Erinnern für die Zukunft

14. Februar 2018 - 10:59 | Dieter Ferdinand

Die ehemalige Synagoge Kriegshaber zeigt bis zum 17. Juni die Ausstellung »Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung?«

Auf den Tag genau 85 Jahre nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch Hindenburg 1933 fand am 30. Januar 2018 in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber und jetzigen Museumsdependance des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben die Eröffnung der Ausstellung mit 23 hochwertigen Exponaten statt. In der NS-Zeit wurden Millionen Jüdinnen und Juden verfolgt und ermordet. Unzählige Kultobjekte wurden geraubt und zerstört. Das geschah auch in Augsburg in der Pogromnacht vom 8./9. November 1938, die sich heuer zum achtzigsten Mal jährt. Nur wenige Gegenstände konnten gerettet werden.

Die im früheren Kultraum der Synagoge Kriegshaber nach aufwändiger Recherchearbeit gezeigten Objekte umspannen einen Zeitraum von etwa 400 Jahren. Sie widerspiegeln das wechselvolle kulturelle, religiöse und soziale Leben jüdischer Menschen in den westlichen Vorstadtgemeinden. Die jüdische Gemeinde Kriegshaber hatte sich mit ihrer Synagoge als Zentrum herausgebildet und wurde 1917 der Großen Synagoge in der Halderstraße eingegliedert. Hier waren viele rituelle Gegenstände aufbewahrt und 1938 gestohlen, beschädigt und in alle Welt verstreut worden. »Nach 80 Jahren der Abwesenheit kehren die ausgestellten Judaica wieder in die ehemalige Synagoge Kriegshaber zurück, wenn auch zeitlich begrenzt«, erläuterte Museumsleiterin Prof. Dr. Benigna Schönhagen bei der Eröffnung.

Gezeigt werden kultisch-liturgische und persönliche Gegenstände, wobei Erinnerung an den Auszug aus Ägypten und Gedenken der Toten auch Teil des Alltags sind. Den Mittelpunkt des religiösen Lebens bildet die Tora, zu sehen sind ein prachtvoller Tora-Vorhang, kostbares Tora-Silber und viele kleinere, nicht weniger bedeutungsvolle Objekte. Rabbiner Dr. Henry Brandt lädt im Grußwort für den Katalog dazu ein, sich zu fragen, was sich hinter den Exponaten verbirgt, auf die Stimmen zu lauschen, die aus ihnen sprechen. Die Wege nur weniger Objekte sind lückenlos nachweisbar. Darauf verweisen »Weg-Weiser«, die vielfach mit Fragezeichen versehen sind: Hinweise auf Kenntnis-Lücken. »Es wurden gerade bei den fragmentarischen und beschädigten Objekten keine Schönheitsreparaturen vorgenommen. Man zeigt die Wunden«, erläuterte Gastkuratorin Dr. Felicitas Heimann-Jelinek aus Wien.

Bei der Ausstellungseröffnung wurde wiederholt vor zunehmendem Antisemitismus und Rechtsextremismus gewarnt. Dr. Eberhard Schurk, Vorstand der Stiftung Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, sagte bei der Eröffnung: »Interreligiöses Miteinander ist wichtig.« Er forderte Mut, sich »gegen die ewig-Gestrigen zu wehren, ihnen zu widerstehen«.

Die von Souzana Hazan, Elfriede Heimann-Jelinek und Benigna Schönhagen kuratierte Ausstellung und das Begleitprogramm führen die ausgezeichnete erinnerungskulturelle Arbeit des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben fort. Bilder der 23 Objekte wurden mit kurzen Erläuterungen an die Wand unter den Fenstern gedruckt. Sie bleiben dauerhaft sichtbar. Von ihnen angeregt, können pädagogische Arbeit, die Auseinandersetzung mit jüdisch-deutscher Geschichte und Gespräche über die Gestaltung einer friedlichen Zukunft stattfinden.


Während der Dauer der Ausstellung ist die ehemalige Synagoge Kriegshaber, Ulmer Straße 228, von Donnerstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr sowie sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Das Jüdische Kulturmuseum bietet ein umfangreiches Begleitprogramm mit Geschichts- und Kreativ-Workshops für Schulklassen sowie Führungen und Vorträgen an. Das komplette Angebot im Überblick finden Sie unter: www.jkmas.de/2018/01/erinnerung-ausstellung-kriegshaber/

Abbildung: Der 1723/24 von Elkana Schatz Naumberg in Fürth mit Gold- und Silberfäden gestickte Tora-Vorhang hing in der Synagoge Kriegshaber vor dem Tora-Schrein. Gestiftet von der New Yorker Familie Moldovan, gelangte er über die USA nach Jerusalem in das Israel Museum. (Foto: Israel Museum, Jerusalem)

Thema:

Weitere Positionen

29. Oktober 2020 - 14:52 | Martin Schmidt

Sebastian Karner, neuer 1. Vorsitzender der Club & Kulturkommission Augsburg, spricht im Interview mit a3kultur über die Zukunft der Clubszene in Corona-Zeiten.

29. Oktober 2020 - 13:08 | Dieter Ferdinand

Am 21. Oktober hielt Dr. Michael Mayer im Festsaal der Synagoge den Vortrag »Judenfeindschaft im Schatten des Holocaust. Die antisemitische Politik des französischen Vichy-Regimes«.

27. Oktober 2020 - 11:07 | Jürgen Kannler

Das Streichkonzert beim ersten Etat unter Corona-Bedingungen hat begonnen. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

23. Oktober 2020 - 15:37 | Patrick Bellgardt

Die ersten Wochen der neuen Saison sind gespielt, nun steigen die Corona-Fallzahlen wieder. Theatermacher*innen wie André Bücker und Sebastian Seidel müssen unter wechselnden Pandemiebedingungen arbeiten.

22. Oktober 2020 - 9:15 | Bettina Kohlen

Der vielseitig tätige Künstler Felix Weinold ist aktuell mit mehreren Ausstellungen in der Region präsent, darunter ist auch eine umfangreiche Einzelschau im Augsburger Holbeinhaus.

20. Oktober 2020 - 10:39 | Dieter Ferdinand

Im Kulturhaus abraxas las der Schauspieler Matthias Klösel den Bericht des Auschwitz-Überlebenden Ludwig Frank.

19. Oktober 2020 - 10:56 | Patrick Bellgardt

»Kunst und Kultur im Quartier – Wie geht das zusammen und was soll das?« Diese Frage stellte sich eine Diskussionsrunde, zu der die a3kultur-Redaktion Anfang Oktober auf das Gaswerkgelände geladen hatte.

16. Oktober 2020 - 11:02 | Max Kretschmann

Am 9. Oktober feierte das Sensemble Theater in Kooperation mit dem Neuen Theater Burgau die Premiere von Friedrich Dürrenmatts »Der Mitmacher«. Regie führte Phillip J. Neumann, assistiert von Lisa Bühler. In den Hauptrollen waren Heiko Dietz, Dörthe Trauzeddel und Birgit Linner zu sehen.

15. Oktober 2020 - 13:49 | Renate Baumiller-Guggenberger

In den zwei Freistil-Konzerten am Montag- und Dienstagabend im Kleinen Goldenen Saal katapultierten Sarah Christian und Maximilian Hornung ausgewählte Streich- und Klaviertrios von Beethoven und Mozart sowie Gabriel Faurés erstes Klavierquartett (c-Moll) in schwindelerregende Höhen

14. Oktober 2020 - 16:28 | Bettina Kohlen

Eine Ausstellung im Grafischen Kabinett mit Arbeiten des Bildhauers Fritz Koelle macht dessen politisch durchaus ambivalente Haltung deutlich.