Erinnerungen an die kleine Heimat

8. Mai 2016 - 8:43 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung »The Yousef Abad Project« von Elham Rokni in der Neuen Galerie im Höhmannhaus

Beim Besuch der Ausstellung der israelischen Künstlerin Elham Rokni haben meine Frau und ich die ausgestellten Arbeiten zuerst ganz verschieden wahrgenommen. Die erste Arbeit »Yousef Abad« zeigte uns die Projektion der Videoaufnahmen einer Stadt. Alles deutete darauf hin, dass es um eine Stadt im Nahen oder Mittleren Osten geht, um ein Wohnviertel abseits von zentralen Strassen mit repräsentativen Gebäuden. Alles war gut erkennbar: die südliche Sonne, eine Mischung aus alten und renovierten Wohnhäusern, dicht geparkte Autos in engen Straßen. Es gab dazu zwei Kopfhörer, die die Geräusche dieser Stadt und ein Gespräch in persischer Sprache wiedergaben, dazu Untertitel auf Hebräisch und Englisch. Und das bestimmte die Differenz. Die ganze Schönheit des Ausgestellten konnte meine Frau nur nach dreimaliger Betrachtung der ganzen Aufnahme erkennen.

Da ich vor der Emigration mit meiner Frau zusammen nicht nur eine Patentanwaltskanzlei betrieben hatte, sondern wir auch als Übersetzer für Russisch-Englisch für Notarkanzleien tätig waren, war der schriftliche Teil der englischen Sprache für uns unproblematisch. Hier in Deutschland arbeite ich heute noch mit englischsprachigen Patenten, meine Frau dagegen nur mit deutschen Texten, sie hat in Englisch keine Praxis mehr. Für mich war es daher möglich, die Untertitel schnell zu lesen, für meine Frau dagegen nicht. Auch bei dem Treffen mit der Künstlerin hatten fast alle anwesenden Kunstliebhaber Probleme mit schnellem Lesen von Englisch.

Die Texte sind aber für das Verständnis dieses Kunstwerkes unentbehrlich. Es geht in ihm um einen Versuch, kindliche Erinnerungen wieder zu beleben und mit der Realität heute zu vergleichen. Die Künstlerin, die als 9-jähriges Mädchen aus Teheran emigrierte und kein Recht hat, dorthin zurückzukehren, bat eine Frau, für sie die Plätze ausfindig zu machen und aufzunehmen, die in ihren Erinnerungen noch lebendig waren. Die Verbindung der beiden erfolgte per Skype, die Künstlerin gab einige Hinweise aus ihrem Gedächtnis und die Frau mit der Kamera folgte ihnen.

Kindliche Erinnerungen sind eher emotional als dokumentarisch. Gebäude, Straßen, Geschäfte sind in die Erinnerung gewiss anders eingeprägt als das Auge sie heute sieht. Und diese Diskrepanz, die durch Veränderungen der Stadtviertel, die während ihrer Abwesenheit entstanden, noch vergrößert ist, ist äußerst interessant.

Auch die zweite Arbeit der Künstlerin, eine Videoillustration zu einem schönen poetischen Lied in persischer Sprache, verliert ohne Verständnis des Textes sehr viel. Es wäre wirklich nötig, etwas zu unternehmen, damit diese bemerkenswerten Kunstwerke auch für die Besucher, die die persische Sprache nicht kennen und Hebräisch oder Englisch nicht schnell lesen können, vollständig zugänglich werden. Da die Ausstellung noch bis zum 5. Juni läuft, sollte es möglich sein, da Abhilfe zu schaffen!
(Iacov Grinberg)

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