Politik & Gesellschaft

Das Gaswerk-Puzzle

Gast
8. Januar 2016

Die Stadtregierung überrascht in der Vorweihnachtszeit mit Selbstgebasteltem, kostspielig in Geschenkpapier gewickelt von der armen Tochter SWA. Der Dringlichkeitsantrag zum Gaswerkprojekt im Kultur- und die weitergehende Beschlussvorlage im Bauausschuss mit den Auswirkungen zur Diskussion um die Theatersanierung und zum geplanten Umzug des Kulturparks West sowie der Beschluss im Gesamtstadtrat dazu am 17.12. wirken aktionistisch, sind aber wohl gesetzte Bausteine der Stadtregierung und der sie tragenden Fraktionen. Es wird immer offensichtlicher, dass man bei dieser Form der kulturellen und stadtentwicklerischen Zukunftsplanung auf die sedierende und zermürbende Wirkung scheibchenweise verabreichter »Tatsachenentscheidungen« mit Bastaqualität auf die Vergesslichkeit und die Schicksalsergebenheit mancher Stadträte, vieler Bürger_innen und kultureller Akteure_innen setzt. Deshalb zunächst als »Aufwacherle« ein paar Zeilen zur Geschichte der Option »Kreativquartier Gaswerk«.

Wie alles anfing

Vor nunmehr über drei Jahren, im Frühjahr 2012, wurde die Industriebrache Gaswerk – auch gerne gehandelt als »industriekulturelles Denkmal von europäischer Dimension« – nach mannigfachen Versuchen zur Verwertung (siehe u.a. die Bemühungen von Prof. Ganser) als Option für die dauerhafte Einrichtung eines Kreativquartiers mit dem »Herzstück« Kulturpark West vom Aufsichtsrat der WBG und dem Baureferat ins Spiel gebracht. Nicht zuletzt, um ab Herbst 2017 eine schnelle Verwertbarkeit des Reeseareals für hochwertigen Wohnbau sicherzustellen und gleichzeitig das über zehnjährige Trauerspiel um den Verkauf der Gaswerkflächen zu beenden. Unter Mühen und mit großem Einsatz von Stadtplanern und Denkmalschützern konnten die Stadtwerke als Eigner des Geländes vom Charme einer kulturellen Umnutzung des Altbestands überzeugt werden. Der damalige Stadtwerkevorstand wurde in seinen letzten beiden Amtsjahren sogar zum überzeugten Verfechter einer Kulturpark-Perspektive auf dem Gaswerkgelände. Eine Machbarkeitsstudie mit Skizzierung eines Raumprogramms wurde für viel Geld (ca. 220.000 Euro) und unter massivem Zeitdruck 2013 bei einem hochkarätigen Architekten- und Stadtentwicklungskonsortium unter Mitarbeit der gemeinnützigen Kulturpark West GmbH in Auftrag gegeben, im Dezember 2013 abgeschlossen und schließlich im Januar 2014 präsentiert: Knapp 10.000 qm Kreativfläche wurden mit innovativen Ideen und unter freudiger Zustimmung des Denkmalschutzes in den Gebäudealtbestand eingeplant, eine sukzessive Nachverdichtung mit Gewerbe- und Büroflächen raumplanerisch vorgeschlagen (Turmbauten), ein erster Finanzierungsrahmen von ca. 25 Mio. Euro veranschlagt und eine möglichst rasche Bauleitplanung vorgeschlagen – vorauseilender und erwünschter »Wildwuchs« zur Inbesitznahme der Brache durch Kulturpiraten inklusive. Vorsichtiger Optimismus war also angebracht.

Durchregieren mit Partizipationshäppchen

Zu diesem Zeitpunkt – Ende Januar 2014 – übernahm die Stadtregierung unter OB Gribl die Deutungshoheit für das Gaswerkprojekt und kündigte eine »Zukunftswerkstatt« an, um das Projekt »breiter« aufzustellen. Die Stadtwerke traten in den Hintergrund und die Machbarkeitsstudie verschwand in der Schublade. Der Vorwahlkampf zur Kommunalwahl war entbrannt, erst zwei Monate nach der Wahl wurde das Thema wieder aufgegriffen, die angekündigte Zukunftswerkstatt immer wieder vertagt, bis sie dann im Spätherbst 2014 endlich stattfand – als partizipatives Brainstorming von ca. 170 kulturaffinen Akteuren_innen mit einem »Wunschkonzert« von Kreativeinfällen, bei dem die ursprüngliche Idee eines »Kulturparks West als Herzstück« nur noch als Fragment vorkam. Dann vergingen wieder vier Monate bis zur öffentlichen Präsentation der Ergebnisse dieser Zukunftswerkstatt im Stadtrat im April 2015, die mit dem Hinweis schloss, dass nun eine nicht öffentliche »Planerwerkstatt« unter Federführung des Stadtplanungsamtes die Ideen des Beteiligungsprozesses »Zukunftswerkstatt«, der Planungen der Machbarkeitsstudie und möglicher Optionen europäischer Förderstrukturen (EFRE) bis zum Spätsommer 2015 zu einer Beschlussvorlage entwickeln würde. Kreativer Wildwuchs als Vorwegnahme innovativer Quartiersentwicklung – Fehlanzeige! Stirnrunzeln und verhaltene Skepsis bei diesem »Spiel auf Zeit«.

Augen zu und durch

Ende Dezember 2015 sind nun über zwölf Monate seit dem inhaltlichen Diskurs in der Zukunftswerkstatt vergangen, mit den Teilnehmern_innen von damals und den aktuell Betroffenen aus dem Kulturpark wurde mehr schlecht als recht kommuniziert. Sie alle erfahren jetzt aus der Zeitung den neuesten Plan zum Kreativquartier Gaswerk, der gravierende Planungsänderungen enthält, von der Not der Theatersanierung gezeichnet ist und nur sehr entfernt an den Diskurs aus 2013/14 erinnert: Ein großer Teil des nutzbaren Altbestands – das als Atelier- oder Probenraumzentrum geplante Ofenhaus – wird für die Interimsspielstätte des Theaters (2017–2024) umgebaut, die Brechtbühne beim Stadttheater abgerissen und dort eingebaut, ein angehängter Zubau (5.000 qm für Probebühnen, Werkstätten, Büros etc.) auf der Fläche dahinter erstellt, womit ein wesentlicher Teil der »Ersatzfläche Kulturpark« für dessen Entwicklung unbrauchbar wird. Der Verweis darauf, dass diese »Theaterbauten« nach 2024 für die Kreativen weiter genutzt werden können, wirkt angesichts der veranschlagten Kosten von ca. 17 Mio. Euro für diese Theaterzwischennutzung und eines genannten Zeitfensters von sieben bis acht Jahren blauäugig und in finanzieller Hinsicht desaströs. Bei einem solchen Investitionsvolumen wäre es geradezu fahrlässig, das Theater dort wieder »herauszubauen« – es müsste dort bleiben und auf Dauer als Magnet für das neue Quartier dienen!

Atelier- und Probenräume für Künstler_innen tauchen in einer gewollten »Gemengelage« mit Gewerbeeinmietungen und kreativwirtschaftlicher Nutzung auf der Parkplatzfläche vor den Tanksilos in Systembauweise als einstöckige, wallförmig angelegte Leichtbauten gegenüber dem Deuterpark auf, mal 30 m länger oder kürzer. Das ergibt ein maximales Raumprogramm für die Kunst im Umfang von vielleicht 1.500 qm, entspricht einem von drei Gebäuden im jetzigen Kulturpark. Die Probenräume für Bands sind nicht explizit ausgewiesen, sie sollen wohl in amputierter Form (maximal 45 bis 50 Räume) auf zwei geplanten Etagen im Scheibengasbehälter entstehen. Platz für Workshopräume, Tanzräume, Theaterprobenräume, Projekträume wie im jetzigen Kulturpark sind nicht ausgewiesen. Das »Reinigerhaus« bleibt wegen der schwierigen kleinteiligen Umnutzung aufgrund statischer Probleme außen vor und wird als Location für einen »Klub« gehandelt. Der Werkstatttrakt hinter dem Ofenhaus bietet schon in der Machbarkeitsstudie nicht mehr als 10 bis 15 Künstlern Platz. Außerdem muss die Vermietung der Zubauten den Stadtwerken als Eigner und Träger auch eine merkbare Refinanzierung bringen – Mieteinnahmen sind ausdrücklich als fester Bestandteil der Entwicklungsmaßnahmen neben Bankkrediten und Grundstücksverkäufen eingeplant.

Planen und Bauen als Bricolage

Gleichzeitig fällt auf, dass die Stadtwerke als Entwickler und damit Finanzier wieder ganz vorn dran stehen, offensichtlich per Aufsichtsratsbeschluss zum finanziellen und organisatorischen Kraftakt verpflichtet. Die Trägerschaft soll eine von der SWA-Holding zu gründende GmbH & Co. KG übernehmen. Die Stadt will dann nur anmieten, das Theater zahlt für seine Interimsräume auch eine »angemessene« Miete. Die zur Entwicklung eingeplanten und viel beschworenen EFRE-Millionen aus EU-Mitteln sind offensichtlich sang- und klanglos verschwunden, Denk¬mal¬schutzmittel können bei der vorgestellten Lösung nur begrenzt zum Zuge kommen (für umgenutzte Altbauten), die Neu- und Zubauten sowie das notwendige Parkhaus (ca. 4 Mio. Euro) als »Brandmauer« zum Ofenhaus hin kosten zusätzliches Geld. Man erwartet den Einstieg von privaten Investoren als Kommandisten der neuen GmbH & Co. KG (Sailer-Guppe? Deuter?). Gleichzeitig steht nun ein strammer Zeitplan. Das Theater muss 2017/18 auf das Gelände und hat absolute Priorität. Vorher muss aber das Parkhaus gebaut werden, sonst gibt es keine Nutzungsgenehmigung für das Ofenhaus. Bauanfrage und Bauleitplanung sowie Bebauungsplan müssen noch im Frühjahr 2016 zum Erfolg führen, damit im Spätsommer die Bagger anrollen können. Deshalb auch die jetzt sehr eilige Beschlussfassung für eine rasche Bauplaung, wo man doch eigentlich die Ergebnisse der Planerwerkstatt mit der interessierten Öffentlichkeit zumindest noch diskutieren wollte und die nächsten Monate noch ein offener Beteiligungsprozess zur Theaterlandschaft läuft.

Diese aus der Not geborene Lösung mit der Interimsspielstätte des Theaters gilt jetzt als »Motor und Impuls« für ein entstehendes Kreativquartier. Das hat zweifellos seinen Reiz und kann durchaus funktionieren, wenn Verkehrsanbindung und Aufwertung des Viertels Hand in Hand gehen, macht aber wenig Sinn, wenn ab 2024 die »Hochkultur« wieder auszieht. Und hätte bei einem Verbleib dort draußen natürlich entscheidende Auswirkungen auf die Theatersanierung im Zentrum! Aber niemand in der Stadt kann im Ofenhaus ohne Subventionen ein Theater dieser Größenordnung betreiben, schon gar nicht als Off-Theater der freien Szene, das könnte höchstens eine kommerziell ausgerichtete Boulevardbühne mit Gastspielbetrieb. Was also mit den theatergenutzten Bauten ab 2024 passieren soll, ist unklar, solche Räume können nicht einfach kleinteilig umgenutzt werden. Bleiben noch Disco- und gastronomische Konzerthallenkultur.

Ebenso unklar ist die postulierte Herstellung eines Raumprogramms für die Musiker_innen, Künstler_innen und Projekte aus dem Kulturpark, die ja nach Aussage von OB, Bau- und Kulturreferent im Herbst 2017 »nicht auf der Straße stehen sollen«. Über 8.000 qm waren dafür einmal vorgesehen, im aktuellen Plan sind es aufgrund der gewünschten »Durchmischung mit Gewerbe und Kreativwirtschaft« maximal 3.000. Und alles deutet darauf hin, dass dieses dann verkleinerte und nach Künstlern_innen, Kreativwirtschaftlern_innen und Gewerbetreibenden sortierte Kulturareal nicht mehr in freier Trägerschaft selbstbestimmt, selbstverwaltet und ohne Intendanz ein »Biotop der freien Szene« darstellt, vielmehr von einem städtisch installierten »Kümmerer« kommunal verwaltet wird und mannigfaltige Kompromisse mit den parallel eingemieteten Gewerbebetrieben eingehen müsste. Vor diesem Hintergrund gerät der interessierte Betrachter in ungläubiges Staunen.

Fragen, Fragen, Fragen

Was bedeutet die Priorisierung der Ersatzspielstätte »Theater auf Zeit« für die Entwicklung des Kreativquartiers? Welche Auswirkungen hat das auf die Theatersanierung und ihre Finanzierung? Was bedeutet die vorgesehene kommunale Struktur für den aktuellen, generationen- und szenenübergreifenden Mix der Kreativnutzer_innen aus dem Kulturpark und die Akteure_innen, die noch dazukommen sollen? Kann unter diesen Voraussetzungen eine kreative Community entstehen und wachsen? Welche Preisgestaltung bei den Mieten zeichnet sich ab? Welche Rolle spielt die Stadt als Vermieter? Was bleibt von den Ideen der Zukunftswerkstatt? Wie funktioniert eine städtisch verwaltete, evaluierte und in ein Förderkorsett eingeschnürte freie Szene? Wer entscheidet über die potenziellen Nutzer_innen auf welcher Grundlage? Was kostet die Umsetzung dieser Planung? Und welches Zeitfenster gibt es dafür? Kommen die Neu- und Zubauten für Kreative auf dem Gaswerkareal billiger als ein Verbleib unter sanierten Bedingungen im Reese-Areal? Gibt es eine zeitliche und organisatorische Übergangslösung an der Sommestraße zwischen 2017 und 2020 und wie sieht diese aus? Könnten die Kreativen nicht bis 2023/24 auf dem Reesegelände bleiben und dann in den relativ einfach umzunutzenden Zubau des Theaters einziehen (immerhin 5.000 qm)? Wie stemmen die Stadtwerke diese »Kreativaufgabe« neben Bahnhofsumbau, Linie 5 und Verlängerung der Linie 3? Nimmt man das auch noch anstehende Projekt »Umnutzung Grottenau« dazu, kommt man locker auf einen Finanzbedarf von – eigentlich nicht vorhandenen – 300 Mio. Euro. Gleichzeitig fehlen dringend benötigte vier- und fünfstellige Beträge für aktuell funktionierende kulturelle und soziale Projekte. Was geht hier eigentlich ab? Hybris? Pokerspiel? Nach uns die Sintflut? – Die spinnen, die Römer!

Peter Bommas ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Kulturpark  West GmbH und Leiter des Jungen Theaters im abraxas.

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