Erinnerung braucht Wissen

5. Juli 2018 - 8:42 | Patrick Bellgardt

17 Jahre lang leitete Benigna Schönhagen das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben. In dieser Zeit entwickelte sich das Haus zu einer überregional renommierten Institution.

Bevor sich die Historikerin am 31. Juli in den Ruhestand verabschiedet, sprachen wir mit ihr über Museumsarbeit und Erinnerungskultur.

a3kultur: Frau Schönhagen, nach 17 Jahren fällt der Abschied sicher nicht leicht. Blicken Sie mit einem lachenden oder einem weinenden Augen dem letzten Arbeitstag entgegen?


Benigna Schönhagen: Es ist immer beides. Ich stecke noch voller Ideen. Es ist schade, dass ich nicht mehr alle Projekte verwirklichen kann. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass eine gewisse Last abfällt: Über die Jahre hat sich das Jüdische Kulturmuseum zu einem großen Betrieb entwickelt. Da ist viel Zeit in die Organisation und das Management geflossen, die wissenschaftliche Arbeit war oft nur am Wochenende oder in den Nachtstunden möglich. Das Schöne an meinem Beruf ist ja, dass man auch im Ruhestand weiter schreiben und forschen kann. An diese Dinge wieder mit freiem Zeitplan heranzugehen – darauf freue ich mich sehr.

Bleiben Sie Augsburg erhalten?

Nur soweit es noch Projekte gibt, wo ich gebraucht werde. Meine Familie lebt ja nach wie vor bei Tübingen. Als ich hier anfing – da waren meine Kinder noch klein –, wollten wir eigentlich umziehen. Aufgrund der Unsicherheit, wie sich alles entwickeln würde, sind wir davon abgekommen. Irgendwann hat man sich dann an das Pendeln gewöhnt. In Projekten wie der »ErinnerungsWerkstatt« werde ich sicherlich weiter präsent sein. Letztendlich möchte ich aber meiner Nachfolgerin Barbara Staudinger alle Freiheiten lassen.

2001 übernahmen Sie die Leitung des Jüdischen Kulturmuseums. Wie sah das Haus damals aus?

Der Leiter des Jüdischen Museums Hohenems, Hanno Loewy, spricht davon, dass die Ausstellung damals ganz schön angestaubt gewesen sei. Als die Sammlung 1985 in einem Teil der Augsburger Synagoge eingerichtet wurde, war es das erste selbstständige jüdische Museum in der Bundesrepublik. Niemand wusste so recht, wie man jüdische Geschichte präsentieren kann. Es war eher eine Art jüdische Domschatzkammer, in der ein Ritualgegenstand nach dem anderen gezeigt wurde. Es war kein Museum, über das in der Öffentlichkeit groß gesprochen wurde. Vor mir gab es circa acht Museumsleiter, die ihr Amt jeweils nicht länger als zwei Jahre innehatten. Als ich mich beworben habe, rieten mir nicht wenige Kollegen: Lass es sein, das ist ein Schleudersitz.

Sie sollten 17 Jahre bleiben. Was haben Sie richtig gemacht?

Ein ganz wesentlicher Schritt war die thematische Neuausrichtung: Nicht mehr nur jüdische Religion, sondern jüdisches Leben in Augsburg und Schwaben sollte im Fokus stehen. Dadurch sind wir vielfältiger geworden und konnten ein breiteres Publikum ansprechen. Ein weiterer Punkt war die Entscheidung, zwar Wechselausstellungen zu machen, den Schwerpunkt aber auf die Museumspädagogik zu setzen. Mit rund 850 Führungen und mehr als 40 Workshops im Jahr ist das bis heute so geblieben.

Eine Besonderheit des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben ist die räumliche Situation: Als eines von nur zwei Häusern in Deutschland ist es an eine Synagoge mit praktizierender Gemeinde angegliedert. Inwiefern hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich habe die Nachbarschaft als riesige Chance erlebt. Hier erfährt man lebendige jüdische Gegenwart. Das hat mir sehr geholfen, Verständnis für die Zuwanderergemeinde und für Migration insgesamt zu bekommen. Dennoch: Zwei Einrichtungen mit unterschiedlichen Interessen unter einem Dach, das reibt sich auch mal. Letztlich sind wir als Museum ein wissenschaftlicher Betrieb, der seine Aufgabe nicht in der religiösen Vermittlung sieht. Rabbiner Henry G. Brandt, der unsere Arbeit sehr schätzt, schreibt im Vorwort zu unserem neuen Museumsführer, der im Juli endlich erscheinen wird, von »zwei Seiten einer Medaille«.

Jüdische Museen stehen in einem besonderen Maße im Spannungsfeld zwischen Vergangenheitsaufarbeitung und heutiger Lebenswirklichkeit.

Jüdische Museen sind »andere« Museen. Stellen Sie sich ein Stadtmuseum vor, an das heutzutage der Anspruch eines »Labors des Zusammenlebens« gestellt wird: Es hat in der Regel nicht mit einer solch traumatischen Geschichte, mit einer traumatisierten Gruppe von Menschen zu tun. Wir aber haben dem Kontakt mit den Überlebenden und ihren Nachfahren großen Stellenwert eingeräumt. Doch auch einige der nicht jüdischen Besucher – gerade die älteren – kommen häufig mit vielen Ängsten und Hemmungen. Diese gilt es erst einmal abzubauen.

Haben Museen die Aufgabe, sich zu tagesaktuellen Fragen zu positionieren?

Ich denke ja. Sie müssen jedoch nicht zu allem ihren Kommentar abgeben. Museen sollten ein Forum sein, in dem Menschen miteinander reden und unterschiedliche Meinungen austauschen können, in dem Vielfalt eingeübt werden kann. Deshalb bin ich froh – auch aufgrund des fehlenden Raums für Wechselausstellungen –, verstärkt auf die Programmarbeit gesetzt zu haben. Um aber auch auf das Ureigene des Museums zu kommen, die Exponate: Objekte sind immer vielschichtig. Wenn Sie die Besucher dazu bringen, die verschiedenen Schichten zu erkennen, haben diese ein Verständnis für Pluralität gewonnen. Das konnte ich glücklicherweise zum Schluss noch einmal sehr exponiert mit der Wechselausstellung »Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung?« in Kriegshaber vor Augen führen.

Die Entwicklung der Museumsdependance Ehemalige Synagoge Kriegshaber war sicherlich das große Projekt der letzten Jahre. Wie geht es dort konzeptionell weiter?

Es würde keinen Sinn machen, wenige Kilometer von der Halderstraße entfernt auf beengtem Raum eine weitere Dauerausstellung zu installieren. Wir setzen dort vielmehr auf den mündigen Besucher: Alles, was in einer Ausstellung gezeigt worden wäre, kann dieser nun mithilfe eines Multimediaguides selbst erarbeiten. Nach meiner Vorstellung steht die Museumsdependance auch weiterhin für Kunstprojekte zur Verfügung, die sich mit dem Gebäude als »Erinnerungsraum« auseinandersetzen. Wie zuletzt bei »Garten ←→ Gan« der Dachauer Künstlerin Esther Glück. Letztendlich ist ja das Haus selbst das größte Exponat.

Die Museumsdependance wird also nicht zur bloßen Ausweichlocation? In der Halderstraße gibt es räumlich gesehen kaum Spielraum für größere Projekte.

Das wäre ein fauler Kompromiss. Ich habe immer darauf hingewiesen, dass wir in der Halderstraße einen vernünftigen und konservatorischen Bedingungen genügenden Raum für Wechselausstellungen brauchen. Ich hoffe, dass sich die Verantwortlichen im Rahmen der geplanten Sanierung der Synagoge fantasievoll mit diesem Thema auseinandersetzen und museologische Expertise dafür zurate ziehen. Viel zu wenig ist bekannt, dass das Museum eine hervorragende Sammlung hat. Sie kann aber nicht gebührend gezeigt werden. So etwas ist für jeden Ausstellungsmacher eine bittere Erfahrung.
 
Ein Museumsneubau wäre doch auch eine Überlegung wert.

Ja, zumindest ein Ergänzungsbau. Man sollte bei solchen Zukunftsplanungen niemals zu klein denken. Noch befinden wir uns in einer Hochphase jüdischer Museen, denken Sie an die aktuellen Aus- und Neubauten in Frankfurt, Fürth oder Berlin. Vielleicht kann sich auch Augsburg eines Tages dazu durchringen – mit dieser jüdischen Geschichte, einer aktuellen jüdischen Gemeinde und zwei erhaltenen Synagogen!

Mit der seit 2002 laufenden Zeitzeugenreihe »Lebenslinien« haben Sie gemeinsam mit dem Leiter des Sensemble Theaters, Sebastian Seidel, Pionierarbeit geleistet. Jetzt, da die Generation der Überlebenden bald nicht mehr aus erster Hand erzählen kann – wie verändert sich erinnerungskulturelle Arbeit?

Die »Lebenslinien« sind in der Öffentlichkeit vor allem durch die wunderbaren Matineen im Sensemble Theater wahrgenommen worden. Für die Zeitzeugen selbst waren die darauffolgenden Workshops mit Schulklassen meist wichtiger. Dieses Format kann aber fortgesetzt werden. Über die Jahre entstanden nämlich zahlreiche videografierte Interviews, mit denen bereits neue Workshops durchgeführt werden. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann aber nicht nur über Zeitzeugenberichte funktionieren. Erinnerung braucht Wissen. Die Interviews sind eine Hilfe, um die Schüler dazu zu bringen, nach den Hintergründen zu fragen und sich mit den Strukturen zu beschäftigen.
 
Zum 100-jährigen Bestehen der Synagoge 2017 organisierte das Jüdische Kulturmuseum ein Nachkommentreffen für Familien, deren Vorfahren ermordet oder aus Augsburg vertrieben wurden.

Der Kontakt zu Überlebenden und ihren Nachfahren war mir immer sehr wichtig. Die »Augsburg Reunion«, die Sie ansprechen, hat gezeigt: Das Bedürfnis nach Austausch ist da. Ein eigener Verein ist in Planung, um die Verbindungen nach Augsburg weiter zu pflegen. Im Vorfeld des Treffens wusste ich nicht, was zu erwarten war. Es gab keinen Geldgeber, die Stadt Augsburg kam nicht für die Reisen und Übernachtungen auf. Die Stiftung verhielt sich skeptisch. Und ich wusste nicht: Wie viele würden kommen? 20, 30? Schließlich waren es 99!
 
In einem Gastbeitrag für a3kultur schrieben Sie: »Gerade weil Augsburg (noch) kein zeithistorisches Stadtmuseum hat, nimmt das Jüdische Kulturmuseum in der historisch-politischen Bildung eine wichtige Rolle ein.« Braucht die Stadt eine solche Einrichtung?

Unbedingt. Viele Besucher unseres Museums interessieren sich für die NS-Geschichte. Das ist aber nur ein Teil des Spektrums, das wir abdecken. Das Maximilianmuseum beispielsweise zeigt die reichsstädtischen Glanzzeiten – wir müssen uns aber auch mit den negativen Seiten unserer Vergangenheit auseinandersetzen. Die Überlegungen zur Halle 116 wären ein wunderbarer Anlass, das zu tun.
 
Dort könnte ein neuer Lern- und Erinnerungsort entstehen. Noch läuft die Diskussion. Kommt Augsburg als Friedensstadt seiner erinnerungskulturellen Verantwortung nach?

Ich habe den Eindruck, dass vieles hier sehr spät begonnen hat. So gab es 2001 noch keine regelmäßigen Veranstaltungen zum 9. November. In anderen Städten begann sich diese Form der Erinnerung bereits in den Siebzigerjahren zu etablieren. Der Anstoß zum Gedenkraum im Rathaus kam auch nicht aus der Stadtgesellschaft heraus – er kam von Überlebenden. Auch die Frage nach den Erinnerungszeichen hat lange gedauert. Inzwischen hat jedoch ein Umdenken stattgefunden. Das stimmt mich positiv.
 
Welche Herausforderungen bringt Erinnerungskultur mit sich?

Erinnerungsarbeit ist eingespannt zwischen zwei Gefahren: Auf der einen Seite kann sie schnell zur Leerformel, zu Pathos werden. Bei jeder Gedenkrede ist zu hören: Wir müssen erinnern, wir dürfen nicht vergessen. Was für Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, sagt man aber selten. Das könnte ja weh tun. Auf der anderen Seite stellt die Neue Rechte das Gedenken infrage und verharmlost die NS-Zeit als belanglose zwölf Jahre. Sich zwischen diesen beiden Polen zu positionieren, ist nicht einfach. Ich glaube, jüdische Museen haben in diesem Kontext eine größere Chance als beispielsweise Gedenkstätten an Orten des Verbrechens, an Orten der Täter. Das Prinzip, Juden nicht auf eine Opferrolle zu reduzieren, hat sich zum Glück fast überall durchgesetzt. In meiner Arbeit als Museumsleiterin habe ich deshalb auch immer die Anfänge betont, die Phasen, in denen Zusammenleben möglich war, und nicht das Ende.

Welchen Aspekt Ihrer Arbeit werden Sie am meisten vermissen?

Die Begegnungen mit den Menschen werden mir wirklich fehlen. Das hat mir immer unheimlich viel Spaß gemacht. Man kann ein Museum natürlich auch ganz anders führen, aber ich glaube, dass ich einen ganz vernünftigen Weg gegangen bin.
 
Das sehen wir auch so. Frau Schönhagen, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

www.jkmas.de

Foto oben: Prof. Dr. Benigna Schönhagen vor dem Eingang zum Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben im Innenhof der Synagoge. 2006 konzipierte sie die neue Dauerausstellung und seither zahlreiche Sonderpräsentationen. (Foto: Frauke Wichmann)

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