Fotografischer Rundumschlag

Fotografischer Rundumschlag
7. Februar 2015 - 9:34 | Bettina Kohlen

Die Bandbreite der fotografischen Positionen, die derzeit in Augsburg in Augenschein genommen werden können, ist groß.

Fotografie ist schwer zu fassen, die Bandbreite enorm. Zudem fungiert die Fotografie sowohl als dokumentarisches Instrument wie als künstlerisches Medium oder künstlerische Technik. Eine Fotografie kann Dokument oder Kunstwerk sein – vielleicht auch beides, vielleicht nichts davon. Wer das Wesen der Fotografie erfassen möchte, muss Fotografie sehen. Und das kann er in Augsburg in diesen Tagen ausführlich tun.
 
Das Architekturmuseum Schwaben widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung (bis 15. März) »Positionen der aktuellen Architekturfotografie«. Fotografie ist eines der Medien, um Gebautes zu vermitteln. Die verschiedenen möglichen Herangehensweisen werden anschaulich erläutert, indem dasselbe Bauwerk, wie die Münchner Sammlung Brandhorst, gezeigt wird, aufgenommen von mehreren Fotografen mit jeweils eigenem Ansatz. Doch Architektur wird auch fotografiert, um etwas darüber hinausweisendes zu zeigen. Der Bau ist nicht Objekt des Bildes, sondern Mittler, er erzählt eine Geschichte. Schön, dass das Architekturmuseum in dieser Ausstellung auch Bilder zeigt, die – jenseits klassischer Architekturfotografie – solche (Un-)Orte thematisieren. Bei der Auswahl der Fotografen und Motive und der Präsentation wäre mehr drin gewesen, doch werden Wesen und Bandbreite der Architekturfotografie wirklich plausibel eingefangen.
 
Eine weitere Gruppenausstellung findet sich in der Ecke Galerie (bis 28. Februar). »Wie man sieht …« geht nicht von einem Sujet aus, sondern orientiert sich an sieben Fotografenpersönlichkeiten. Thematisch und technisch völlig unterschiedlich gehen die Künstler die Sache an: Da werden Geschichten erzählt, angestoßen durch simple Alltagsdinge und/oder kunstvolle Inszenierung (Ieva Jansone, Tom Schmid, Alexander von Fäckl, Michael Schreiner). Da werden technische Möglichkeiten ausgereizt und Oberflächen untersucht, um etwas völlig Neues entstehen zu lassen, die Bedeutung zu wandeln (Michael Baumgartner, Werner Bauer, Jochen Kohlenberger). Eine wirklich gelungene Ausstellung mit makellosen Arbeiten. Möglicherweise hätte eine Prise rau Unperfektes den Reigen der Perfektion noch klarer hervorgehoben?
 
Der Kunstverein Augsburg hat mit Todd Hido sein Ausstellungsprogramm 2015 eröffnet. Der amerikanische Fotograf hat sich mit seinen verlassenen Settings bereits international einen Ruf erarbeitet, dies ist jedoch seine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland (bis 8. März). »Drive by Shooting« versammelt einen Querschnitt durch das Werk. Einen Schwerpunkt bilden – wie der Titel nahelegt – Bilder, die Hido durch die Scheiben seines Autos geschossen hat. Die Verschmutzungen und Beeinträchtigungen werden zum Teil des Bildes, (ver)stören es. Bekannt wurde der Künstler durch seine Fotografien nächtlicher menschenleerer Vorstadtarchitekturen. Einzig die alienhaft erleuchteten Fenster verweisen auf Leben. (Vorschlag: Gehen Sie ins Architekturmuseum und sehen Sie sich die Unterschiede an.) Doch auch die Serie von Mädchen, die er in schäbigen Motels abgelichtet hat, zeigt die Tristesse geplatzter Illusionen. Die Bilder sind von hoher ästhetischer Qualität, die sich aus dem Zusammenspiel von malerischer Anmutung und messerscharfer Bildsprache speist. Todd Hido erzählt vom Leben und lässt dennoch dem Betrachter Raum. Dem Kunstverein ist hier eine wichtige Ausstellung gelungen. Werkgespräch mit Todd Hido am 7. März.
 
Wer noch mehr Fotografie verträgt, sollte auch die Inszenierung »Spiegel Blick« von Oh Seok Kwon besuchen, die das Höhmannhaus bereits seit Dezember zeigt (bis 1. März). Der Künstler arbeitet mit fotografischen und filmischen Mitteln, um seine Geschichte(n) zu erzählen.
 
Und noch etwas: Seit einiger Zeit gibt es ein Augsburger Galerieprojekt, das sich ausschließlich der Fotografie widmet: Der Künstler Christof Rehm, der selbst vorzugsweise fotografisch arbeitet, möchte in seinem kleinen Pavillon an der Bergstraße mit kleinen, feinen Ausstellungen einen fotografischen Diskurs in Gang bringen. Zurzeit ist dort Pause, doch die Dokumentation der vorangegangenen Konzepte ist auf der Website zu finden.
 
Die Bandbreite der Positionen, die derzeit in Augsburg in Augenschein genommen werden können, ist groß. Was zu sehen ist, ist durchaus heterogen, das ist gut so. Die Qualität der Arbeiten ist in einigen Fällen diskutabel, das ist nicht verwunderlich. Doch gibt es in dieser Stadt selten die Möglichkeit, zur gleichen Zeit so viel Fotografie zu erleben, darunter so Herausragendes wie die Arbeiten von Todd Hido.
 
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
www.kunstverein-augsburg.de
www.eckegalerie.de
www.architekturmuseum.de/am-schwaben
www.fotodiskurs.info

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