In der Falle der Fülle

30. September 2015 - 17:44 | Sarvara Urunova

Die erste Musiktheaterpremiere der Saison am Theater Augsburg, »Der König Kandaules«, überzeugt mit philosophischer Tiefe und allegorischer Ambivalenz.

Die Geschichte um den König Kandaules findet sich schon bei Herodot und Platon. Alexander von Zemlinsky fand den Stoff für seine Oper bei André Gide, der sein Drama »Le roi Candaule« 1899 schrieb. Drei Schicksale ringen um das seelische Glück in einem Reich der inneren Leere, des Überdrusses und der verlorenen Werte. Mit den Fragen, die die Geschichte aufwirft und die der Regisseur Søren Schumacher in seiner Inszenierung mit perfekt besetzten Rollen aufzuzeigen versucht, beschäftigt sich die Menschheit seit Anbeginn der Zeit. Ist der Zerfall der Seele die unabdingbare Folge der Aufklärung und der Fülle? Warum bleibt das Glück verborgen, obwohl man alles Erwünschte erreicht hat? Wieviel Glück ist genug?

Der Verfall der menschlichen Seelenzustände spiegelt sich bereits in der Gestaltung des dreischichtigen Raumes wider: Der Bühnenbildner Paul Zollner lässt im ersten Akt die umgestürzten einst prächtigen antiken Säulen auf der Oberfläche liegen, die Wände werden mit den verschmierten, einst aufwendig gestalteten Ornamenten »geschmückt«. Doch auf der Bühne geht das Fest noch in all seiner trunkenen Üppigkeit weiter, die hörigen Zwerggestalten mit riesigen Händen glauben noch an ihr illusorisches Glück und genießen es sichtlich. Genauso wie der König Kandaules (Mathias Schulz), der mit seiner Macht weise umzugehen weiß und das Volk gerne an seinem Reichtum, sei es auch die Schönheit seiner Frau, teilhaben lässt. Doch in seinem Inneren ist er längst degradiert, was sein Äußeres in grotesken Deformierungen projiziert. Der Kampf zwischen den gegensätzlichen seelischen Regungen, ausgelöst durch den dekadenten Überdruss, beginnt. Dabei gelingt es Mathias Schulz ausgezeichnet sowohl sängerisch als auch schauspielerisch die ambivalenten Emotionen wiederzugeben.

Die verschleierte und im 2. Akt ans Bett gefesselte Nyssia (Sally Du Randt), am Anfang der Handlung noch als Unterworfene, entwickelt sich im Laufe des Spiels zu einem Sinnbild der Freiheit. Das Kostümbild (Annette Braun) unterstreicht die befreiende Entwicklung des weiblichen Charakters: Der pechschwarze Schleier wird abgeworfen, auf ein das Männerauge bedienendes reizvolles Nachtgewand folgt ein prächtiges Kleid in königlichem Blau. Durch den Verrat ihres Mannes, der sie zu einem Objekt seiner Degradierung macht und an den Fischer Gyges übergibt, erwacht die weibliche Kraft, die Du Randt in der letzten Szene hervorragend und stimmlich stark zum Ausdruck bringt.

Diese Szene wird auch vom Dirigenten Domonkos Héja, der seine erste Opernaufführung am Theater Augsburg souverän meistert, mit einem farbenfrohen ausgebreiteten Klang besonders akzentuiert.
Dabei begeht der zwischen Gerechtigkeitssinn und Verführung erstarrte Gyges – der gefeierte Favorit des Publikums Oliver Zwarg, in der Rolle gesanglich fabelhaft – einen Doppelverrat, indem er am Ende seinen neugewonnenen Freund Kandaules ersticht. Die Treue, vor allem zu sich selbst, erhebt sich in diesem Zusammenhang zu einer der wichtigsten Komponenten des Glücks.

Die nächsten Vorstellungen der Oper finden am 01.10., 14.10. und 25.10. statt.
Weitere Informationen unter www.theater-augsburg.de

Weitere Positionen

19. Mai 2019 - 8:14 | Jürgen Kannler

Christian Hutter ist Geschäftsführer von Salz und Silber und Chef der ersten Online-Galerie, die sich rein auf Dokumentarfotografie spezialisiert hat. Ein Interview

17. Mai 2019 - 8:05 | Renate Baumiller-Guggenberger

Mit der Neueinspielung der »Missa Solemnis« von Leopold Mozart positioniert sich die Bayerische Kammerphilharmonie im LEO 300-Jubiläum.

15. Mai 2019 - 13:23 | Dieter Ferdinand

Rainer Diekmann legt eine lesenswerte Dokumentation über das Sanierungsgebiet Ulrichsviertel vor. Das diesjährige Ulrichsfest findet am 6. Juli statt.

15. Mai 2019 - 12:28 | Dieter Ferdinand

Mit dem Vortrag »Der Holocaust in der Ukraine« setzte das Bukowina-Institut am 9. Mai die mit dem Jüdischen Museum Augsburg-Schwaben veranstaltete Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« fort.

15. Mai 2019 - 9:27 | Renate Baumiller-Guggenberger

Haydns »Die Schöpfung« wird in Ev. Heilig Kreuz im Rahmen des Deutschen Mozartfests zum atemberaubenden Original-Klangerlebnis.

13. Mai 2019 - 10:27 | Sarvara Urunova

Unter dem Titel »Father and son« fand am 11. Mai die Eröffnung des Deutschen Mozartfestes im Kleinen Goldenen Saal statt.

12. Mai 2019 - 9:28 | Iacov Grinberg

Im Rahmen der Europawoche veranstaltete Anmesty International am 8. Mai einen Vortrag. Carl Wilhelm Macke, Mitarbeiter des Vereins Journalisten helfen Journalisten e.V., sprach über Pressefreiheit in Europa.

11. Mai 2019 - 16:29 | Renate Baumiller-Guggenberger

Das Deutsche Mozartfest feiert vom 11. bis 26. Mai 300 Jahre Leopold Mozart und beleuchtet die Facetten von Wolfgang Amadés »Schöpfer«. Ein Programmüberblick

9. Mai 2019 - 12:58 | Renate Baumiller-Guggenberger

Vor dem Start des Deutschen Mozartfestes und inmitten des »Leo 300«-Jubiläums trafen wir den Leiter des Mozartbüros Simon Pickel, um mit ihm über aktuelle Baustellen, zukünftige Konzepte und die »Luft nach oben« zu plaudern.

9. Mai 2019 - 12:28 | Patrick Bellgardt

Sebastian Seidels »Frankenstein unlimited« feierte Uraufführung im Sensemble Theater.