Eine Frage nach dem neuen Theaterstück

27. Juli 2016 - 23:21 | Iacov Grinberg

Das theater.interkultur zeigt im Hoffmannkeller seine neue Arbeit, das Theaterstück „Wörter und Körper“

Das Theaterstück, eine humorvolle, poetische Tragödie, die am 26. Juli zum dritten und letzten Mal im Hoffmannkeller gespielt wurde, hinterlässt einen guten Eindruck. Eine gute mittlere Ebene von Schauspiel mit einigen Ah!-Momenten, die in Erinnerung bleiben. Die männlichen Rollen wurden überzeugender gespielt als die weiblichen, und die Szenen mit Gesprächen gelangen besser als die Monologe. Einige Teile der Monologe wurden ohne Pausen gesprochen, obwohl einige Pausen deutlich notwendig gewesen wären. Der Saal war voll, das Publikum begeistert – was braucht man noch? Nur eine Frage lässt mich nicht in Ruhe: Was gibt es in diesem Stück Interkulturelles?

theater.interkultur entstand als ein Workshop der VHS. Vor diesem Workshop existierte in Augsburg das Internationale Theater. Es wurde 2004 im Laufe der Vorbereitung zum Hohen Friedensfest 2005 vom damaligen Friedensbüro organisiert. Das Ziel war nicht ein Theaterstück von hoher Qualität zu veranstalten (das mit Amateuren schwer zu schaffen ist), sondern eine effektive Zusammenarbeit von Menschen aus ganz verschiedenen Schichten und Gruppierungen, Religionen und Kulturen der städtischen Gesellschaft zu organisieren. Es wurde ein Regisseur und begabter Theaterpädagoge aus Hamburg, Alexander Radulescu, angeheuert, der im Laufe von acht Monaten nicht nur ein sehr interessantes Theaterstück mit den Amateurschauspielern von verschiedener Begabungen und Erfahrung gemacht (es wurde in der Kälberhalle mit großen Anklang vorgeführt), sondern ein Kollektiv zusammenschmiedete. Dabei waren Menschen aus zwei türkischsprachigen Theatergruppen, vom Mesopotamien Verein, aus der Friedberger Theatergruppe, aus der Augsburger Uni, städtische Beamten ebenso wie Sozialhilfeempfänger aus dem Migrantenmilieu, Grundschulkinder und Senioren. Texte wurden in einer speziellen Schreibwerkstatt von verschiedenen Menschen in verschiedenen Sprachen geschrieben und danach in Zusammenarbeit zu einem gemeinsamen Theaterstück umgewandelt. Im Sinne der Integration und interkultureller Arbeit das war eindeutiger Erfolg.

Dieses Kollektiv hat noch einige Theaterstücke vorbereitet und vorgeführt: zwei mittelmäßige 2006 im Hof vom Barfüßer Café und 2007 „unterwegs durch die Stadt“, danach zwei sehr erfolgreiche 2008: „Zugvogel“ im Bahnpark und 2009 Ricks@home auf der Bühne der danach geschlossenen Komödie. Die Hauptsache war die ganze Zeit dabei eine möglichst breite Beteiligung aus verschiedensten Gruppen und Religionen unserer Stadt. Die Stücke dank ihres interkulturelles Thema fanden breite Resonanz gerade in den Gemeinden und Gruppierungen, aus denen die Teilnehmer stammten.

Aber 2008 kam eine neue Stadtregierung an die Macht und im Herbst 2009 bekamen die Mitglieder des Kollektivs die Nachricht: Ihr Kollektiv wird vom neu besetzten Friedensbüro nicht weiter unterstützt, das Büro möchte etwas Neues organisieren. Kommen sie in die Volkshochschule zu einem bestimmten Datum. Wir sind dorthin gekommen und haben erfahren, dass es nun anstatt unseres Theaters einen Workshop der VHS mit zwei Leitern gibt, die allen, die für diesen Kurs in der VHS zahlen möchten, die Grundlagen des Theaterspielens beibringen und mit den Teilnehmern ein Theaterstück veranstalten würden.

Einen der neuen „Leiter“ kannten wir schon, da wir mit ihm am Drehen eines Films zusammengearbeitet hatten. Er hat uns weder als Schauspieler noch als Organisator überzeugt. Der andere war einigen von uns zwar als ein Regisseur des türkischsprachigen Theaters bekannt, machte aber insgesamt keinen positiven Eindruck. Der Vorschlag, dass dieses Pärchen uns in den uns bereits bekannten Sachen unterweisen würde, haben wir wie Ins-Gesicht-Spucken wahrgenommen: viele von uns wussten und konnten doch schon mehr als die künftigen „Lehrer“. Im neuen Projekt war zwar Platz für ein weiteres Theaterstück, für eine breite interkulturelle Zusammenarbeit aber, was vielen von uns wichtig war, kaum. Als Ergebnis haben wir damals alle auf dieses „Geschenk“ des Kulturbüros verzichtet, manche Mitglieder kehrten zu ihren ursprünglichen Kollektiven zurück, andere fanden für sich neue, einige Leute, wie ich, haben diese Tätigkeit aufgegeben: Für mich war nicht das Theater an sich interessant (denn mit Theater hatte ich mich schon 30 Jahre lang aktiv beschäftigt), sondern die interkulturelle Zusammenarbeit.

Die neue Gruppe theater.interkultur hat inzwischen wieder einige Interessenten gefunden, alles Erwachsene, einmal pro Jahr mit fünfzehn 3-stündigen Vorbereitungsterminen, von März bis Juli, ein Stück auf die Bühne bringen. Beteiligt sind Menschen mit Migrationshintergrund, aber eine breite interkulturelle Zusammenarbeit existiert dort kaum.

Es scheint mir, dass diese Sache ein glänzendes Beispiel von Sparen am falschen Platz ist. Freilich muss die Stadt jetzt ein interkulturelles Theater nicht bezahlen, das machen die Teilnehmer selbst, aber ein effektives Instrument der Integration ging dabei verloren. Einen Haken beim passenden Punkt im Programm vom Friedensfest kann man auch mit theater.interkultur machen. Aber ist es wirklich interkulturelle Arbeit, die Integration effektiv fördert und die für die Gesellschaft so notwendig ist, oder ist das nur eine Attrappe? Und ob und wie kann man diese Arbeit wiederbeleben?
(Iacov Grinberg)

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