Freiheit erhält sich nicht von selbst

25. Juli 2019 - 12:31 | Janina Kölbl

Ein Interview mit der Programmmacherin des Friedensfestes, Christiane Lembert-Dobler.

Nach Mut, Bekennen und Utopie ist das diesjährige Thema des Friedensfestes »Freiheit«. Wie kam es zu dem Motto?

Christiane Lembert-Dobler: In der Themenfolge der letzten Jahre wird eine Verbindung sichtbar. Das Thema Mut hatte unter anderem mit der Stimmung 2016 zu tun. Der starke Anstieg von Menschen, die in Deutschland und einigen anderen EU-Mitgliedstaaten Schutz vor Krieg, Verfolgung und Not suchten, führte zu großen Herausforderungen, sowohl was die Unterbringung und Betreuung der Geflüchteten betraf als auch deren Akzeptanz in der Gesellschaft. Der diffusen Angst vor der Zukunft wollten wir den Mut gegenüberstellen. Mit dem Motto »Bekennen« und dem Slogan »Mutig bekennen, friedlich streiten« verfolgten wir im Lutherjahr 2017 diesen Ansatz weiter: Mut fassen und sich zu einer Haltung bekennen.

Die Frage des friedlichen Miteinanders in unserer Stadt, in unserer Gesellschaft, steht bei allen Themen im Mittelpunkt. Die Perspektiven sind jedes Jahr andere, sie machen die Facetten des Friedens erfahrbar. Das Friedensfest bietet Raum für diskursive und künstlerische Auseinandersetzung und kritische Analysen. Noch wichtiger ist es aber, ins Handeln zu kommen und dafür Impulse mitzunehmen.

Wie nehmen die Augsburger*innen das Thema auf?

Mit dem Thema Freiheit kann eigentlich jede*r etwas anfangen. Viele fanden es toll und easy going. Zunächst! Denn bei näherer Betrachtung ist die Freiheit gar nicht so einfach. Bei verschiedenen Treffen im Vorfeld mit unterschiedlichen Partner*innen kam schnell die Frage auf die Begrenzung der Freiheit des Einzelnen zugunsten der Allgemeinheit und die Frage, ob wir den Umgang mit Freiheit lernen können. Das betrifft vor allem den privaten Bereich und den Umgang mit Konflikten. Das mag der Grund dafür sein, dass wir dieses Jahr ein umfangreiches Angebot an Workshops und Diskussionen erhalten haben.

Einwanderung, Globalisierung, veränderte Familienstrukturen, Meinungsvielfalt etc. scheinen die persönliche Freiheit zu bedrohen. Gleichzeitig wird die Freiheit eingefordert, Dinge aussprechen zu dürfen, die die Grenzen des Tolerierbaren überschreiten. Es kommen aber auch Zweifel auf, ob die Forderungen nach Freiheit und Wertschätzung des Individuums und von Minderheiten nicht andere wichtige Freiheitsfragen überlagern. Manche betonen deshalb, dass die eigentlichen Beschränkungen der Freiheit in ungleichen Besitzverhältnissen, der neoliberalen Marktwirtschaft und den politischen Machtverhältnisse zu verorten sind und man sich lieber darum kümmern sollte als um das Gendersternchen, das wir im Friedensbüro übrigens schon seit Jahren benutzen!

Wir in der a3kultur-Redaktion übrigens auch. Das Friedensfestprogramm wurde unter dem Titel »Freiheit und Verantwortung« vom ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck eröffnet. Wie hängt Freiheit mit Verantwortung zusammen?

Freiheit entsteht und erhält sich nicht einfach von selbst. Das zeigt sich in unseren persönlichen Biografien, aber auch in der Gesellschaftsgeschichte. Das Grundgesetz, das die Freiheitsrechte der Bürger*innen in der Bundesrepublik Deutschland formuliert, feiert dieses Jahr 70-jähriges Jubiläum. Wir empfinden diese Rechte als selbstverständlich und können uns oft nicht vorstellen, dass sie das eben nicht sind und sie nicht weltweit gelten. Wir sollten unsere Freiheiten und Rechte kennen und schätzen. Freiheiten sind an die Übernahme von Verantwortung des Einzelnen entsprechend den eigenen Fähigkeiten und dem persönlichen Handlungsspielraum gekoppelt. Das heißt, dass wir Verantwortung tragen für uns selbst und unser Umfeld. Die Verantwortung kann Last und Verzicht bedeuten, sie ist aber auch mit einem großen Maß an Gestaltungsmöglichkeiten verbunden.

Was sind Ihre Tipps zum Friedensfestprogramm?

Das Programm bietet viele verschiedene Veranstaltungen und Formate an. Man kann sich etwas herauspicken und singulär erleben. Ich empfehle aber, dem Festivalcharakter zu folgen und möglichst unterschiedliche Programmpunkte mitzunehmen – am besten täglich! Dann erschließt sich das Thema Freiheit in seinen vielen Facetten. Heißer Tipp ist am 1. August der Auftritt mit Lesung und Konzert von Angela Aux im Provino-Club um 19 Uhr. Er war als Writer beim Friedensfest 2018 unterwegs und stellt das daraus entstandene Buch und seine neue Platte vor. Wer gerne mit Bürgermeisterin Eva Weber und anderen über die Freiheit der Andersdenkenden diskutieren möchte, geht an dem Abend zum a3kultursalon in den Taubenschlag im Moritzplatz.

Nicht entgehen lassen sollte man sich »Freie Szenen. Theater-Walk zur Freiheit« am 3. August. Bluespots Productions, theter ensemble, Junges Theater Augsburg und perFORMic treten zum ersten Mal miteinander in extra erarbeiteten Szenen auf. Aufregendes und berührendes Kino verspricht der Film »Refugee Lullaby« am 6. August im Liliom. Der Wanderhirte Hans Breuer hat 2015 Flüchtlinge über die ungarische Grenze in die Freiheit begleitet und ihnen zur Beruhigung jiddische Lieder vorgesungen.

www.friedensstadt-augsburg.de

Christiane Lembert-Dobler studierte Ethnologie, Volkskunde und Didaktik der Kunsterziehung, arbeitet als freie Ethnologin und ist Leiterin des Augsburger Friedensbüros.

Illustration zum Friedensfest 2019: Leo Rothmoser

Weitere Positionen

31. März 2020 - 11:00 | Gast

»75 Jahre Befreiung« – Teil 2: Niederlage, Katastrophe, Befreiung oder gar »Stunde Null«? Ein Gastbeitrag von Dr. Karl Borromäus Murr

30. März 2020 - 11:47 | Gudrun Glock

Vor 45 Jahren wurde der Naturpark Augsburg Westliche Wälder e.V. gegründet. Das Naherholungsgebiet vor den Stadttoren Augsburgs soll den Bürger*innen die Natur wieder näherbringen. Gudrun Glock hat Eva Liebig, die stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins, getroffen.

28. März 2020 - 16:33 | Patrick Bellgardt

In den frühen Morgenstunden des 28. April 1945 setzten amerikanische Soldaten der NS-Diktatur in Augsburg ein Ende. Start der neuen Serie auf a3kultur.de

27. März 2020 - 11:10 | Jürgen Kannler

Corona lehrt uns: Nichts ist wie es war. Unsere Gesellschaft ist verunsichert. Viele, gerade auch Kulturmacher, sind verzweifelt. Um die Krise in den Griff zu bekommen, braucht es verlässliche Strukturen und neue Wege. Wechsel bei Bürgermeistern und in Referaten kämen zur Unzeit.

24. März 2020 - 9:45 | Gast

Wie wird, was Brecht sagen, erzählen, beschreiben, abbilden und ändern wollte, umgesetzt, erläutert und verstanden? Gedanken zur Konzeption und Zukunft des Brecht-Preises und -festivals. Ein Gastbeitrag von Knut Schaflinger

23. März 2020 - 9:57 | Gast

Der Wald bot schon immer Schutz, war und ist ein schier unerschöpfliches Füllhorn an Nahrung und Leben. Seit Menschen ihn als Ressource entdeckten, musste er viel ertragen. Von Björn Kühnel

19. März 2020 - 8:04 | Thomas Ferstl

Der Gewinner des Kurzfilm-Oscars »The Neighbors’ Window« ist kostenlos auf den Streaming-Plattformen YouTube und Vimeo zu sehen.

18. März 2020 - 13:37 | Martin Schmidt

KO durch Covid-19? Die Clubs müssen kämpfen. Bernhard Klassen, Club- und Kulturkommission Augsburg, im Interview über Clubstream, Spenden und Krisenmanagement.

17. März 2020 - 15:14 | Renate Baumiller-Guggenberger

Mit Händels konzertant aufgeführter Oper »Giulio Cesare in Egitto« wurde im Rahmen der »un*er*hört«-Reihe der Bayerischen Kammerphilharmonie glänzendes Talent geschmiedet und das Publikum mit einem herausragenden Konzerterlebnis verwöhnt.

Gasius Club, Foto: Susanne Thoma
14. März 2020 - 14:17 | Susanne Thoma

Gasius Worx bringt Kultur von unten auf das Gaswerk. Ein Beitrag von Susanne Thoma, Pareaz e.V.