Erfolgsmodell mit Luft nach oben

24. April 2015 - 11:19 | Gast

Tobias Michl untersucht die Bedeutung des Kulturparks West

Die Römerstadt, die Friedensstadt, die Fuggerstadt, die Stadt der Renaissance, die Mozartstadt, die Brechtstadt. Damit punktet Augsburg bei Bürgern wie Touristen. Diese Wertschätzung der Kultur, die in vielen verschiedenen Projekten, Aktivitäten und Veranstaltungen zum Ausdruck kommt, stellt einen guten Nährboden für eine Einrichtung wie den Kulturpark West dar. Dessen Funktionen gehen jedoch über die Vermarktung bzw. das Image der Stadt und die Organisation von Veranstaltungen weit hinaus.
 
Im vergangenen Jahr wurden die Funktion und die Bedeutung des Kulturparks im Rahmen einer Geographie-Diplomarbeit an der Universität Augsburg untersucht. Die große Stärke des Kulturparks West ist laut dieser Untersuchung der Fokus auf dem Zur-Verfügung-Stellen von niederschwelligem und günstigem Raum für einen möglichst großen Nutzerkreis. Die Freiheit der Nutzer und die aufgrund von Vielfalt und Durchmischung mögliche Vernetzung sind ebenfalls positiv zu bewerten. Dies wird durch die Größe des Kulturparks West begünstigt, der eine der größten Einrichtungen dieser Art in Deutschland ist. So kann eine kritische Masse erreicht werden, um Eigendynamik und ein Netzwerk zu entwickeln. Die wachsende Bekanntheit des Projekts in der Augsburger Stadtbevölkerung und seine Etablierung als fester Bestandteil der Augsburger Kulturszene unterstreichen seine politische und gesellschaftliche Relevanz.
 
Es werden weiterhin verschiedene Probleme oder Schwächen des Kulturparks festgestellt. Diese sind jedoch im Kern meist auf die temporäre Natur des Projekts zurückzuführen, welche langfristige Planungen und Entwicklungen erschwert. Die schwierige finanzielle Situation und der mängelbehaftete bauliche Zustand der Gebäude stehen damit ebenso in Zusammenhang wie die nicht immer optimale Außenwirkung des Kulturparks. Die fehlende Planungssicherheit über das Ende der Zwischennutzung am Standort Reese-Kaserne im Sommer 2017 ist zudem eine starke Belastung für die Akteure vor Ort.
 
Dennoch kann konstatiert werden, dass Kultur in der Stadtgesellschaft, der Politik wie auch der Verwaltung als wichtiger Teil des privaten wie öffentlichen Lebens wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Entsprechend stellt dies eine gute Ausgangslage für die zukünftige Entwicklung einer Einrichtung wie des Kulturparks West dar.
 
Gerade im Kontext des allgemeinen Bedeutungsgewinns der Begriffe »Kreativität« sowie »Kultur- und Kreativwirtschaft« für die Stadt- und Standortentwicklung kann dem Kulturpark West eine besondere Bedeutung beigemessen werden. Kreativität wird in ihrer räumlichen Ausprägung meist den Städten bzw. urbanen Räumen mit kreativen Milieus als Bühne und Interaktionsraum der Kultur- und Kreativwirtschaft zugeschrieben. Dadurch wird der Begriff der »creative city« oder der »kreativen Stadt« geprägt. Eine kreative Stadt ist ein komplexes System von Rahmenbedingungen, in deren Mittelpunkt die Kreativität der einzelnen Menschen (nicht nur Künstler) und ihrer Interaktionen steht. Etwas spezifischer kann hier von der Stadt als Standort für Kultur- und Kreativwirtschaft und damit für Innovationen gesprochen werden. Dabei erfordert eine kreative Stadt nicht nur physischen Raum und physische Infrastruktur, sondern auch eine geistige Infrastruktur und Grundhaltung. Die Stadtbewohner sind als »agents of change« Teil der Entwicklungen.

In Augsburg kann der Kulturpark West als mittlerweile über mehrere Jahre gewachsene und etablierte Struktur bei einer anhaltenden und intensivierten Vernetzung mit kulturellen und kreativen Akteuren aus der ganzen Stadt eine wichtige Rolle spielen. Nun ist dabei weder das Paradigma einer kostenlosen »Kultur für alle« noch das der Reduzierung der kulturellen Aktivitäten auf die eher ökonomisch orientierte Kultur- und Kreativwirtschaft zielführend. Daher ist die Integration möglichst vieler und vielfältiger Augsburger Bürgerinnen und Bürger und Stakeholder sowie gegebenenfalls externer Experten nötig, wie es bereits immer wieder praktiziert wurde. Es ist ein offener Kommunikationsprozess mit den Entscheidungsträgern anzustreben, der ohne Denkverbote geführt wird, wenn es um die Zukunft des Kulturparks geht.
 
Nun steht immer wieder ein Umzug des Kulturparks auf das Gaswerkgelände in Oberhausen zur Debatte. Inwiefern dieser realistisch ist, wurde von der oben genannten Arbeit ebenfalls untersucht. Bauliche Aspekte wurden zur gleichen Zeit durch die von den Stadtwerken als Grundstückseigentümern in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie geprüft. Grundsätzlich ist die An- bzw. Umsiedlung der derzeitigen Kulturpark-Nutzer auf das Gaswerkgelände bei ausreichenden Investitionen durchaus umsetzbar. Allerdings ist für die Etablierung eines erfolgreichen Kreativquartiers und eine ökonomisch sinnvolle Entwicklung des Areals der Kulturpark West als Hauptnutzer nur eingeschränkt geeignet. In diesem Kontext und aufgrund der inzwischen entwickelten Bindung der Kulturschaffenden und Kreativen an den Standort Reese-Kaserne wird nun wieder vermehrt über die Erhaltung der drei Kulturpark-West-Gebäude an der Sommestraße diskutiert. Dieser Ansatz wird zukünftig hinsichtlich seiner Realisierbarkeit im Kontext der Entwicklung des Reese-Geländes zu prüfen sein.
 
Insgesamt fasst die Aussage eines der im Rahmen der Arbeit befragten Experten den Status des Kulturparks West gut zusammen: »Es ist ein Erfolgsmodell, das aber auch Luft nach oben hat.«
 

Dipl.-Geogr. Tobias Michl ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Humangeographie der Universität Augsburg tätig. Seine Schwerpunkte: Standortentwicklung, kulturelle und kreative Stadtentwicklung, Kreativquartiere.

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