Es muss sich alles ändern

26. November 2015 - 12:40 | Jürgen Kannler

Die Stadt benennt den Nachfolger für Juliane Votteler. Der designierte Intendant ab Sommer 2017 für das Theater Augsburg heißt André Bücker. Ein Interview von Jürgen Kannler

André Bücker war bis diesen Sommer Generalintendant des Anhaltischen Theaters in Dessau. Aufgrund einer sehr öffentlichkeitswirksamen Auseinandersetzung mit der dortigen Staatsregierung musste der ebenso einfallsreiche wie erfolgreiche Theatermann seinen Koffer packen. Im Sommer 2017 soll er hier die Geschäfte von Juliane Votteler übernehmen. Gemeinsam mit Bücker hat sich sein langjähriger Verwaltungsdirektor in Dessau, Friedrich Meyer, in Augsburg beworben. Meyer soll schon ab dem 1. September 2016 die Geschäfte des aus freiem Willen scheidenden Kaufmännischen Direktors Steffen Rohr übernehmen. Vorerst geht es für ihn darum, bis spätestens zum 8. Dezember die Verträge mit Meyer und Bücker durch den Stadtrat zu bekommen. Erst dann soll auch geklärt werden, welche Rolle das Bewerbertandem im soeben angelaufenen Bürgerbeteiligungsprozess zur Theaterlandschaft der Zukunft übernehmen wird. www.andre-buecker.de

a3kultur: Man hat Ihnen in Dessau trotz guter Ergebnisse im Sommer den Stuhl vor die Tür gestellt. Was haben Sie bei Ihrer Auseinandersetzung mit der Politik gelernt? 

André Bücker: Das ist erst mal keine ganz einfache Frage. Ich bin jemand, der grundsätzlich neugierig ist und glaubt, dass man prinzipiell aus allem, was man erlebt, auch etwas lernen kann. So auch aus diesen Vorgängen. Aber die Situation, wie sie sich in Sachsen-Anhalt darstellte, war schon zu speziell, um darauf eine allgemeingültige Antwort zu formulierten. 

In Ihrer Vita spielen Städte wie Wilhelmshaven, Halberstadt und Dessau eine wichtige Rolle. Wie haben diese Städte, die in mancher Hinsicht als harte Pflaster gelten können, den Künstler Bücker geprägt?

Mich haben immer schon Orte interessiert, die eine spannende Geschichte haben, und zwar in der Form, dass die historischen Brüche der Vergangenheit in diesen Orten und ihren Menschen spürbar werden. Hier fängt es an, für Künstler interessant zu werden. Voraussetzung ist natürlich, dass man die Bereitschaft mitbringt, sich auf diese Geschichten einzulassen. Dann kann man ausloten, was dies für uns heute bedeutet, also die Gegenwart befragen, wenn Sie so wollen. Alexander Kluge beispielsweise kommt aus Halberstadt und ich hatte die Möglichkeit, dort mit ihm zu arbeiten. In Wilhelmshaven stand dann die alte Marinestadt im Fokus meiner Arbeit und in Dessau spielte natürlich das Bauhaus immer wieder eine wichtige Rolle. Es ist für mich wohl charakteristisch, dass ich mich gern auf Orte einlasse, sofern sie mich interessieren, und dann auch bereit bin, einen intensiven Bezug zu ihnen herzustellen. 

Was fasziniert Sie am Konzept Stadttheater? 

Die Vielfältigkeit der Möglichkeiten, um es auf den Punkt zu bringen. Wo habe ich sonst die Chance, verschiedene Sparten für sich zum Blühen zu bringen, diese aber auch zu vernetzen? Menschen, die den Tanz lieben, kommen so zum Schauspiel. Das lässt sich in dieser Intensität nur mit dem wunderbaren deutschen Stadttheaterkonzept verwirklichen. 

Sie sind bereit, in Augsburg 2017 ein Theater ohne Haus zu übernehmen. Finden Sie diese Situation in irgendeiner Form reizvoll?

Natürlich ist das zuallererst einmal eine Herausforderung, die die nötige Kreativität und Lust erfordert, damit umzugehen. Das heißt auch, Theater ein Stück weit neu zu erfinden. So eine Situation verlangt neue Herangehensweisen, und zwar nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern auch wenn es darum geht, das Publikum anzusprechen und mitzunehmen. Das ist nämlich oftmals noch wesentlich mehr als die Künstler sein angestammtes Haus gewohnt. Im Endeffekt geht es um gute Kommunikation. Das ist es, was Theater letztendlich ausmacht. Wir arbeiten an einem Kommunikationsort, an dem Menschen zusammengebracht werden und mit künstlerischen Sichtweisen und ästhetischen Herausforderungen konfrontiert werden. Für mich ist das immer wieder eine Chance und ich versuche, mit positiver Energie an die Sache heranzugehen. Dabei hilft mit meine große Lust am Gestalten. Schließlich bin ich nicht zuletzt Theaterregisseur. 

Als Ihr Name vor einigen Tagen im Rahmen einer städtischen Pressekonferenz bekannt gegeben  wurde, sprach Kulturreferent Thomas Weitzel davon, dass Sie von einem Vierspartenhaus kommend ein Dreispartenhaus übernehmen wollen. Macht diese Aufteilung in Sparten eigentlich noch Sinn? 

In Bezug auf organisatorische und strukturelle Fragen wohl schon. Es steckt da also keine willkürliche Trennung der verschiedenen Kunstrichtungen dahinter. Am interessantesten wird es oft dann, wenn die Arbeiten beginnen miteinander zu verschmelzen. 

Wie sah Ihr Bewerbungskonzept aus – oder anders gefragt: Mit welchem Ideen für die Augsburger Theaterlandschaft konnten Sie wohl bei der Findungsjury punkten? 

Das wäre eine Frage, die man vielleicht den Verantwortlichen der Stadt stellen sollte. 

Friedrich Meyer und Sie waren eines von nur zwei Bewerbertandems. Was schätzen Sie so an ihm, dass Sie es nach Ihrer gemeinsamen Zeit in Dessau in Augsburg erneut gemeinsam versuchen werden? 

Ich schätze seine seriöse Arbeitsbasis. Er ist ein Ermöglicher und gleichzeitig ein unglaublich versierter Kaufmann. Wir haben eine absolute Vertrauensbasis, und die hat sich in den letzten Jahren bewährt. In dem Sinne haben wir den Eindruck, dass Augsburg genau der richtige Ort ist, um diese Zusammenarbeit fortzuführen.

Wann werden Sie aktiv in den laufenden Bürgerbeteiligungsprozess zur Theaterlandschaft einsteigen?

Ich möchte mich zum jetzigen Zeitpunkt in keiner Weise in den Vordergrund spielen. Es gibt ja eine verantwortliche Theaterleitung. Ich bin in gutem Kontakt mit Juliane Votteler, deren Arbeit ich natürlich sehr schätze, und wir werden diese Basis gewiss auch noch intensivieren. Zu gegebener Zeit und in Absprache mit den Kollegen vom Theater und der Stadt werde ich entscheiden, ab wann und inwieweit ich mich in den Bürgerbeteiligungsprozess Theaterlandschaft der Zukunft einbringen kann.

Sie sind seit 2012 als Dozent an der LMU tätig. Was gefällt Ihnen an Bayern?

Ich bin ja nun wirklich viel herumgekommen und kenne Bayern nicht nur von der LMU her. Das Land ist schön und hat eine hohe Lebensqualität. Es bietet Künstlern wahnsinnig viele Möglichkeiten, zu arbeiten. Kultur wird hier so wertgeschätzt, dass die Menschen auch bereit sind, darin zu investieren. Diese Vorzeichen in Summe machen Freude und Lust darauf, hier zu arbeiten. Die Chance, jetzt auch einmal im Süden der Republik tätig zu werden, ist doch sehr beglückend.

Was sollte sich hier ändern?

Es muss sich ja immer alles ändern – das ist doch unser Leben, dass sich immer alles in Veränderung befindet. Manche Menschen haben vielleicht Angst davor – ich gehöre nicht dazu.

Illustration: Christina Martin, a3kultur

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