Gärten der Vergangenheit

20. April 2017 - 19:11 | Iacov Grinberg

»Wie einst Augsburg blühte«: Das Grafische Kabinett zeigt »barocke Gartenfreuden«

Seit dem Mittelalter gab es viele Gärten in Augsburg, in der ersten Linie Nutzgärten. Wenn eine Stadt reich war, bedeutete das nicht, dass die meisten Handwerker, die diese Stadt besiedelten, genug Geld und Zeit hatten, um jeden Tag auf einem Markt Gemüse zu kaufen. Supermärkte und öffentlicher Nahverkehr existierte damals nicht, Märkte fanden nicht jeden Tag statt und viele Wohnungen in den alten Augsburger Stadtgrenzen waren von diesen weit entfernt. Nutzgärten waren kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Wir kennen das damalige Leben aus Bildern und Zeichnungen, Künstler haben aber das profane Leben kaum abgebildet: Sie sollten nur das Schöne und Heilige abbilden. Die Existenz von Nutzgärten ist nur auf Stadtplänen dokumentiert.

Dort ist auch die Existenz von anderen Anlagen – Kloster- und Stiftgärten, Baumgärten und Ziergärten dokumentiert. Kloster- und Stiftgärten waren ein natürlicher Bestandteil von Klöstern und Stiften. Einerseits forderten die Statuten, dass die Mönche und Stiftbrüder arbeiten sollten, anderseits brauchten diese Einrichtungen sowohl Gemüse, als auch Heilpflanzen, die sie selbst anbauen sollten. Da sich diese Gärten in den Innenhöfen der Klöster und Stifte befanden, wurden sie zusammen mit diesen abgebildet.

Sehr oft wurden Gärten von Patriziern, Adeligen und wohlhabenden Kaufleute gezeigt. Sie dienten ganz anderen Zwecken. Ein Teil eines solchen Gartens kann als Nutzgarten dienen, Hauptziel war aber ein Platz, wo man Kinder sicher spielen lassen, sich selbst erholen oder protzen konnte. Straßen waren hierfür nicht geeignet, sie waren schmutzig und voll mit Gefahren (die Kriminalität in Städten war hoch). Diese Gärten wurden nach französischer Mode organisiert, dort wurden viele, oft exotische Blumen angebaut. Tulpen, zum Beispiel, waren in Augsburg schon im 16. Jahrhundert dokumentiert, fast ein Jahrhundert vor der ersten großer Börsenblase niederländischer Tulpenmanie. Auf den Aquarellen des Goldschmieds Caspar Preiß, die er in den 1640er-Jahren für sich als Vorlagen für seine Goldschmuckstücke machte, sind mehr als 50 verschiedenen Blumen abgebildet. Viele davon waren Duftblumen. Das hatte den Zweck, den städtischen Gestank aus dem Garten, dem Erholungsort, zu vertreiben.

Grundstücke in den Stadtgrenzen waren teuer, viele Gärten von Kaufleuten befanden sich außerhalb, was auf einer Vogelschauansicht aus dem Jahr 1521 sichtbar ist. Aus diesem Grund sind bis heute nur einzelne der damaligen Gärten geblieben, meist verkleinert. Die reichen Familien verarmten, die Erben hatten schon kein Interesse an altmodischen Gärten – die frühere Fläche ist meist bebaut.

Bei denjenigen, die sich keinen eigenen Garten leisten konnten, und bei Kindern, war damals ein Spiel verbreitet. Es wurden kolorierte Blätter gedruckt, aus welchen man Kupferstiche ausschneiden und diese in einen Guckkasten montieren konnte. Das vermittelte die Illusion eines räumlich gestaffelten Bildes. Auf diesen Blättern wurden auch zahlreiche Personen gedruckt, was viele Möglichkeiten zum Spielen gab. Diese Guckkästen waren relativ klein, später entstand daraus das Figurentheater, das man heute unter anderem in Mering beim Opernhaus Multum in Parvo anschauen kann.

Die materiellen Zeugnisse dieser Geschichte können Sie in der Ausstellung »Wie einst Augsburg blühte: Barocke Gartenfreuden in Augsburg« im Grafischen Kabinett bewundern. Die von Dr. Christoph Nichts mit Liebe und Sorgfalt zusammengestellte Schau ist noch bis zum 9. Juli zu sehen. Der Eintritt ist frei.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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