Gaswerk exploded oder Wer hat den Hut auf?

24. November 2014 - 16:16 | Jürgen Kannler

Die »Zukunftswerkstatt Gaswerk« schloss mit einer beachtlichen Veranstaltung.

Die Frage heißt nun, wie es in Oberhausen weiter geht: Entwicklung oder Stagnation? Mitte November ging mit einem vierstündigen Diskussionsmarathon im Rathaus ein Workshop-Prozess zu Ende, in dem die Möglichkeiten ausgelotet werden sollten, die hiesige Künstler und Kreativdienstleister, Architekten und Eventmanager, Denkmalschützer und Wissenschaftler, aber auch Nachbarn und Anwohner mit dem seit Jahrzehnten brachliegenden Gaswerkareal in Augsburg-Oberhausen verbinden. Bastian Lange, Chef der Berliner Agentur Multiplicities, konzipierte den Prozess und moderierte ihn federführend. In dieser Funktion erwarb sich der Stadt- und Wirtschaftsgeograf auch in Augsburg Respekt. Insbesondere sein Konzept der Abschlussdiskussion ohne Moderator, Podium und verantwortliche Ansprechpartner stieß bei den gut 100 Teilnehmern auf Sympathie und sorgte dafür, dass die Runde nach getaner Arbeit in gelöster Stimmung das Rathaus verließ. Es hätte auch anders kommen können.

Schleppende Kommunikationspolitik

Denn um die Stimmung steht es in Augsburg, was das Thema Zukunft des Gaswerks betrifft, nicht zum Besten. Ein Hauptkonfliktpunk ist, das wurde auch von zahlreichen Workshop-Teilnehmern massiv kritisiert, dass es gegenwärtig nicht klar ist, wer wirklich kompetenter Ansprechpartner zum Thema ist. Haben nun die Stadtwerke den Hut auf oder die Vereinigung der »Gaswerkreferate« Kultur, Wirtschaft, Bau? Die Stadtwerke, immerhin Besitzer der Immobilie, Impulsgeber der Idee einer kulturellen Nutzung des Areals und nebenbei auch Empfänger von Bastian Langes Honorarrechnungen, sind seit geraumer Zeit nahezu abgetaucht, wenn es um ihr Areal geht. Der letzte offizielle SWA-Termin zum Thema war im Sommer und behandelte die Fortschritte bei der Bodensanierung auf dem Gelände. Auf Nachfrage beklagten auch leitende Angestellte des Unternehmens die schleppende Kommunikationspolitik der Workshop-Organisatoren und benannten damit einen zweiten Konfliktherd.

Stefan Schleifer sollte als Popbüroleiter anfänglich den Prozess moderieren. Im Februar brachte er Bastian Lange ins Spiel und wechselte nach der Kommunalwahl als Stratege vom Kulturamt ins Kulturreferat. Dort war er für die Vorbereitung und Organisation der Workshops verantwortlich und vergaloppierte sich beim Einladungsprozedere zu selbigen. So wurde die Zusammensetzung der einzelnen Gästelisten als geheime Mission behandelt und die Workshops anfänglich zum geschlossenen Prozess erklärt. Zwar ruderten die Verantwortlichen kurz vor knapp zurück und erklärten, dass wohl jeder Interessierte einen Platz im Workshop seiner Wahl finden würde. Diese Wende kam jedoch zu spät. Wichtige Vertreter der Kultur- und Kreativwirtschaft waren nicht präsent. Entweder konnten sie nicht zur Kooperation animiert werden oder es wurde schlichtweg vergessen, sie einzuladen. Außen vor blieben auch weite Teile der Bürger, die in Nachbarschaft zum Gaswerk leben. Wer sich mit dem Workshop-Prozess ernsthaft auseinandersetzen wollte, hatte es schwer, Zugang zu brauchbaren Informationen zu erhalten. Dies ist befremdlich und wenig bürgernah. Auch warum der Prozess eher als Start einer Entwicklung dargestellt wird und nicht als das, was er ist, nämlich eine wichtige Etappe in einer längst laufenden Entwicklung, bleibt unklar. Selbst auf dem städtischen Link zum Thema fehlt bis heute jeder Hinweis auf die im Februar vorgestellte Machbarkeitsstudie, die Arbeiten des renommierten Stadtplaners Karl Ganser zum Gaswerk oder auch die ersten Diskussionsbeiträge des neuen und alten Baureferenten zum Thema.

Wir erinnern uns: Vor rund zwei Jahren überraschte CSU-Mann Gerd Merkle mit dem Vorschlag, die Dependance des Kulturparks West vom Gelände der alten Reese-Kaserne auf das Gaswerkareal zu verlagern. Hintergrund waren undurchsichtige Immobiliengeschäfte der Stadt, denen die 1.500 Künstler, das Theater und die beiden Clubs im Kulturpark West wohl im Weg waren. Der Mietvertrag des Kulturprojekts läuft 2017 aus. Druck wurde aufgebaut. Zudem weckte der mögliche Umzug eine ganze Reihe von Begehrlichkeiten. Ursache dafür könnte sein, dass sich mit dem riesigen Gaswerkareal vielleicht noch bessere Geschäfte machen lassen als mit den Restflächen auf der alten Kaserne. Auch vor diesem Hintergrund warnen Vordenker wie Hans Ruile vor einer schleichenden Neoliberalisierung Augsburgs. Der positive Aspekt des Gezerres: Einer Verlängerung des Mietverhältnisses für KPW-Künstler über 2017 hinaus scheint vorerst nichts im Weg zu stehen. Ob diese Option auch für die Betreiber-gGmbH gilt, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Ob das Gaswerkareal jemals eine breite Nutzung durch Künstler- und Kreativdienstleister erfahren wird, bleibt offen. Realistisch ist jedoch, dass in absehbarer Zeit einer oder mehrere Gastonomen Brückenköpfe in Form von Clubs, Bars und Biergärten vor Ort errichten und Außenflächen für Sportler ausgewiesen werden. Dafür werden gerade die Weichen gestellt und die relevanten Zielgruppen stehen angesichts der zu erwartenden Gewinne Gewehr bei Fuß. Wer jetzt gute Kontakte hat, kann sich freuen, und wer diese Kontakte gar zu lenken versteht, hat fast schon einen Pachtvertrag. Sicherlich werden irgendwann auch einige Räume für Ateliers, Übungsräume, Studios und Büros zur Verfügung stehen. Außerdem sollte die Rechnung nicht ohne das Stadttheater gemacht werden. Das Haus am Kennedyplatz wird nach der Spielzeit 2015/16 für Jahre wegen Umbau geschlossen bleiben. Warum sollten die riesigen Hallen in Oberhausen keine Option für eine Interimsspielstätte sein? Und damit landen wir endlich beim Geld.

Die Gaswerkrechnung sollte nicht ohne das Stadttheater gemacht werden

Stadtdirektor Hermann Weber sprach bei der »Zukunftswerkstatt Gaswerk« quasi das Schlusswort. Verkürzt kann man es wie folgt zusammenfassen. Es war ein spannendes Projekt, ein »geiles« Projekt. Die beteiligten Bürger, Künstler- und Kreativdienstleister haben gut mitgearbeitet und jede Menge wertvoller Ideen, Argumente und Visionen eingebracht. Sie haben sich gewundert und gefreut, dass sie gehört werden. Der Stadt steht das gut zu Gesicht, sie hat zurzeit aber keine Möglichkeiten, diese Visionen zu finanzieren. Wie man hört, läuft die Mittelakquise in München, Berlin und Brüssel schleppend. Das Projekt arbeitet ohne wirkliche Unterstützung durch die Region, und ohnehin kann sich Augsburg sowieso nur ein Kulturprojekt von echter Größe leisten, wie aus dem OB-Referat zu hören ist. Die Option heißt demnach Stadttheater oder Gaswerk.

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