Literatur

»Es geht hier eben nicht nur um ein Wort«

Juliana Hazoth
28. August 2020

Trotz Regen ist die Stimmung am vergangenen Samstag beim »Kunstwerk OpenAir« am Augsburger Gaswerk ausgelassen. Es treten gleich drei Künstler auf: Den Anfang macht der musikalische Genremix von Elena Rud, darauf folgen Mola mit einer ganz eigenen Version von Popmusik abseits des Mainstreams. Den Abschluss des Abends bildet Roger Rekless mit intelligentem Rap, der berührt, Laune macht und zum Nachdenken anregt.

David Mayonga, wie er im echten Leben heißt, ist nicht nur Rapper, sondern arbeitet auch als Pädagoge und Radiomoderator. Im letzten Jahr veröffentlichte er außerdem sein erstes Buch »Ein N**** darf nicht neben mir sitzen«, in dem er seine Erfahrungen mit Rassismus verarbeitet und teilt, landet damit sogar auf der Spiegel-Bestsellerliste. Vor seinem Konzert habe ich das Multitalent getroffen, um mit ihm über sein Buch zu sprechen.

a3kultur: Gab es einen konkreten Moment, in dem du beschlossen hast, ein Buch über deine persönlichen Erfahrungen mit Rassismus zu schreiben?
David Mayonga: Ich beschäftige mich ja gezwungenermaßen schon mein ganzes Leben mit dem Thema Rassismus, in meiner Musik, bei Podiumsdiskussion, überall. Der entscheidende Moment aber war bei der »Ausgehetzt«-Demo in München gegen Migrantenfeindlichkeit und Hetze. Ich bin da aufgetreten und das war richtig krass. Ich hab‘ diese ganzen Menschen dort gesehen, die sich alle gegen Rassismus positioniert haben. Gleichzeitig nehmen aber viele Leute Rassismus erst wahr, wenn er sich in seiner ganzen Hässlichkeit in einer politischen Rede oder bei einem Gewaltanschlag zeigt. Aber eben nicht, wenn es um die grundlegenden Denkmuster der Gesellschaft geht und um das, was als normal gilt, weil man damit aufgewachsen ist. Für mich hieß das, ich war mit meinen Erfahrungen alleine, obwohl dort 35.000 Menschen standen. Mit dem Buch will ich versuchen, die Leute wirklich zu erreichen und ihnen meine Geschichte erzählen.

Dein Buch sticht in der Buchhandlung ganz schön hervor, nicht nur wegen der Farbgestaltung des Covers, sondern vor allem wegen des Titels. Schon das Vorlesen des N-Worts ist unangenehmen. Warum also dieser Wortlaut?
Dieser Satz war meine allererste Begegnung mit Rassismus, noch bevor ich überhaupt wusste was das ist. Er war der Anfang der Diskriminierung mir gegenüber und mit dem Titel möchte ich meinen Schmerz teilen und sichtbar machen. Dieses Wort ist an tiefe Traumata geknüpft und ich will das zeigen, indem schon der Blick auf das Cover Unbehagen auslöst. Denn es geht hier eben nicht nur um ein Wort, sondern um all das Negative, das damit verknüpft ist.

Als Musiker, aber auch als Moderator und nun Autor hast du mit Sprache zu tun. Für das Goethe-Institut bist du sogar unterwegs, um die deutsche Sprache international zu fördern. Was für eine Rolle spielt Sprache grundsätzlich, warum sollte man sich damit befassen?
Sprache ist deshalb so wichtig, weil man damit unglaublich viel auslösen kann. Rap ist dafür das beste Beispiel, weil er komplett textbasiert ist. Es gibt keine Musikrichtung, die so sehr von Sprache lebt. Mir ist es wichtig, grundsätzlich auf meine Sprache zu achten, um niemanden zu verletzen, aber auch um viel exakter wahrnehmen zu können. Wenn ich während eines Gesprächs über meine nächsten Worte nachdenke und diese bewusst wähle, zeige ich damit auch, dass ich meinen Gegenüber ernst nehme. Worte haben Kraft und sie sind aufgeladen. Es gibt Wörter, die Traumata triggern können und nur, weil ich selbst dieses vielleicht nicht erlebe, kann ich das nicht wegdiskutieren. Das hat auch nichts mit Selbstzensur zu tun, sondern einfach damit sich auf ein positives Miteinander zu konzentrieren.

Im Prolog deines Buchs erzählst du von deinem Besuch bei einem Infoabend der AfD. Was war dafür der Anlass und wie hast du es geschafft, das durchzuhalten?
Ich wollte unbedingt zu so einer Veranstaltung, um zu sehen, was da für Leute sitzen und worüber sie sprechen. Mir ist natürlich klar, dass so ein Abend anders abläuft, wenn ich als Korrektiv da sitze, dennoch wollte ich es versuchen. Was ich dort erlebt habe, war das personifizierte Unwohlsein und das sogar, obwohl sie sich sichtlich zurückgehalten haben in meiner Gegenwart. Ich kann es trotzdem eigentlich nur empfehlen, sich das einmal anzuschauen. Nach dieser Erfahrung kann kein Demokrat, keine Demokratin ernsthaft noch etwas aus der Richtung der AfD beschönigen.

Du hast einen Magisterabschluss, bist viel unterwegs, viele Leute bewundern dich für deine Arbeit. Fühlst du dabei manchmal eine Art Genugtuung denen gegenüber, die dich in Schubladen gesteckt und nicht an dich geglaubt haben?
Ich wünschte, es wäre so, aber nein, eher im Gegenteil. Ich mache all das, weil ich es möchte. Ein großer Antrieb ist es aber, soweit es in meiner Macht steht, Dinge zu beeinflussen und zu verändern. Gerade wenn es um Themen wie Rassismus geht. Mit meiner Kollegin Verena Fiebiger beispielsweise habe ich eine Sendung gemacht, die feministisch und antirassistisch sein sollte. Dabei muss man sich selbst immer wieder reflektiert beobachten und an sich arbeiten. Wenn man dann aber merkt, dass man Menschen damit erreicht und anregt, egal aus welcher Generation, dann bringt das Hoffnung und motiviert mich, weiterzumachen.

In deinem Buch und auf Instagram schreibst du »Rekless tut Dinge«. Was hat es mit diesem Spruch auf sich?
Ich habe nie so richtig irgendwo reingepasst. Ich habe Hip Hop gemacht, war DJ, aber auch in der Punkszene unterwegs zum Beispiel. Mich für etwas zu entscheiden und eine Schublade ganz anzunehmen, habe ich nie gewollt. Ich lebe nur einmal, also will ich viele verschiedene Sachen ausprobieren, alles was mich eben interessiert. Dinge zu tun, ist etwas Wunderbares und bringt mich auch persönlich weiter. Es geht eben darum, dass man sich nicht entscheiden muss, sondern all die vielen verschiedenen Richtungen und das neu Erlernen von Wissen sind Bestandteile der eigenen Identität.

Zuletzt verrät mir Roger Rekless noch, dass bald einige Herzensprojekte auf den Weg kommen, musikalischer und gesellschaftlicher Art. Gemeinsam mit anderen Aktivist*innen kämpft er weiter für das Gute, gegen Rassismus und Diskriminierung – auch für die Zukunft seiner Tochter.

Ein N**** darf nicht neben mir sitzen – David Mayonga

Klappenbroschur, 240 Seiten
Erschienen bei Komplett Media, 2019

www.komplett-media.de






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