jürgen Kannler und Sarvara Urunova trafen sich mit dem gebürtigen Ungarn, um über Kunst, Politik und das perfekte Gehör zu sprechen.

a3kultur: Was bedeutet für Sie Erfolg? Wie definieren Sie den Begriff für sich persönlich und in der Arbeit mit dem Orchester?

Domonkos Héja: Erfolg ist für mich, wenn ich sehe, dass das Publikum mit Begeisterung auf das Spiel des Orchesters reagiert. Noch ein größerer Erfolg ist es, wenn auch das Orchester begeistert ist. Die Musik wird für das Publikum gemacht und das Publikum sollte die Leidenschaft im Spiel des Orchesters zu spüren bekommen. Beide Seiten sollten zufrieden sein. Das gelingt, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. 

Welche Eigenschaft der Augsburger Philharmoniker ist für Sie von besonderer Bedeutung?

Mein erstes Dirigat in Augsburg im September 2014 war für mich ein Riesenerlebnis. Als Kandidat für den Posten des Generalmusikdirektors habe ich bereits während des 45-minütigen Probespiels gespürt, dass das Orchester unglaublich schnell reagiert und diesen starken Willen hat, Musik zu machen. Diese Fähigkeiten finde ich sehr wichtig. Der Klang entwickelt sich in seiner Stärke von Konzert zu Konzert konstant weiter. Das ist natürlich auch mit viel Arbeit verbunden, die die Musiker hervorragend leisten. 

Wie beurteilen Sie die Konzerthalle im Kongress am Park?

Als Künstler schätze ich den Bau sehr, ich mag den Saal und fühle mich dort wohl. Er klingt gut, wenn auch durch künstliche Verstärkung. Jedoch bleibt die Kongresshalle eben eine Kongresshalle.

Spätestens 2017 schließt das Große Haus und soll renoviert werden. Welche Erwartungen haben Sie an die Interimsstätten für das Musiktheater?

Ich bin eher skeptisch, dass wir für die Oper im Kongress am Park während der Sanierung ein wirkliches neues Heim finden werden. Das Problem liegt dabei wohl weniger in den Ansprüchen von uns Künstlern. Aber bedenken Sie, wenn die Stadt einen Ort wie den Kongress am Park geschaffen hat, der nun fest etabliert ist und wo die dort stattfindenden Veranstaltungen gute Einnahmen bringen, verstehe ich nicht, warum die Stadt auf so einen Ort verzichtet und dort Orchester und Musiktheater einziehen lässt. Wir werden dort immer Gäste sein, das heißt, wir werden auch immer wieder auf andere Orte ausweichen müssen.  

Wie würden Sie Ihr Verhältnis als Generalmusikdirektor in der Mozartstadt Augsburg zur Familie Mozart beschreiben?

Ich mag Mozart, er ist einer meiner Lieblingskomponisten.  Mir ist auch sehr wichtig ist, dass wir ganz eng mit der Deutschen Mozart-Gesellschaft arbeiten und auch beim Eröffnungskonzert des 9. Internationalen Violinwettbewerbs im Mai 2016 dabei sind. 

In dieser Spielzeit stehen viele Werke von Komponisten aus dem Osten Europas, wie Dmitri Schostakowitsch oder Sofia Gubaidulina, auf dem Programm. Wie schätzen Sie das Potenzial dieser Musik für das Augsburger Publikum ein?

Russische Musik hat eine besondere Bedeutung für mich, sowohl im Guten als auch im Schlechten. Man darf nicht vergessen, dass die russische Armee fünfzig Jahre lang in Ungarn Besatzungsmacht war. Die Musik, die hinter dem Eisernen Vorhang entstand, ist kraftvoll. Die Komponisten mussten damals sehr schelmisch sein, um ihre Gedanken ehrlich zum Ausdruck bringen zu können, ohne dabei von der Zensur erwischt zu werden und damit Gefahr zu laufen, Sanktionen ausgesetzt zu sein. Diese Musik birgt ein sehr großes Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten, die auch von großem Interesse für das hiesige Publikum sein könnten. 

Wie darf man sich Ihre Kindheit und Jugend in Ungarn vorstellen?

Ich bin ein echter Budapester und in einer Musikerfamilie aufgewachsen. Mein Vater war Bratschist am Budapester Opernhaus, meine Mutter unterrichtete Violine. Ich habe viel geübt, viele Instrumente ausprobiert, aber wenig gespielt. Eine absolut bürgerliche Kindheit in einem sozialistischen Umfeld. 

Wenige Tage nach den Anschlägen von Paris präsentierten Sie den Augsburgern ein Konzertprogramm ausschließlich mit französischen Komponisten. Den zweiten Teil des Abends widmeten Sie den Opfern dieses Verbrechens und dem Frieden. Sehen Sie sich als Künstler in der Pflicht, auf solche politischen Entwicklungen zu reagieren?

Ich denke, dass die Musik an sich mit Politik nur wenig zu tun hat. Ich versuche mich auch von der Politik fernzuhalten. Solche Ereignisse, ob sie politische Hintergründe haben oder nicht, sind für mich insofern tragisch, als dabei sehr viele Menschen sinnlos durch Gewalt sterben. 

Wie erleben Sie als Künstler die Repressionen der Regierung Orban gegenüber Andersdenkenden? Oder anders gefragt, inwieweit hat die politische Situation in Ungarn während der letzten Jahre Ihre Art zu denken und zu arbeiten beeinflusst?

Ich mache Musik. Meine Arbeit darf von der Politik nicht beeinflusst werden. Wenn ich eine Sinfonie von Brahms dirigiere, ist es mir völlig egal, welche Regierung gerade an der Macht ist und wie die politische Lage aussieht. Was ich persönlich allerdings sehr schade finde, ist, dass viele Künstler in diesem politischen Zusammenhang nicht nach Ungarn kommen wollen oder aus dem Land ausreisen. Das Publikum will Musik hören und leidet unter dem Verzicht, die großen Künstler live erleben zu dürfen.

Henrik Wiese, Ihr Flötensolist vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bei den letzten Konzerten, ist Synästhetiker, das heißt, er verfügt über die seltene Gabe, Farben zu hören. Beneiden Sie Ihren Kollegen um diese Fähigkeit?

Nein, ich beneide ihn nicht. So eine Gabe kann auch schnell zu einer Herausforderung für einen Künstler werden, die nur schwer zu bewältigen ist. Ich habe auch kein absolutes Gehör. Ein sehr gutes zwar, aber eben nicht absolut. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die berühmte Geschichte über Ernst von Dohnányi, der an einem verstimmten Klavier eine schwere Sonate von Liszt einen Halbton höher spielen musste, weil er die Tonabweichungen nicht aushalten konnte. Wie gesagt, es gibt zweifellos außerordentliche Gaben, die jedoch manchmal auch ziemlich qualvoll sein können. 

Ärgert es Sie eigentlich sehr, wenn Zuhörer zwischen den Sätzen applaudieren?

Nein, überhaupt nicht. Es ist ein Fehler, zu erwarten, dass das Publikum die Werke auswendig kennt. Mich stört es eher, wenn ein Handy während einer langsamen Passage klingelt oder wenn gehustet wird. Ich finde es reizend, wenn das Publikum mit Begeisterung auf das Ende eines Satzes reagiert, sich mitgerissen fühlt und durch das Applaudieren den Erfolg des Orchesters bestätigt. 

Welche größeren, vielleicht auch spektakulären Projekte wollen Sie in den kommenden Jahren in Augsburg verwirklichen?

Da gibt es auf jeden Fall einige, aber ich verrate Sie Ihnen erst beim nächsten Gespräch.  

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