Film

Fuck the Remake

Thomas Ferstl
29. August 2016

Das Remake oder zu Deutsch die Neuverfilmung hat in den letzten Jahren wieder erhebliche Konjunktur, zumindest gefühlt. Neu verfilmt wurde ja schon immer gerne, und so fällt das wahrscheinlich in jüngster Vergangenheit nur besonders auf, da viele (moderne) Klassiker neu interpretiert wurden. Seien es »Die Vögel« (2010), »Poltergeist« (2015) oder jüngst »Ben Hur« und »Die glorreichen Sieben«, oft fragt man sich: Warum? Eine Neuverfilmung kann viele gute Gründe haben, umso tragischer ist es, wenn die einzige Begründung lautet: »Wir brauchen eine amerikanische Version des erfolgreichen Originals, weil unser Publikum zu faul zum Untertitellesen ist«, denn dabei kommt eben oft Humbug heraus. Im Selbstversuch können Sie sich einmal den französischen Film »Anthony Zimmer« (2005) und sein amerikanisches Remake »The Tourist« (2010) ansehen, dann verstehen Sie vielleicht, was ich meine. Wann und warum ein Hollywoodremake eines Hollywoodklassikers eine gute Idee ist und was im September sonst noch im Lichtspielhaus Ihrer Wahl läuft, lesen Sie hier:

Den Anfang macht Timur Bekmambetovs »Ben Hur« (1. September, CinemaxX, Cineplex). Der jüdische Prinz Judah Ben-Hur (Jack Huston) konvertiert zu Lebzeiten Jesu (Rodrigo Santoro) zum christlichen Glauben. Seinem in Rom ausgebildeten Jugendfreund Messala (Toby Kebbell) schmeckt das gar nicht, und so intrigiert dieser bald gegen seinen einstigen Freund und sorgt dafür, dass dessen Familie im Gefängnis landet und Judah auf ein Sklavenschiff gebracht wird. Der dort dem sicheren Tod geweihte Ben-Hur überlebt wie durch ein Wunder und kennt nur noch ein Ziel: Rache. Im Dienste des ihm wohlgesonnenen Scheichs Ilderim (Morgan Freeman) will er bei einem Wagenrennen im Circus Maximus Vergeltung üben.

Wer sich der Neuauflage eines elffach oscarprämierten Films annimmt, muss fast so mutig sein wie ein römischer Wagenlenker. Story, differenzierte Charakterstudien, Action und technische Neuerungen – es war der erste Film, bei dem intensiv mit der Bluescreen-Technik gearbeitet wurde – hat »Ben Hur« von 1959 mit dem unvergesslich charismatischen Charlton Heston im Überfluss. Was kann man da noch besser machen? Abspecken wäre eine Idee. Fast vier Stunden Laufzeit würde sich heute kein Kinogänger mehr antun, zumindest keiner, der nicht fließend Elbisch spricht und seinen Sohn Gandalf nennt. Regisseur Bekmambetov und sein Team haben es bemerkenswerterweise geschafft, die monumentale Geschichte in etwas kontemporärere zwei Stunden zu packen. Laut eigener Aussage hat Bekmambetov den Ton seiner Interpretation von »Ben Hur« auf Vergebung und nicht auf kalte, erbarmungslose Rache ausgerichtet. Durch diese beiden Veränderungen, hervorragende Schauspieler, die großartige Ausstattung sowie ein Drehbuch und Actionszenen, die dem epischen Original ebenbürtig sind, ist der aktuelle »Ben Hur« eine gelungene Neuinterpretation eines Klassikers für das moderne Kinopublikum.

Sieben Revolverhelden, »Die glorreichen Sieben« (22. September, CinemaxX, Cineplex), werden von der mexikanischen Siedlung Rose Creek angeheuert, um ihre unschuldigen Bewohner vor dem skrupellosen Geschäftsmann Bartholomew Bogue (Peter Sarsgaard) zu beschützen.

Die sieben angeheuerten Söldner, Gesetzlose und Revolverhelden, sind auf den ersten Blick vielleicht nicht die beste Wahl. Doch Josh Farraday (Chris Pratt), Sam Chisolm (Denzel Washington), Goodnight Robicheaux (Ethan Hawke), Billy Rocks (Byung-Hun Lee), Jack Horne (Vincent D’Onofrio), Red Harvest (Martin Sensmeier) und Vasquez (Manuel Garcia-Rulfo) würden so ziemlich alles für Geld tun, und so stellen sie sich Bogue und seinen Schergen mit aller Gewalt in den Weg. Das geschieht über 132 Minuten mit reichlich bang-boom-bang und markigen, tarantinoesken Dialogen. Yeehaw also zum zweiten Westernremake von Akira Kurosawas »Die sieben Samurai«!

Wie war das denn vor 66 Jahren, als John Sturges’ Version des japanischen Meisterwerks das Licht des Projektors erblickte? Im Gegensatz zur aktuellen Verfilmung legte Sturges den Fokus auf die Charakterentwicklung der Figuren statt auf Explosionen und rauchende Colts, die aber dennoch nicht zu kurz kamen und für schön choreografierte Actionszenen sorgten. Sehenswert auch das dynamische Spiel zwischen Yul Brynner und Steve McQueen, die auch abseits der Kameras um die Vormachtstellung am Set kämpften. Sturges’ Film ist ein Klassiker, der heute noch genauso gut funktioniert wie damals und das Westerngenre seither maßgeblich geprägt hat. Der Spaß am neuen »Die glorreichen Sieben« wird dagegen wohl nur so lange anhalten, wie ein Colt raucht.

Foto: Ben Hur (Jack Huston) und Messala (Toby Kerbel) beim alles entscheidenden Wagenrennen.

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