Fatzer unterm Sternenzelt

19. Februar 2020 - 16:10 | Jürgen Kannler

Dienstagabend startete das »Heiner-Müller-Festival« seine kleine, spannende Hörspielreihe aus dem Kosmos des legitimen Erben Bertolt Brechts im Planetarium der Stadtsparkasse.

Es gab: »Der Untergang des Egoisten Fatzer« nach Brecht. Auf Spur gebracht mit einer 20-minütigen Einführung von Brechtfestivalleiter Jürgen Kuttner. Ein Theaterkenner bezeichnete seinen Beitrag später als typisch für demoralisierte Heiner-Müller-Fans, die ihren Gott in der Gesamtsicht einfach nicht in der ihm zustehenden Aufmerksamkeitsebene verorten. Wer aber – aus dieser Stadt – vermag das wirklich zu beurteilen?

Der Einführende jedenfalls kennt seinen Müller, zog schnörkellos Verbindungslinien vom Fatzer des Abends zu anderen Teilen des Brechtfestival-Programms und erkundigte sich wiederholt, weil wohl etwas verunsichert ob die Anwesenden seinen Ausführungen folgen konnten, wie es denn mit ihrem Wissen um Hans Eisler, Frank Castorf und Heiner Müller stand. Da war sich einer wohl nicht ganz sicher, ob er sein Programm vielleicht auf ein völlig unbedarftes Publikum niederschmettern würde. Menschen etwa, die sich nur aus Schutz vor der rauen Dienstagnacht ein Billet zu 15 Euro besorgten, um für kurze Augenblicke in die kuschlige Höhle des Planetariums zu kriechen. Schließlich entließ er die an die Armlehnen der Sessel mit Schlummerfunktion geklammerte Zuhörerschaft in die Nacht, um samt Kompagnon zu Sibylle Berg ins Rathaus enteilen zu können.

Die 80 Minuten für diesen Fatzer waren gut angelegt. Die schwarze Klarheit der projizierten Nacht brachte das Flirren des Tages in den Köpfen zum Schweigen. Der Konzentration auf die Inszenierung war damit ein guter Dienst erwiesen. Wie viel doch Stimmen über die Zeit und den Ort, in der sie gesprochen wurden, verraten können. Die Produktion des Rundfunks der DDR fand ihre Erstsendung im Februar 1988. Die Sprecher*innen, darunter der Autor und legitime Erbe Brechts, wurden bei der Produktion unterstützt vom Westimport Einstürzende Neubauten. Allein schon wie es zu dieser Zusammenarbeit kam und wie sie verlief, so ganz praktisch, hätte nach der Show für genügend Gesprächsstoff sorgen können. Fragen, die man am Freitag stellen könnte, wenn Wolfgang Rindfleisch in 30 Minuten »Hamletmaschine« einführt, bei der er gemeinsam mit Blixa Barged Regie führte. Gefolgt von 40 Minuten »Bildbeschreibung«.

Am Donnerstag sind »Der Lohndrücker« und »Der Mann im Fahrstuhl« zu hören. Letzteres ist übrigens eine Produktion von Heiner Goebbels, der wiederum am heutigen Mittwoch in seine Regie- und Kompositionsarbeit von »Wolokolamsker Chaussee I–V« aus dem Jahr 1989 persönlich einführen will. Wir werden sehen – und hören – und gut.

www.brechtfestival.de

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