Gastarbeiter

26. Juli 2018 - 9:24 | Jürgen Kannler

Das internationale Kulturaustauschprojekt »Welcome in der Friedensstadt« geht mit Miha Štrukelj aus Ljubljana in die vierte Runde. Ein Künstlerporträt von Jürgen Kannler

Die Kuration beim AiR-18-Projekt übernahm Karl B. Murr, der Leiter des Staatlichen Textil- und Industriemuseums tim. Im Foyer des Hauses ist seit dem 24. Juli die raumgreifende Arbeit »Utopie/Dystopie« Štrukeljs zu sehen.


Miha Štrukeljs Arbeitsplatz liegt auf einem verwunschenen Berg. Das von den Menschen hier immer nur Schweizer Haus genannte Anwesen gehört zu den besten Adressen, die ein slowenischer Künstler angeben kann, wenn die Sprache auf sein Atelier kommt. In seiner Architektur trifft sich robuster, alpiner Kitsch mit dem großbürgerlichen Gehabe, das nie wieder so seltsame Blüten treiben sollte wie in den Jahren vor dem großen Schlachten ab 1914. Damals, als Ljubljana noch Laibach hieß und seine Bewohner in der K.-u.-K.-Monarchie ein behütetes, meist ruhiges, wenn auch fremdbestimmtes Leben führen konnten.

In den letzten Jahren wurde das Haus gewissenhaft saniert. Im Februar dieses Jahres konnten die Künstler*innen einziehen und das Gebäude wieder beleben. Štrukeljs Arbeitsplatz in der obersten Etage ist ein großer, lichter Raum. Riesige, auf den Bedarf von Kreativen abgestimmte  Einbauschränke bieten ein dezentes Ordnungssystem. Die handwerkliche Qualität, mit der hier gearbeitet wurde, ist beeindruckend. Das sorgfältige Design auch im Detail verrät einiges über den Respekt, den die Verantwortlichen dieser kommunalen Einrichtung den Künstler*innen entgegenbringen.  

Hinter dem Rücken des Schweizer Hauses liegt, eher bedrohlich und düster als schützend, der Stadtwald. Unterhalb der weitläufigen Terrasse, die den Hauptzugang des Baus flankiert, geht der Blick hinab durch den Tivolipark, weit über die Altstadt bis hin zum Burgberg. Das Panorama zeigt die Alpen an den Rändern des Ljubljaner Beckens im Norden und Westen der Stadt. In nächster Nachbarschaft deren große Sportarenen. Dazwischen die Spiel- und Trainigsplätze der Kleinen und der Großen. Die Slowenen sind natürlich sportverrückt. Wie könnte es auch anders sein, wenn die nächste weltcuptaugliche Skipiste in weniger als einer Stunde Fahrzeit zu erreichen ist, man ebenso schnell zu den Strandbädern der Adria im Süden gelangt und dazwischen die waldreichste Region Europas liegt. Auf den Wegen im Tivolipark wachen Bronzefiguren, gefertigt von Künstler*innen, die Generationen vor Miha Štrukelj im Atelierhaus ans Werk gingen. Naturalismus, Jugendstil, Sachlichkeit, dann und wann mit einem Schlag in den sozialistischen Realismus, so begegnen uns diese Herolde ihrer Zeit. Meist von hoher Qualität in Anmutung und Ausführung, erzählen sie als Ganzes eben nicht nur von der kunstgeschichtlichen Entwicklung des Landes. Fußläufig, und in Ljubljana ist so einiges zu Fuß zu erreichen, reiht sich auf Mihas Weg zur Arbeit ein bedeutender slowenischer Kulturort an den anderen. In nächster Nähe das International Center of Graphic Arts, das älteste seiner Art in Europa, wie es heißt. In schneller Folge dann das Museum of Modern Art, die Nationalgalerie, die Oper und die Musikhochschule. Die Altstadt, ebenfalls eine hochpreisige Liebenswürdigkeit aus Jugendstil, Barock, Klassizismus und Moderne, flankiert von den Scheußlichkeiten bemühter Geschäftemachereien.

Doch wie so oft, wenn trubeliger Tourismus auf gute oder gar beachtliche Substanz losgelassen wird, obsiegt auch hier zuerst einmal die Qualität des Gesamteindrucks. Man wird sehen, wie lange sich die Altstadt ihr bestimmtes Flair bewahren wird. Vielleicht so lange noch, wie echte Bewohner die Häuser, Gassen und Plätze an den Ufern der Ljubljanica beleben und nicht nur Touristen.

Dass sich der Fluss so charmant durch die Stadt schlängelt, hat man dem Architekten Jože Plečnik zu verdanken. Wie so viele gescheite Köpfe seiner Zeit wusste er die praktischen Vorzüge des Kaiserreichs wie Gewerbe- und Reisefreiheit zu nutzen und errichtete seine oft alltagstauglichen Jugendstilperlen in Prag ebenso selbstverständlich wie in Wien oder eben hier, in seiner Heimatstadt. Miha Štrukelj verehrt die Arbeit dieses Mannes ebenso wie das Werk des interdisziplinären  Künstlerkollektivs Neue Slowenische Kunst (NSW). Vor allem dessen musikalische Sektion ist unter dem Name Laibach international immer noch erfolgreich, auch wenn es bezüglich der Bezeichnung immer wieder zu Missverständnissen kam. 1980 gegründet, war der Name vor allem eine bewusst eingesetzte Provokation und damit ein Protest gegen die Machtverhältnisse in Jugoslawien. Ein Faktum, das geistig zart Besaitete oft verkannten, die die slowenischen Avantgardisten am liebsten in ein Schundregal mit ihren Dummen Onkelz und diversen andern Freiwildunfällen packen wollten. Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der NSW waren ihre ersten Ausstellungsprojekte in der Galerie Škuc, dem immer noch wichtigsten Kulturort für Jetztkunst nicht nur in der Altstadt Ljubljanas. Das Škuc liegt natürlich auch in unmittelbarer Nähe zu Miha Štrukeljs Wohnung und präsentierte in den vergangenen Jahren immer wieder Arbeiten des Künstlers.

»Ich wurde 1973 in eine ganz normale slowenische Familie hineingeboren. Der Vater Techniker, die Mutter Lehrerin, eine Schwester. Mit Kunst hatte die Familie nichts am Hut.«

Mit dem Gedanken, Künstler werden zu können, spielte Miha zum ersten Mal als 16-jähriger Schüler. Dazu sollte man wissen, dass im sozialistischen Schulsystem Jugoslawiens, gerade in Städten wie Ljubljana, Zagreb, Sarajevo oder Belgrad, zuweilen mehr Wert auf eine breite, individuelle Förderung der Kinder gelegt werden konnte, als es beispielsweise in bayerischen Schulen an der Tagesordnung ist. Miha Štrukelj erprobte sich damals als Schwimmer, Judoka und Schifahrer ebenso selbstverständlich wie im Zeichnen, Modellieren und Malen. Etwa zeitgleich mit seinem Übertritt an die Kunsthochschule begann sich die Jugoslawienkrise zu einem handfesten Krieg zu entwickeln, mit allen daraus erwachsenen bekannten Verbrechen und den zahllosen verschwiegenen.

Die Unabhängigkeit Sloweniens nach dem 10-Tage-Krieg im Sommer 1991 erlebte Miha Štrukelj als junger Student. Sie ließ ihn wie viele Gleichaltrige im ehemaligen Jugoslawien zuerst einmal sprachlos zurück. Doch er fand seine Sprache wieder und die Ausdrucksformen, die ihm als Künstler zur Verfügung standen, waren seine Worte.

Die frühesten Arbeiten, denen er einen Platz in seiner künstlerischen Biografie einräumt, sind Bilder, die auf den ersten Blick wie punktuelle Vergrößerungen historischer Videogames anmuten. Grobe Pixelstrecken, die nicht von ungefähr an die Camouflage militärischer Ausrüstungsgegenstände erinnern. Aus dieser Position heraus entdeckte er zunehmend den Wert gegenständlicher werdender Motive für sein Werk. Die Vorlagen für diese Arbeiten fand er auf den Nachrichtenseiten ebenso wie in den Ergebnissen eigener Fotostrecken. Schließlich entwickelte er eine komplexe Strategie, diese Grundmotive auf den oft großformatigen Arbeiten über exakt angelegte Koordinatensysteme zu inszenieren. Er experimentierte mit diversen Bildebenen im Rahmen dieser Quadrate. Im Ergebnis bestehen unterschiedliche Ebenen in direkter Nachbarschaft und schaffen so Spannung. Im Ganzen betrachtet, existiert so neben dem erkennbaren Basismotiv eine Reihe von Grundmotiven, die als Ganzes wiederum auf die frühen Camouflagemuster des Künstlers verweisen.

»Irgendwann habe ich die Diskrepanz zwischen den offiziellen Nachrichten aus dem umkämpften Sarajevo und der echten Situation vor Ort realisiert. Zuerst durch die Geschichten der geflohenen Bosnier, die auch bei uns gestrandet waren. Irgendwann musste ich mir selbst ein Bild von all dem machen und reiste in das Kriegsgebiet. Das war damals ohne Weiteres möglich. Jeder hätte nach Sarajevo fahren können. Es gab keine Grenze, an der man stoppen musste, weil auf der anderen Seite des Schlagbaums die Kriegszone begann. Der Krieg war überall. Nicht unbedingt die Kämpfe, aber der Krieg. Vielleicht ist das ja noch immer so. Die verschiedenen Ebenen auf meinen Bildern kann man als die Manipulationsversuche bei diesen Geschichten lesen. Heute würde man vielleicht sagen, diese Arbeiten zeigen die Konstruktion von Fake News.«

Miha Štrukelj gehörte zu den international wirkenden Künstlern seines Landes, als ihm angeboten wurde, 2009 den slowenischen Pavillon der Biennale in Venedig zu gestalten. Die Möglichkeiten, raumübergreifende Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, faszinieren ihn noch immer. Er arbeitet dabei mit unterschiedlichsten Techniken. Grobe Wandmalerei, filigrane Zeichnungen und  dreidimensionale Objekte werden integriert. Er experimentiert mit surrealen Techniken und immer wieder finden geometrische Formen, die naturwissenschaftlich weniger vorbelastete Betrachter an die Visualisierung physikalischer Versuchsanordnungen erinnern könnten, Einzug in seine Arbeit. Wie bei seinen zweidimensionalen Arbeiten beschäftigt ihn auch bei der Arbeit an den Installationen die Frage nach Schein und Wirklichkeit. Er untersucht offensichtliche, vermutete und die ungeahnten Zusammenhänge der Dinge. Seine Arbeitsergebnisse haben im besten Fall einen poetischen Mehrwert. Seine Lust am Spiel und sein hintergründiger Humor sind tragende Säulen seiner Entwürfe und Umsetzungen.

Miha lebt mit seiner Familie mit der gleichen Lust und dem gleichen Selbstverständnis in Ljubljana wie an den zahlreichen anderen Orten weltweit, die der Künstler bereits bereisen konnte, um dort zu arbeiten. Mit seiner Frau traf er vor Jahren die Vereinbarung, gemeinsam so viel von der Welt erfahren und sehen zu wollen wie nur irgendwie möglich. Die nun schulpflichtige Tochter bremste diese Leidenschaft vorerst ein wenig. In den letzten vier Jahren arbeitete er unter anderem in Straßburg, Taipeh, Los Angeles, Murcia, Lissabon, Wien und New York.

Seit Anfang Juli ist Miha Štrukelj Artist in Residence 2018 für das Projekt »Welcome in der Friedensstadt« der Initiative Hoher Weg. Kuratiert wird seine Arbeit von Karl Borromäus Murr, dem Leiter des Staatlichen Textil- und Industriemuseums tim in Augsburg. Für dessen Haus entwickelt Miha auch die raumfüllende Installation »Utopie/Dystopie«, die dort im Rahmen des Hohen Friedensfestes vom 24. Juli bis zum 12. September zu sehen ist.

www.welcome-in-der-friedensstadt.de
www.timbayern.de
www.miha-strukelj.com        

Foto: Frauke Wichmann

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