Erfüllungsort eines zweiten Religionsfriedens

4. August 2016 - 8:04 | Martin Schmidt

St. Anna liegt nicht nur im Herzen­ der Stadt, sondern bildet die Herzkammern von Reformation und Ökumene. Ein Porträt von Martin Schmidt

St. Anna, im Zugang leicht verwinkelt, aber dennoch zentral gelegen zwischen Fuggerstraße und Annastraße, ist die evangelische Hauptkirche in Augsburg. Ihre Anfänge sind katholisch: Hervor ging sie aus einem im Jahr 1321 von Karmelitermönchen erbauten Kloster. Das baugeschichtlich kontrastreiche Ensemble aus Kreuzgang, Fugger-, Goldschmiede- und Heiliggrabkapelle vereint in seiner jahrhundertealten Geschichte alle Stilrichtungen von Gotik bis Klassizismus. Für Pfarrer Thomas Hegner ist nicht nur die immense geschichtliche und kulturelle, sondern auch die geistliche Bedeutung der Sakralräume regelrecht fühlbar: »Man spürt, wie die Kirche über Jahrhunderte bebetet wurde.«

Hegner und Silke Kirchberger sind Pfarrer der Gemeinde unter Stadtdekanin Susanne Kasch. Die Anzahl der Gemeindemitglieder lässt sich derzeit zwischen 2.300 bis 2.400 Gläubige beziffern. Sie stammen vor allem aus der Innenstadt, dem Antons- und dem Thelottviertel. Einen zahlenmäßigen Überhang aufseiten der Männer oder der Frauen kann Hegner nicht erkennen, in der Altersstruktur bilden aber junge Familien, Menschen im Alter von 20 bis 35 Jahren sowie Senioren die Schwerpunkte. 280 Gläubige engagieren sich aktiv, zum Beispiel als Kirchenführer, Musiker oder im Chor.

Mit »St. Anna« trägt die evangelisch-lutherische Gemeinde samt ihrem Sakralbau den Namen einer katholischen Heiligen (Anna gilt als Mutter Marias und damit als Großmutter Jesu). Im Zuge der Reformation war St. Anna 1548 evangelisch geworden; bereits Weihnachten 1525 hatte hier der erste evangelische Gottesdienst stattgefunden. Den katholisch verwurzelten Gemeindenamen sieht man unaufgeregt als historische Referenz, identifikatorisch als eingebürgert und lieb gewonnen. »Würde man einen Wettbewerb für einen neuen Namen ausschreiben, würde man wohl einen Proteststurm in der Gemeinde ernten«, schmunzelt Pfarrer Hegner.

Wie sehr in St. Anna die Schicksalsfäden der Reformation zusammenlaufen, spiegelt sich nicht nur darin, dass Martin Luther in St. Anna Unterschlupf fand (wovon das Museum Lutherstiege zeugt), sondern auch in jener Luther-Legende: Einst hatte der künftige Reformator – noch bevor er Mönch wurde –, bei schwerem Gewitter von Blitz und Sturm bedrängt, eben die heilige Anna um Hilfe angerufen: Er wolle Mönch werden, wenn sie ihn beschütze.

Bezeichnenderweise ist St. Anna auch Schicksalsort der Ökumene: Am 31. Oktober 1999 – noch nicht einmal ganze 17 Jahre her – wurde hier in Augsburg die »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre« verabschiedet. Der Lutherische Weltbund und der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen kommen in diesem zentralen Dokument der Ökumene darin überein, dass die lutherische Lehre der Rechtfertigung nicht kirchentrennend sei.

Die wunderschöne Goldschmiedekapelle ist seit diesem Jahr neu saniert und wiedereröffnet, bis 2017 sollen nun die zwei Höfe – der eine im Kreuzgang, der andere an der Annastraße – renoviert werden. Und die Gemeinde hat, zusammen mit der Stadt Augsburg, noch einen weiteren Wunsch: Der ehemalige Klosterkomplex hat tatsächlich noch leer stehende Räume (über Teilen des Kreuzgangs und über der Schlosserschen Buchhandlung), hier möchte man ein Projekt für Flüchtlingsfrauen umsetzen.

www.st-anna-augsburg.de

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