Gebrochene Herzen, geschundene Körper

12. Juni 2018 - 9:41 | Renate Baumiller-Guggenberger

»Keep an Eye on«! Premiere des Ballettabends »New Comer«: Acht Kurzchoreografien von Mitgliedern der Augsburger Ballett-Company

In wertvoller Tradition dürfen Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Augsburg am Spielzeitende ihr choreografisches Potenzial als zeitgenössische »New Comer« testen, bzw. zeigen. Wie aber bewerten, empfinden, wie erleben junge Choreografen und Tänzer die Welt, in der sie sich (im Moment) bewegen? Offensichtlich voller Aggression und innerer Konflikte, durchsetzt mit Leid, Verblendung, eiskaltem Egoismus und somit tendenziell düster und defizitär, was die Erfüllung der uns eigenen menschlichen Bedürfnisse etwa nach Liebe und Achtung betrifft. Es war keine hoffnungsfrohe Bilanz, die sich angesichts des aktuellen Ballettabends ziehen lässt. Und Company-Manager Armin Frauenschuh hatte in seiner kleinen Begrüßungsansprache noch das berühmte Pina Bausch-Zitat benutzt: »I'm not interested in how people move, but what moves them«.

Schluss mit lustig also! Weg von einem vergnüglich-unterhaltsamen Ballett-»Betrieb«, der seine Zuschauer bei Laune hält und nur glücklich macht. Davon hat die stets auf überzeugend hohem Niveau tanzende Company in dieser Spielzeit wahrlich genug präsentiert. Die acht »New Comer« waren sich wohl expressiv und emotional ziemlich einig gewesen. So wirkte dieser Abend ein wenig wie die in Variationen gereichte Lösung zur Aufgabenstellung: »Verarbeite choreografisch Depressionen, Ängste und Visionen in einer vom Werteverfall bedrohten Welt!«. Fast ausnahmslos gingen die Choreografen mit Mut, radikaler Intensität und Ehrlichkeit ans »Eingemachte«, reduzierten Licht und Ausstattung auf ein Minimum und fanden u.a. bei Ezio Bosso, Jóhann Jóhannson, Lhasa, Max Richter oder auch Heinrich I.F. Biber den passenden musikalischen Soundtrack.

In den Werken »Before us« (Ch: Alexander Karlsson), »Obwohl wir sprechen …« (Ch: Nikolaos Doede), »Unknown« (Ch: Shori Yamamoto) oder »Aura« (Ch: Eunji Yang) zirkelten sie in moderner Stilistik und gemeinsam mit den ausgewählten Tänzerinnen urbane Lebensängste und -konzepte ein. Sie zeigten Vereinsamung in einer von technologischen Zwängen dominierten, wenig sozialisierten Umgebung, rangen nach Atem und Bedeutung, brachten sich samt Zuschauern emotional an Grenzen, die auch schmerzhaft waren. Sie berührten aber auch wie etwa Marcos Novais mit seinem »Keep an Eye on« betitelten Stück über die Offenbarung, die einer »Blinden« dank der zwei mysteriösen Kapuzen-Gestalten widerfährt oder das literarisch inspirierte Werk von Christine Ceconello »Wer bist Du?«, das die Essenz des Romans »Die Stadt der Blinden« tänzerisch reflektierte. Eine starke Hommage an das Leid der zwangsprostituierten, koreanischen Trostfrauen gelang Jiwon Kim Doede in »For you, a Flower«. Brutalität prägte vor der Pause das obsessiv-gewaltsame Tanzduo »Feel form me«, das von der schonungslosen »Action« der stark agierenden Protagonisten Sofia Romano (die sich vom gerissenen Träger nicht irritieren ließ) und Alessio Monforte lebte!

Weiterer Termin: 24. Juni

www.theater-augsburg.de  

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Marcos Novais, Nikolaos Doede, Alexander Karlsson, Eunji Yang

Weitere Positionen

jens_kabisch_kunstverein_augsburg_2018_foto_bettina_kohlen.jpg
20. Juni 2018 - 13:34 | Bettina Kohlen

Es ist mal wieder eine große Runde zur Kunst fällig. Strategisch geplant, um möglichst viel zu sehen, oder nochmal zu sehen. Für manches muss man schnell sein, da Mitte Juli Schluss ist, aber keine Sorge: Einiges läuft bis zum Ende des Sommers.

20. Juni 2018 - 11:27 | Gast

Eine Kooperation des Stadtjugendrings und des tim gibt Einblicke in das Leben junger Augsburger*innen.

Hubert Gerhard_augustusbrunnen_brunnenbach_blfd_foto achim_bunz.jpg
19. Juni 2018 - 12:35 | Bettina Kohlen

Im Augsburger Maximilianmuseum wird bis zum Herbst kunstvoll und opulent die Bedeutung des Wassers für die Stadt zur Schau gestellt.

17. Juni 2018 - 7:04 | Gast

Das Maximilianmuseum präsentiert die Sonderausstellung »Wasser Kunst Augsburg – Die Reichsstadt in ihrem Element« aus doppeltem Anlass. Ein Gastbeitrag von Christoph Emmendörffer

8. Juni 2018 - 10:18 | Gast

Zum Stand und zu den Chancen der Augsburger UNESCO-Bewerbung: Sind wir Welterbe? Ein Gastbeitrag von Martin Kluger

viel_laerm_um_nichts_theater augsburg 2018_foto_jan-pieter_fuhr
5. Juni 2018 - 16:01 | Bettina Kohlen

Als letzte große Indoor-Produktion dieser Spielzeit geht Shakespeares Komödie »Viel Lärm um nichts« im martini-Park über die Bühne.

3. Juni 2018 - 8:32 | Thomas Ferstl

Und schon wieder wird bei Projektor gefeiert. Neulich erst der vierjährige Geburtstag, diesmal die 50. Auflage dieser Kolumne.

28. Mai 2018 - 9:54 | Geoffrey Abbott

Bis zum 16. Juni spielt das Theater Augsburg die Oper »Solaris« von Dai Fujikura im martini-Park. Dies ist eine sehenswerte Seltenheit, denn es handelt sich um modernes Musiktheater, das rundum gelungen ist.

28. Mai 2018 - 8:55 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung »Phoenix. Modewelten von Stephan Hann« im tim repräsentiert die Position dieses Künstlers in der Mode.

27. Mai 2018 - 9:40 | Jürgen Kannler

Ein Kommentar von Jürgen Kannler