Frivole Verwandtschaften

hillesheim
1. Dezember 2014 - 15:34 | Gast

Le Nozze di Figaro, Don Giovanni, Cosi fan tutte – Da Pontes und Mozarts großer Opernzyklus. Ein Gastbeitrag von Jürgen Hillesheim

Was ist ein Zyklus? Nach wie vor wird dieser Terminus, und hier stehen sich Literatur- und Musikgeschichte in nichts nach, unreflektiert bzw. vornehmlich assoziativ verwendet, oft im Sinne eines Verbundes mehrerer Werke, die thematisch in irgendeiner Weise miteinander zu tun haben. Oft setzt die Verwendung des Begriffs nicht einmal eine Zusammenstellung von Autor oder Komponist voraus, sondern bezeichnet eine Auswahl von Werken, die erst aus Anlass einer bestimmten, sich in irgendeiner Form reihenden Vorführung in Zusammenhang gebracht werden; dies sehr wohl auch in Verbindung mit dem Opernwerk Mozarts.

»Zyklus« benennt damit eine mehr oder weniger freie Programmfolge. Grad und Art der Zyklusbildung sind fast beliebig variierbar, und hin und wieder wird der Begriff in der Musik auch verwendet, wenn es keinen anderen, passenderen Gattungsbegriff für eine Art von Sammlung oder Zusammenfügung von einzelnen Werken gibt. Das mag in konkreter Anwendung bisweilen recht praktisch erscheinen, doch werden so die Bedeutung des Begriffs, sein Potenzial, sein vom Terminus implizierter »Mehrwert«, den das Gesamtgebilde Zyklus über eine einfache Sammlung oder Anthologie hinaus erhebt, verschenkt. Dieser Mehrwert definiert sich auf der Basis verschiedener spezifischer Kohärenzmerkmale, seien sie motivischer oder sukzessiver Art, also durch Handlungsstränge und Bilder, die einander erhellend kommentieren, die über sich hinausdeuten, aber auch retrospektiv auf den Anfang des Werkes, des »großen Ganzen«, weisen.

Auch die großen drei Da-Ponte-Opern Mozarts wurden immer, ohne den Terminus genauer zu reflektieren, als Zyklus bezeichnet. Tatsächlich jedoch weisen sie auch alle strengeren Kohärenzmerkmale, die ein solches zyklisches Gebilde nach klassischer Definition erfordert, auf. Die drei Opern zeigen allerdings auch, dass die Bildung von Zyklen tatsächlich kein idealistisches Apriori benötigt, keinen irrationalen initiierenden Moment schöpferischen Einfalls, und das Ganze dem Künstler nicht von Beginn an komplett vor Augen stehen muss. Es handelt sich vielmehr um ein kalkuliertes literarisches und musikalisches Verfahren, oft geschuldet bestimmten Situationen und Konstellationen: Als »Le Nozze di Figaro« geschrieben wurde, war von »Don Giovanni« noch keine Rede. Wenn dann aber Mozarts und Lorenzo Da Pontes Zusammenarbeit doch eine Fortsetzung finden sollte, weil die Umstände es so ergaben, warum dann nicht Verbindungen zum vorangehenden Werk schaffen, es weiterdenken, warum diese dann nicht in einer dritten Oper, die ebenfalls nicht vorauszusehen war und nicht einmal eine verwendbare literarische Vorlage haben sollte, in »Cosi fan tutte« aufnehmen und zu einem Ende bringen, des »Mehrwerts« wegen, den dann solcherart Zyklisierung erbringt?

Sie schmälert nicht das Singuläre dieser Opern, die selbstverständlich einzeln aufführbar sind. Gleichzeitig jedoch finden sich konstruierte Personenkonstellationen, Charaktere, die durchgehend zu beobachten sind und eine Weiterentwicklung erfahren. Werfen wir exemplarisch einen Blick auf den betörenden, von Cupido getriebenen Cherubino aus »Le Nozze di Figaro«, der dann, in »Don Giovanni«, zum frauenverbrauchenden Protagonisten wird, um schließlich, in »Cosi fan tutte«, in der zynischen Altersweisheit eines Don Alfonso zu münden. Dies vergegenständlicht sich auch in der Stimmlage, die von einem relativ tiefen Sopran bzw. Mezzosopran über einen Bariton bis hin zum Bassbariton Don Alfonsos abfällt – geschuldet der Tatsache, dass sich im Alter die Stimmlage senkt. Oder betrachten wir die vier großen Liebesduette der drei Opern, die unter dem Generalthema »cosi fan tutte« stehen und innerhalb der Werke eine strenge Isotopiekette bilden. Hier wäre noch manch Weiteres zu nennen, Elemente, die die drei Opern verzahnen, um, am Ende angelangt, wieder auf die erste zu schauen, im Bewusstsein, dass wieder »junge Cherubinos« in Erscheinung treten werden, um ihren Weg zu gehen, nach dem festen Gesetz, »dass es alle so machen«.

So zählen »Le Nozze di Figaro«, »Don Giovanni« und »Cosi fan tutte«  nicht nur zu den größten Opern, sondern sie stellen in ihrer Gesamtheit auch einen der bedeutendsten Zyklen dar, den die Musikgeschichte kennt.

PD. Dr. Jürgen Hillesheim ist Leiter der Brechtforschungsstätte Augsburg, Dozent an der Universität und Gastprofessor an der Staatlichen Universität Zhytomir, Ukraine. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Beiträge zu Lessing, Büchner, Thomas Mann, NS-Literatur, Brecht und Musik-Rezeption in der Literatur. Am 4. Dezember um 18:30 Uhr spricht Hillesheim in der Staats- und Stadtbibliothek über »Frivole Verwandtschaften – Die Zyklisierung in Mozarts Da Ponte-Opern«.

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