Freiheit der Andersdenkenden

3. August 2019 - 13:38 | Susanne Thoma

Im Rahmen des Artist-in-Residence-Projekts »Welcome in der Friedensstadt« organisierte die a3kultur-Redaktion gemeinsam mit dem Hohen Weg e.V. am 1. August die Diskussion »Zur Freiheit«. Eine Dokumentation der Veranstaltung

Im Besonderen sollte an diesem Abend die Freiheit der Andersdenkenden Thema sein. Die Gesprächspartner*innen im Moritzsaal waren: die 2. Bürgermeisterin von Augsburg Eva Weber, der Experte für Gegenwartskunst Thomas Elsen, der Bürgeraktivist Bruno Marcon und der Medienkünstler Reinhard Gupfinger.


Reinhard Gupfinger, Medienkünstler aus Linz, präsentiert im Rahmen des Friedensfestes als Artist in Residence sein Projekt »UnSound« im öffentlichen Raum.

Ich nehme mir die Freiheit, im persönlichen Umfeld von Stadtbewohner*innen zu agieren. Dabei geht es nicht um größere Sachbeschädigungen, sondern um kleine Interventionen mit Klang oder Objekten im öffentlichen Raum. In Österreich bin ich erstmals wegen eines »Mosquito-Soundsystems« aktiv geworden, mit dem Jugendliche von öffentlichen Plätzen vertrieben wurden - durch ultrahohe Pfeiftöne, die nur junge Ohren hören können. Ich habe als Antwort ein Gerät gebaut, das diese Töne wieder in den allgemeinen Ultraschallbereich von Passant*innen transponiert hat, also hörbar für alle.

Natürlich sorgen meine Arbeiten immer wieder für Irritationen. Mir ist klar, dass gerade hier die Kunstfreiheit mit verschiedenen anderen Freiheiten kollidieren kann. Aber generell gehe ich bei meinen Klanginstallationen im öffentlichen Raum sensibel vor. Die Aufgabe der Kunst doch,  Grenzen zu überschreiten, zu irritieren, auch zu provozieren. Über den Horizont hinauszublicken, hat die Kunst und die Gesellschaft immer weiter gebracht. Um diese kreativen Prozesse am Laufen zu halten, muss Politik nicht nur die großen institutionellen Kulturhäuser, sondern auch die Freischaffenden und Andersdenkenden in der Kunst fördern.


Eva Weber, Bürgermeisterin in Augsburg, OB-Kandidatin 2020

Als Demokratin bin ich der Meinungsfreiheit verpflichtet. Gelegentlich muss ich Strömungen ein Forum bieten, die nicht meinem Denken und nicht der breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger entsprechen. Das war zum Beispiel der Fall, als die AFD ihren Parteitag in Augsburg abhielt. Das war rechtlich zulässig und die Stadtregierung hatte keinen Hebel das zu verhindern. Persönlich bin ich entsetzt, welche Parolen hier zum Teil gedroschen werden und welches Weltbild dahinter erkennbar ist. Umso wichtiger ist , dass sich die Zivilgesellschaft positioniert, um die Freiheit zu stärken. Es muss klar werden, dass wir Intoleranz nicht dulden. In Augsburg wird die Allianz der anderen im Bündnis für Menschenwürde organisiert. Für die Stadtverwaltung und Stadtregierung ist Neutralität geboten, wenngleich Hilfestellung für die Organisatoren von Protesten zum Beispiel durch das Ordnungsamt als Genehmigungsbehörde erfolgen dürfen.

Den Treibstoff für unsere freiheitliche Gesellschaft sehe ich darin, dass wir tolerant sind und Unterschiedlichkeit anerkennen. Wir müssen es aushalten, dass jemand eine andere Meinung hat und dass es die absolute Wahrheit nicht geben kann. Jeder soll sagen können, was er denkt, aber andere verletzen muss man dabei nicht.


Thomas Elsen, Leiter H2 – Zentrum für Gegenwartskunst in Augsburg

Durch unsere Ausstellungen im H2 schaffen wir den Rahmen für Dialoge zwischen hiesigen Künstler*innen und der überregionalen und internationalen Kunstwelt. Ich arbeite immer wieder mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen, in deren Heimatländern freiheitliche Grundwerte  wenig gelten. Viele arbeiten mit Einschränkungen in der persönlichen Freiheit oder durch den gesellschaftlichen Rahmen. Umso mutiger ist es dann, die eigene Haltung an den Tag zu legen, wobei das natürlich nicht nur für die Kunst gilt, sondern für alle Menschen, die bereit sind, für Freiheit einzustehen.

Wenn Künstlerinnen und Künstler zur Zielscheibe von Extremisten und Populisten werden, ist es umso wichtiger, dass es Institutionen gibt, die ihnen Schutzräume bieten. Hier können sie sich künstlerisch ausdrücken, sich entfalten, ihre Arbeit öffentlich machen. Die Aufgabe der Kunstmuseen besteht also darin, eine freiheitliche offene Diskussion zu ermöglichen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, man muss sich akzeptieren und Respekt vor Andersdenkenden haben. Das ist der Stoff, der auch Künstler*innen antreibt.


Bruno Marcon, Sozialpsychologe, Bürgeraktivist, OB-Kandidat 2020

Politik muss die Rahmenbedingen schaffen, damit sich einerseits das Individuum frei entfalten kann und andererseits das soziale Gefüge in Einklang ist. Leider stehen der Individualität oft wirtschaftliche Zwänge in unserer globalisierten Welt entgegen. Der Mensch soll verwertbar sein – ein Homo economicus. Bei vielen Menschen entsteht immer mehr der Eindruck, dass Politik keine Antworten auf Probleme hat. Das erzeugt Angst und Depression und wir erleben eine Destruktion der Gesellschaft.

Dass aber jede Veränderung auch eine Chance bietet, haben viele Menschen zunehmend erkannt. Sie werden selbst aktiv und suchen nach Lösungen. Sie gründen zum Beispiel ganz praktisch die Solidarische Landwirtschaft oder treten gegen Herrschaftsstrukturen ein und organisieren Demokratie von unten. Alle vier Jahre ein Kreuz auf dem Wahlzettel zu machen, reicht ihnen nicht mehr. Ich sehe die Alternative in der Entwicklung hin zu einer Bürgergesellschaft. Dazu gehört für mich auch die direkte Teilhabe und Modelle wie der Bürgerhaushalt. Nicht der große neue Gesellschaftsentwurf ist entscheidend, sondern, dass immer mehr Einzelne gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Dort, wo Mitbestimmung statt findet, fühlen sich Menschen wohler.

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