Flucht ins Theater

3. August 2015 - 9:08 | Patrick Bellgardt

Die deutsche Kulturszene hat die Arbeit mit Flüchtlingen für sich entdeckt. Ganz vorn mit dabei: die Theaterschaffenden. a3kultur blickte hinter die Kulissen und sprach mit Schauspielern, Regisseuren und Asylexperten.

In der Hauptstadt werden Kontakte geknüpft, Karrieren gemacht und Themen gesetzt: Das Berliner Theatertreffen versammelt jedes Jahr im Mai die Crème de la Crème der deutschsprachigen Szene. Im Mittelpunkt der traditionellen Leistungsschau stehen die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der abgelaufenen Saison – ausgewählt von einer unabhängigen Kritikerjury. Ruhig läuft die Nominierung in den seltensten Fällen ab, Kritik an der Auswahl ist die Regel. Umso bemerkenswerter, dass das wichtigste Theaterfestival des Landes in diesem Jahr von einem für das Treffen so ungewöhnlichen wie mutigen Stück eröffnet wurde: Elfriede Jelineks »Die Schutzbefohlenen«.

Die österreichische Nobelpreisträgerin schreibt »Die Schutzbefohlenen« als Antwort auf die Ereignisse des »Refugee Protest Camp Vienna« im Winter 2012/13. Um auf die Missstände in der Flüchtlingspolitik aufmerksam zu machen, besetzen Asylsuchende und ihre Unterstützer die Wiener Votivkirche. Ihre Forderungen: eine Grundversorgung für alle Asylbewerber, den vollen Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt sowie uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Trotz drohender Verfolgung und Repression in ihren Heimatländern werden einige der Aktivisten im darauffolgenden Sommer abgeschoben.

Jelineks »Die Schutzbefohlenen« setzt die Ursachen und Folgen der Wiener Proteste, die Katastrophen und Toten an den EU-Außengrenzen mit Motiven der klassischen griechischen Tragödie »Die Schutzflehenden« in Verbindung. In der Schriftstellerin glüht nicht nur eine wütende Kritik an der europäischen Asylpolitik, sie entlarvt auch den Zynismus und die Scheinheiligkeit Europas im Umgang mit Menschenrechten, die scheinbar nur für die gelten, die sie sich leisten können.

In der von Nicolas Stemann für das Thalia Theater Hamburg erarbeiteten Inszenierung fanden sich »Die Schutzbefohlenen« beim Berliner Theatertreffen wieder. Es sind zunächst professionelle Schauspieler, weiße Mitteleuropäer, die einerseits als und anderseits für Asylsuchende sprechen. Stemann bringt daraufhin aber auch sogenannte »Lampedusa-Flüchtlinge« aus der Hamburger St.-Pauli-Kirche als Darsteller auf die Bühne. Der Regisseur möchte diejenigen, für die das Stück geschrieben ist, in die Arbeit einbinden, sie sichtbar machen, ihnen eine Stimme geben.

»Es ist ein unglaubliches Geschenk, wenn Menschen mir ihre Geschichte überlassen.«

Flüchtlinge als Schauspieler auf deutschen Theaterbühnen? Nehmen wir unsere regionale Theaterszene in den Blick, kommt man in diesem Kontext am Jungen Theater Augsburg nicht vorbei. Unter der Regie von Susanne Reng entstanden in den vergangenen Jahren mehrere erfolgreiche Produktionen mit Asylsuchenden, so auch »Rotkäppchen auf der Flucht«. Das Kinderstück thematisiert anhand des grimmschen Klassikers die Fluchterfahrungen von Kindern und Familien. Die Hauptrollen der Märchenadaption besetzt sie mit Ahmed Shakib Pouya und Ramadan »Ramo« Ali. Die persönlichen Erlebnisse der beiden Schauspieler aus Afghanistan und Syrien fließen dabei immer wieder in die Erzählung mit ein.

Nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Familiengeschichte – ihre Mutter floh von Ost- nach Westdeutschland – liegt Reng die Thematisierung von Flucht und Vertreibung am Herzen. Eine Bühne für diese Geschichten bieten, das Besondere anderer Kulturen wahrnehmbar machen, um so Empathie zu wecken – das sind die zentralen Anliegen ihrer Arbeit mit Asylsuchenden. »Es ist ein unglaubliches Geschenk, wenn Menschen mir ihre Geschichte überlassen.« Gleichzeitig ist sich die Regisseurin der großen Verantwortung eines solchen Vertrauensbeweises durchaus bewusst.

In letzter Zeit erhält Reng häufiger Anrufe und E-Mails von Kollegen, die auch gerne Theater mit Flüchtlingen machen würden. Häufig wird sie dabei geradewegs nach ihren Kontakten gefragt. »Es geht mir in erster Linie um den Schutz der Menschen, daher gebe ich keine Adressen oder Telefonnummern heraus. Stattdessen schicke ich den Schauspielern das Angebot, bei Interesse können sie sich dann melden.« Das Thema ist aktuell, die Arbeit mit Asylsuchenden angesagt, Fördergelder locken – das ist spätestens seit den Berliner Theatertagen bekannt.

Dabei sind sich längst nicht alle Theatermacher der Herausforderung bewusst, die eine Zusammenarbeit mit Flüchtlingen mit sich bringt. Es gehört eine gehörige Portion Einfühlungsvermögen dazu, um mit teilweise traumatisierten Menschen zu arbeiten. Es gilt über einen langen Zeitraum ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufzubauen. Macher und Darsteller durchlaufen dabei einen intensiven Prozess. Der klassische Regisseur ist an dieser Stelle fehl am Platz. »Ein Profischauspieler kann auf Knopfdruck weinen, lachen, er muss seinen Körper perfekt beherrschen. Das kann ich hier nicht voraussetzen.« Ein weiteres, wenn nicht das wesentliche Qualitätsmerkmal für Produktionen mit Flüchtlingen ist für Reng, dass sie die Protagonisten, die Hauptdarsteller sind, denen das Publikum die Aufmerksamkeit schenkt – und sie letztlich nicht nur als besseres Bühnenbild herhalten müssen.

Ahmed Shakib Pouya spielte gleich in seinem ersten Theaterstück »Rotkäppchen auf der Flucht« die Hauptrolle. Seit 2011 ist der Afghane in Deutschland und gehört im Augsburger Grandhotel Cosmopolis zu den Aktivisten der ersten Stunde. Eineinhalb Jahre ist er zuvor auf der Flucht, nachdem die Taliban ihn und seine Familie bedroht haben. Zwar steht er bereits in seinem Heimatland auf der Bühne, jedoch als Musiker, nicht als Schauspieler. Die Zusammenarbeit mit Reng ist für Pouya ein Glücksfall: »Nun bin ich mir sicher: Ich will Schauspieler werden!« Durch seinen Status als geduldeter Flüchtling darf er jedoch nicht arbeiten – ein Praktikum oder eine Hospitanz, wie er sie derzeit am Theater Augsburg absolviert, sind erlaubt, solange er kein Geld verdient.

»Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen« – das wusste schon Bertolt Brecht.

In Afghanistan studiert Pouya Zahnmedizin und arbeitet als Krankenpfleger. Eine fast schon sicher geglaubte Ausbildungsstelle in diesem Bereich in Deutschland hat sich vor Kurzem durch ein Veto der Ausländerbehörde zerschlagen. Der Freistaat fährt im Gegensatz zu anderen Bundesländern nach wie vor eine restriktive Linie: Nach einem neuen Erlass des bayerischen Innenministeriums vom März dieses Jahres soll so gut wie keinem aktuell abgelehnten Asylsuchenden eine Arbeitserlaubnis erteilt werden. Pouya versucht dennoch weiter seinen Weg zu gehen. Genügend Selbstbewusstsein, Ausstrahlung und Bühnenpräsenz bringt er zweifellos mit. Eigenschaften, die er auch durch sein Engagement beim Jungen Theater (wieder)erlangt hat.

Es ist kein Geheimnis, dass die deutsche Theaterlandschaft für Neueinsteiger wie für Etablierte ein hartes Pflaster ist. Schauspieler müssen extrem gut und wandelbar sein, nur wenige können von ihrem Beruf leben. Abgesehen von der ohnehin teilweise skandalös niedrigen Bezahlung von Kulturschaffenden muss an dieser Stelle die Frage erlaubt sein, weshalb talentierte, qualifizierte und kreative Köpfe hierzulande nur schwerlich eine Chance erhalten. Das gilt für die Kunst wie für die Wirtschaft. Verantwortlich hierfür sind meist nicht die Gesellschaft, die Unternehmen oder das Theater, sondern vielmehr die Politik. »Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen« – das wusste schon Bertolt Brecht.

Einen Schritt weiter als Pouya ist Ramadan »Ramo« Ali. In Damaskus besucht er die Theaterakademie, die er erfolgreich als Theaterschauspieler abschließt. Nachdem er auf einem kurdischen Fest in der libanesischen Hauptstadt Beirut bei einem eigentlich unpolitischen Sketch mitspielt, gerät er ins Visier des Assad-Regimes. Monatelang wird Ali unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten und gefoltert. Über die Türkei gelingt ihm schließlich die Flucht aus Syrien – seit 2011 lebt er in Deutschland. Inzwischen ist sein Asylantrag angenommen.

»Auf der Bühne möchte ich zeigen, was ich kann! Da brauche und will ich kein Mitleid.«

Noch während er in einer Gemeinschaftsunterkunft in Neu-Ulm wohnt, versucht er Kontakt zu lokalen Theaterschaffenden herzustellen – mit Erfolg. Das Akademietheater Ulm lädt Ali zu einem Vorstellungstermin ein: »Ich habe gebetet, dass sie mich irgendwie nehmen – egal, ob zum Putzen oder zum Kaffeekochen.« Gemeinsam mit Intendant Ralf Rainer Reimann entwickelt Ali das Stück »Frühling der Freiheit«. Der Schauspieler spielt darin sein eigenes Leben – eine intensive Aufarbeitung seiner Flucht aus Syrien. »Für mich ist das eigentlich kein Schauspiel. Ich erzähle auf der Bühne nur das, was mir wirklich passiert ist.« Heute ist Ali als freischaffender Schauspieler unter anderem für das Akademietheater Ulm und das Junge Theater Augsburg tätig. Zudem übersetzt er Stücke aus dem arabischen Raum ins Deutsche.

Ähnlich wie Reng macht der Syrer auch auf den nötigen künstlerischen Rahmen bei der Arbeit mit Flüchtlingen aufmerksam. Dabei sieht Ali durchaus die Gefahr, dass Asylsuchende von Theatermachern aus reinem Selbstzweck als Schauspieler benutzt werden, um auf ihrem Rücken die eigene Karriere voranzutreiben. Ein Eindruck, der ihn bereits aus Produktionen aussteigen ließ. Die Motivation hinter einem Projekt muss stimmen, ein Einsatz von Flüchtlingen mit dem einzigen Ziel, Mitleid zu erregen, sieht er kritisch: »Auf der Bühne möchte ich zeigen, was ich kann! Da brauche und will ich kein Mitleid.«

»Flüchtlinge sind keine Verfügungsmasse«, gibt auch Susanne Thoma zu bedenken. 2012 gründet sie die Initiative »VOLLDABEI«, um die Willkommenskultur in Augsburg zu bereichern und Asylsuchenden die Teilhabe an kulturellen Angeboten zu ermöglichen. Schwarzmalerei sei in diesem Zusammenhang nicht angebracht: »Im Kulturbereich gibt es ein ehrliches Interesse an der Arbeit mit Flüchtlingen. Ich bin dafür, dass man alle Möglichkeiten nutzt, um eine wohlwollende Atmosphäre gegenüber diesen Menschen zu schaffen.« Thoma, die die populistischen Debatten und brennenden Asylbewerberunterkünfte Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre miterlebt hat, ist sich sicher: »Über die Kultur können wir das Thema in die Mitte der Gesellschaft tragen.«

Die Mitte der Gesellschaft – für die meisten steht da wohl nicht die Oper. Den Inbegriff der Hochkultur aufzubrechen und zu verändern ist eines der Ziele von Cornelia Lanz vom Verein »Zuflucht Kultur«. Im vergangenen Jahr erarbeitete die freischaffende Sängerin die Mozart-Oper »Così fan tutte« mit Theaterprofis und syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Zwölf Auftritte spielte das Ensemble deutschlandweit seit der Premiere im letzten Oktober in Stuttgart. Das Projekt wurde zu einem großen Erfolg. Auch medial erhielt »Zuflucht Kultur« landauf, landab große Aufmerksamkeit. Unter anderem erhielt das ZDF-Kabarettformat »Die Anstalt« für den Auftritt des syrischen Flüchtlingschors den begehrten Grimme-Preis.

»Im Kulturbereich gibt es ein ehrliches Interesse an der Arbeit mit Flüchtlingen.«

Nun steht die zweite Produktion – erneut eine Oper Mozarts – in den Startlöchern: »Zaide. Eine Flucht«. Dass das Libretto nur bruchstückhaft vorhanden ist, eröffnet dem Team interessante Möglichkeiten. Gemeinsam mit den mitwirkenden Künstlern aus Afghanistan, Nigeria und Syrien entsteht so eine völlig neue Fassung der Geschichte um Zaide und ihren Geliebten Gomatz. Premiere feiert die Oper (Regie: Julia Huebner) im Rahmenprogramm zum Augsburger Hohen Friedensfest. Weitere Auftritte, unter anderem in Ulm und Stuttgart, sind geplant.

Nicht die künstlerische Arbeit des Produktionsteams möchte Lanz in den Mittelpunkt stellen, vielmehr geht es ihr um den integrativen Charakter ihrer Projekte: »Wir möchten gemeinsam etwas Neues schaffen und voneinander lernen.« So bieten die Profis beispielsweise Gesangs- und Schauspieltraining an. Darüber hinaus gibt das Team von »Zuflucht Kultur« Hilfestellung bei der Vermittlung von Deutschkursen oder bei der Wohnungssuche. Umgekehrt bringen Asylsuchende ihre Erfahrungen mit ein und zeigen, wie Theater, Musik und Kunst in ihrer Heimat funktionieren.

Die brutale Flüchtlingspolitik der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten wird sich im großen Ganzen wohl leider nicht so schnell ändern. Umso wichtiger ist es, im kleinen Rahmen das Möglichste zu tun, um die Situation der Asylsuchenden in Deutschland zu verbessern, sei es in ehrenamtlichem Engagement, als potenzieller Arbeitgeber oder eben in der Kunst. Die Arbeit mit Flüchtlingen in Theaterprojekten kann den kulturellen Austausch fördern, zum gegenseitigen Verständnis anregen und Brücken bauen. Entscheidend ist jedoch, dass wir verstehen, dass diese Brücken in beide Richtungen führen müssen – damit nicht nur »unsere« Seite vom Austausch profitiert.


Foto: Das Kinderstück »Rotkäppchen auf der Flucht« thematisiert anhand des grimmschen Klassikers die Fluchterfahrungen von Kindern und Familien. In den Hauptrollen der Märchenadaption des Jungen Theaters Augsburg sind Ahmed Shakib Pouya (vorn) und Ramadan »Ramo« Ali zu sehen. (Foto: Frauke Wichmann)

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