Fugger-Express

4. Mai 2018 - 8:25 | Patrick Bellgardt

Ehrgeizige Eigenproduktion statt bekanntem Klassiker auf der Freilichtbühne: Mit dem Fuggermusical »Herz aus Gold« setzt André Bücker ein Ausrufezeichen. Ein Interview

»Nach oben, nur immer nach oben. Ich selbst steh beim Aufstieg mir bei«, singt Chris Murray in einem der beiden vorab veröffentlichten Songs zu »Herz aus Gold«. Hoch hinaus möchte auch das Theater Augsburg mit dieser Eigenproduktion, die am 30. Juni Weltpremiere auf der Freilichtbühne am Roten Tor feiert. Im Mittelpunkt des von Stephan Kanyar komponierten und von Andreas Hillger geschriebenen Musicals steht Jakob Fugger. In einer Inszenierung von Holger Hauer blickt das Stück unter die kostbar bestickte Goldhaube, mit der Albrecht Dürer den Kaufmann einst porträtierte. Intendant André Bücker begeht mit diesem ambitionierten, groß angelegten Projekt den Abschluss seiner ersten Spielzeit in Augsburg. Patrick Bellgardt traf den Theaterchef und sprach mit ihm über die anstehende Freilichtsaison.


a3kultur: Herr Bücker, mit über 2.000 Plätzen zählt die Freilichtbühne am Roten Tor zu den größten in Süddeutschland – manche sagen sogar zu den schönsten. Wie ist Ihr Eindruck von der Spielstätte?

André Bücker: Es ist eine besondere Bühne, nicht nur wegen ihrer Größe. Sie liegt mitten in der Stadt, was es in dieser Form nur sehr selten gibt. Hinzu kommt die historische Kulisse. Sowohl das Stück als auch die Inszenierung müssen dieser Dimension gerecht werden. Die Freilichtbühne erfordert einen großen Einsatz, gerade was Bühnenbild, Ausstattung und Technik angeht. Wenn das gelingt, ist die Atmosphäre wirklich einzigartig.

Für zwei Inszenierungen im martini-Park – die Oper »La forza del destino« und das Schauspiel »Peer Gynt« – zeichneten Sie in dieser Spielzeit selbst verantwortlich. Hätte Sie die Arbeit auf der Freilichtbühne nicht auch gereizt?

Ich habe in der Vergangenheit bereits auf großen Freilichtbühnen gearbeitet und zum Beispiel den »Hauptmann von Köpenick« oder den »Freischütz« inszeniert. Man muss aber dazu sagen, dass ich als Regisseur kein ausgewiesener Musicalexperte bin – ein Genre, das einen ganz speziellen Zugriff erfordert. Ich glaube, das können andere besser als ich.

Nachdem das Theater Augsburg zuletzt Publikumsmagneten wie »Blues Brothers« oder »Rocky Horror Show« am Roten Tor präsentierte, setzen Sie auf die Eigenproduktion »Herz aus Gold«. Wenn Neustart, dann richtig?

Wie sagt man so schön: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Wenn man Duftmarken setzen möchte, muss man das in seiner ersten Spielzeit tun. Dass wir ein Musical in Auftrag gegeben haben, das spezifisch ein Augsburger Thema behandelt, hat durchaus etwas Programmatisches.

Die kurze Saison auf der Freilichtbühne bringt aber auch wirtschaftliche Erwartungen mit sich.

Die Produktionen auf der Freilichtbühne generieren bis zu 20 Prozent unseres Jahresumsatzes. Aus diesem Grund spielen wir auch weiterhin ein Programm, das sich an ein möglichst breites Publikum richtet.

Ist »Herz aus Gold« als große Unbekannte dann nicht ein gewagtes Experiment?

Nur auf den ersten Blick. »Herz aus Gold« ist ein spektakuläres Musical mit tollen Melodien für ein großes Orchester. Es bringt alles mit, was man sich an moderner Musiktheater-Unterhaltung wünschen kann. Mit Chris Murray und Roberta Valentini konnten wir zwei absolute Wunschkandidaten für die Hauptrollen verpflichten. Beide gehören zu den großen Stars der Musicalszene. Sie sind nicht nur stimmlich fabelhaft, sondern auch charismatische Darsteller, die die Bühne füllen können. Bislang zeigt sich: Das Interesse ist groß, der Vorverkauf läuft gut, durchaus vergleichbar mit den vergangenen Saisons.

Wie kam es zur Idee eines Fuggermusicals?

Überall, wo ich tätig war, habe ich mich intensiv mit der Stadtgeschichte auseinandergesetzt. Augsburg verfügt über ein reiches kulturelles Erbe, das geradezu dafür prädestiniert ist, sich mit Theaterprojekten anzudocken. Die Musicals auf der Freilichtbühne sind beim Publikum sehr beliebt. Viele Klassiker wurden jedoch schon gespielt. Mit dieser Auswahl alle zehn Jahre von vorn zu beginnen, das ist mir zu langweilig. So zählt man dann relativ schnell eins und eins zusammen. Jakob Fugger ist ein Thema, das sinnlich sehr viel hergibt – allein schon aufgrund der Zeit, in der er gelebt hat. Mit Komponist Stephan Kanyar und Texter Andreas Hillger habe ich bereits 2014 in Dessau ein großes historisches Musical zur Uraufführung gebracht: »Casanova«. Da war der Schritt zu einer erneuten Zusammenarbeit kurz.

Vom Menschen Jakob Fugger, von seiner Persönlichkeit weiß man wenig. Wo knüpft »Herz aus Gold« an?

Musicals leben von ganz bestimmten Komponenten: Es braucht die große Liebesgeschichte, es braucht Konflikte, es braucht eine Handlung, die einen emotional packt. Gemeinsam haben wir eine Story entwickelt, die sich – wie Andreas Hillger sagt – »an den Rändern der Realität« bewegt. Sie folgt dem Prinzip »So hätte es sein können«. Wir begleiten Jakob Fugger durch sein ganzes Leben. Nach seinem Aufenthalt in Venedig kommt er nach Augsburg zurück. Die neue Zeit, die er in Italien kennengelernt hat, ist hier noch nicht angebrochen. All die ökonomischen und politischen Aspekte, die Fugger geprägt haben, werden eine Rolle spielen, aber eben auch die Suche nach dem persönlichen Glück. Im Zentrum steht die Beziehung zu Sibylla, die wir mit einigen Wendungen und Wirrungen erleben werden.

Begriffe wie Macht, Reichtum und Einfluss bestimmen die Darstellung Jakob Fuggers. Postkoloniale Initiativen kritisieren eine einseitige Geschichtsschreibung, die Rolle der Fugger in den Zeiten des Kolonialismus werde beschönigt.

In der Biografie Jakob Fuggers, in seiner wirtschaftlichen und politischen Macht, liegen diese Aspekte natürlich mit drin. Dass dementsprechend recherchiert und diskutiert wird, finde ich richtig. Ich glaube jedoch nicht, dass ein Open-Air-Sommermusical der richtige Ort wäre, um das im Detail zu diskutieren. Eine reine Jubelfeier werden wir dem Publikum aber nicht präsentieren. Im Musical ist die Person Jakob Fugger durchaus fragil. »Herz aus Gold« versucht seine Biografie mit all ihren Brüchen nachzuzeichnen.

Wie lief die Zusammenarbeit mit der Familie Fugger?

Wir haben früh den Kontakt gesucht. Der Fuggerschen Stiftung war es wichtig, dass die historischen Ebenen stimmen, ansonsten wurde der Kunst freie Hand gelassen. Das lief alles sehr konstruktiv. Auch vonseiten der Familie ist eine deutliche Vorfreude zu spüren.

Sehen Sie die Entwicklung neuer Werke – neben der Pflege des klassischen Repertoires – als Kernaufgabe der Institution Stadttheater?

Absolut. Eine lebendige Theaterkunst zu gestalten, die sich nicht nur nach der Quote richtet, die neue Perspektiven beleuchtet und Experimente wagt, ist eine elementare Aufgabe. Das ist im Übrigen auch ein Aspekt, wofür die Institution Stadttheater finanziert wird.

Schlägt »Herz aus Gold« ein, wäre das Musical als augsburgspezifisches Stück geradezu prädestiniert für eine Fortsetzung.

Ich bin durchaus risikofreudig, allerdings werden wir jetzt nicht eine weitere Freilichtbühnensaison nur »Herz aus Gold« zeigen, ohne die Resonanz des Publikums zu kennen. Das erscheint mir dann doch zu wagemutig. Trotzdem wäre es toll, eine Institution zu schaffen. Mein Traum ist es, auch in den kommenden Jahren einige Vorstellungen des Fuggermusicals auf die Bühne zu bringen.


Am 30. Juni feiert »Herz aus Gold« Weltpremiere auf der Freilichtbühne am Roten Tor. Weitere 20 Vorstellungen folgen zwischen dem 3. und 28. Juli. Alle Infos, Songpreviews und den Kartenvorverkauf zum Fuggermusical gibt es unter:
www.theater-augsburg.de/herz_aus_gold

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