Ausstellungen & Kunstprojekte

Fadenhaft

Jürgen Kannler
26. März 2016

Kleidung wird nicht aus einem Stück gefertigt. Die Kunst, für jeden erdenklichen Anlass die passende Garderobe zu produzieren, ist eine altehrwürdige und beruht ganz wesentlich auf dem Wissen, die Dinge miteinander zu verweben. Immer wieder eindrucksvoll wird diese Technik in diversen Entwicklungsstufen im Maschinenpark des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg (tim) vermittelt. Das Haus im ehemaligen Textilviertel der Stadt hat es in den knapp sechs Jahren seines Bestehens durch innovative, oft noch mit einem Hauch Poesie veredelte Ausstellungskonzepte verstanden, sich ein hervorragendes internationales Ansehen zu erarbeiten. Auch in der gegenwärtigen Phase der Neupositionierung, die Museumsleiter Karl Borromäus Murr zum fünften Geburtstag ausgerufen hatte, entwickelt das Haus Ausstellungsformate, denen die Grenzen von Textil- und Industriekultur zu engmaschig sind und mit denen die Kuratoren ebenso mutig wie bedacht in die Bereiche der Gegenwartskunst vordringen.

Gemeinsam mit Barbara Kolb und seinen Kollegen vom TextilWerk Bocholt entwickelte Murr zum Saisonauftakt 2016 die Schau »Textile Erinnerungen«. Mit einem gewissen Wagemut konnten mit der japanischen Künstlerin Kaoru Hirano und ihrer israelischen Kollegin Gali Cnaani zwei Künstlerinnen dafür begeistert werden, im tim eine gemeinsame Ausstellung zu verwirklichen, ohne sich vorher auch nur einmal gesehen zu haben. Das Experiment glückte, obwohl oder gerade weil beide unabhängig voneinander an der Entwicklung von Konzepten zur Dekonstruktion textiler Vergangenheiten Gefallen fanden.

Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, die wesentliche Arbeit der beiden besteht im Auftrennen von getragener Kleidung. Das dies weit mehr sein kann, als unbedacht am Wollfaden eines Strickpullovers zu ziehen, ist eigentlich klar. Doch wie komplex die technischen Strukturen unserer Kleidung wirklich sind und welche umwerfende Wirkung ihre Auflösung auf den Besucher dieser Ausstellung haben kann, ist dann doch mehr als verblüffend.

So werden aus roten Turnschuhen Blut weinende Sneakers, aus Großmutters Negligé ein Zirkuszelt aus Spinnweben und der ordinäre Hemdsärmel entpuppt in Hundertschaften die Varianten seiner Persönlichkeitsstruktur. 

»Textile Erinnerungen« erscheint mir ein sehr passender Titel für diese so locker-verspielt daherkommende wie konzeptionell gefestigte Ausstellung. Zu sehen ist sie bis zum 8. Mai im tim, anschließend im TextilWerk Bocholt.

www.timbayern.de

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