Es riecht nach Westpaket, getanzt wird Lipsi

Premiere Born in the GDR
4. Oktober 2019 - 12:54 | Renate Baumiller-Guggenberger

Dagmar Franz-Abbott inszeniert im Sensemble mit »Born in the GDR« einen sehr berührenden und verblüffend persönlichen musikalischen Abend mit ausgewählter Ost-Musik zum Mauerfall-Jubiläum.

Dörte Trauzeddel lässt das Publikum ganz sinnlich an ihren Erinnerungen teilhaben. »Riecht Ihr das auch?« fragt sie und hält den ersten Zuschauerreihen den zuvor behutsam und voller Vorfreude auf die darin verpackten Köstlichkeiten geöffneten Karton unter die Nase. Wenn man einen Marsriegel in ganz dünne Scheiben schneidet, dann hält der 20 Tage! Wie verheißungsvoll waren die Westpakete, in denen es nach Seife und Kaffee roch, in denen sich womöglich auch mal ein Überraschungs-Ei versteckt hatte, das damals für viele die Idee der freien und bunten BRD verkörperte.

So sensibel und in feiner Balance von Distanz und Direktheit, so persönlich und berührend, wie dieser musikalische Abend zum Mauerfall-Jubiläum konzipiert ist, konnte man sich als Zuschauer in der Tat so Manches lebhaft vorstellen. Die alberne Harmlosigkeit des 1958 erfundenen »Lipsi«, den in Ermangelung der echten Elvis-Rhythmen »alle jungen Leute heute tanzen« ebenso wie den Drive des »Sputnik Twist« (die Band wurde bereits 1966 unter Druck der DDR-Führung aufgelöst); Urlaube, die im Sommer bei jedem Wetter an die Ostsee und bald in den berühmt-berüchtigten FKK-Kult führten, das Anstehen für eine Jeans oder die eine Melone für alle, die es einmal im Jahr gab.

An die Hand genommen von einer verblüffend vielseitigen, teils chronologisch angeordneten Lied-und Musikauswahl tauchte man in den zwei kurzweiligen Stunden in die Alltagswelt derer, die sich mit dem Schicksal »Born in the GDR« arrangieren mussten. Man konnte nachempfinden, wie es sich für viele junge Menschen innerhalb der Grenzen von Überwachung, Verboten und patriotisch-kommunistischen FDJ-Gelübden gelebt haben mag. Die neue Produktion des Sensembles, bei der Dagmar Franz-Abbott in fein dosierter Revuemanier ein überzeugendes Regiedebut gab, lebt definitiv von den sehr individuellen und persönlichen Kindheitserfahrungen, die die beiden Darstellerinnen Daniela Nehring und Dörte Trauzeddel einfließen ließen. Das erforderte durchaus Mut und Professionalität, um den Spagat von emotionaler Betroffenheit und Berührung, von schmerzhafter und liebevoller Erinnerung und einer theatergerechten Interpretation zu bewältigen. Als achtjährige Schülerin musste Daniela Nering z.B. damit umgehen, dass ihre »Mutti« Marion ins Visier der Stasi geriet und ins Gefängnis kam, sie selber in ein Kinderheim. »Deine Mutti ist jetzt mal im Urlaub!« Weniger drastisch, aber dennoch aussagekräftig beginnt der der Abend mit der Erinnerung an die beinahe vom Vopo untersagte Kinder-Zirkusvorstellung im häuslichen Keller, die Dörte Trauzeddel und ihre Familie aufgrund der selbst gemalten Plakate arg in Bedrängnis brachte.

Schnell wurde deutlich, wie intim, besonders und authentisch der zum Mauerfalljubiläum ersonnene Theaterabend ist, der mitten ins Herz traf und der neben den wertvollen biografischen Erinnerungssplittern auch nachhörenswerte Originale »made in GDR« ans Tageslicht brachte – z.B. das Lied »Als ich wie ein Vogel war« der Klaus-Renft-Combo, das die raffinierte Kunst hintersinniger Lyrik belegte. Fred Brunner agierte als gewitzter Pianist und DDR-Quizmaster, Wini Gropper war nicht allein mit seinem cool-großartigen »Ritt auf dem Sofa« (1987, Amor & the Kids!) ein überzeugender Sparringspartner in allen Lebenslagen und am Drumset. Unbedingt hingehen!

www.sensemble.de

Weitere Positionen

24. Februar 2021 - 9:14 | Gast

Martyn Schmidt inszeniert auf seinem Album »kammerton a'a« den demokratischen Neubeginn nach 1945 als großartiges musikalisch-dokumentarisches Hörspiel. Von Gerald Fiebig

22. Februar 2021 - 15:13 | Anna Hahn

Das Staatstheater Augsburg zeigt in seiner Digitalsparte Einar Schleefs »14 Vorhänge« als Uraufführung im imposanten Bühnenbild.

22. Februar 2021 - 11:38 | Martin Schmidt

Der im Hirmer-Verlag erschienene Bildband »Klinger« tröstet über die größtenteils verhinderten 2020er-Jubiläumsschauen zum 100. Todestag des Bildhauers, Malers und Grafikers hinweg. Der Ausstellungskatalog: ein neues Standardwerk und Appetizer auf eine zu erhoffende Ausstellungsfortsetzung.

19. Februar 2021 - 14:04 | Bettina Kohlen

Bei »augsburg contemporary« geht das Projekt »Domestic Space« in die erste von drei Runden.

18. Februar 2021 - 9:30 | a3redaktion

Der Podcast »the ear in earth« präsentiert Audioculture aus Literatur, Poesie und Contemporary Classic

17. Februar 2021 - 6:40 | Gudrun Glock

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder steckt voller Überraschungen. Einige kreative Macher*innen erschließen dieses Potenzial auf vielfältige Weise und lassen dabei ihrem Einfallsreichtum freien Lauf. Ein Interview mit Anja Dördelmann, Eva Liebig und Stephanie Schmid

15. Februar 2021 - 10:29 | Martin Schmidt

Über Theopoesie: das neue Werk »Den Himmel zum Sprechen bringen« (Suhrkamp) von Peter Sloterdijk

12. Februar 2021 - 13:49 | Bettina Kohlen

Der Campus der Universität Augsburg bietet Bildhauerarbeiten in Hülle und Fülle – der ideale Ort für Spaziergänge zur Kunst.

11. Februar 2021 - 9:35 | Martin Schmidt

Das Tote Kapital und Gerald Fiebig haben sich für ein gemeinsames Album zusammengefunden.

9. Februar 2021 - 14:26 | Patrick Bellgardt

Die Diskussion über die Öffnung der Kultureinrichtungen nimmt Fahrt auf: Die Kulturminister*innen der Länder legen ein Drei-Stufen-Konzept vor. Der Deutsche Kulturrat positioniert sich mit einem eigenen Papier. Ein Kommentar