Gedächtnis oder Augen

4. Juli 2018 - 8:09 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der 20. Teil der Serie.

In ihrer Biografie Ein Leben zwischen den Sprachen erzählt Swetlana Geier, die damals im Begriff war, deutschsprachige Übersetzerin russischer Klassiker zu werden, folgende Episode: »Wir hatten kein Telefon, so bekam ich eines Tages eine Postkarte von Daiber: ›Ich muss Sie dringend sprechen. Donnerstags um zwei Uhr‹ – er arbeitete in einem kleinen Verlag in Freiburg und wohnte in Kirchzarten –, ›Bahnsteig eins unter der Uhr.‹ Mein Mann sagte kategorisch: ›Du gehst nicht hin! Diese Unverschämtheit! Man bestellt nicht eine verheiratete Dame auf einen Bahnsteig. Und dann auch noch unter der Uhr! Du gehst nicht hin!‹ Ich bin natürlich hingegangen. Und da hat mir Herr Daiber gesagt, dass mein Manuskript schon in München sei; man hatte die Reihe ›Rowohlts Klassiker‹ begonnen.« (S. 115)

Während Swetlana Geier als Sprachwechslerin die Sprache der Postkarte als Trägerin einer exakten Beschreibung eines Treffpunkts versteht, greift bei ihrem muttersprachigen Ehemann das allgemeine Gedächtnis der deutschen Sprache ein und vermittelt ihm ein Bild seiner Frau an der Grenze des Obszönen, weswegen er sich gegen ein Treffen seiner ausländischen Frau mit einem deutschen Mann auf einem Bahnsteig unter der Uhr wehrt. Hätte Swetlana Geier sich dem Gedächtnis der deutschen Sprache ihres Mannes gebeugt, hätte sie die Möglichkeit verpasst, die ihr den Weg frei gemacht hat, um ihr Lebensprojekt als Übersetzerin erfolgreich zu verwirklichen, wie sie es ab dann durch harte Arbeit getan hat. Aber wie geraten Gedächtnis und Augen in Widerspruch zueinander? Dies hat mit der Art und Weise zu tun, wie Sprachwechsler sich die Sprache des Landes erschließen, in das sie eingewandert sind. Als erwachsene Frauen und Männer haben sie ihr bisheriges Leben in ihrer Herkunftssprache organisiert, und dort haben sie das eigene Lebens- und Kulturgedächtnis aufgebaut. Wenn sie sich der Sprache des Einwanderungslands anzuvertrauen beginnen, stellen sie fest, dass sie die Landesprache nicht wie die erste Sprache über vertrauens- und liebevolle Gesprächspartner lernen können. Es könnte sogar sein, dass sie die Landessprache in einer Zeit belastender Widersprüche lernen, wie zum Beispiel in der Zeit, als der meistgehörte Satz lautete: »Deutschland ist kein Einwanderungsland.« Als erwachsene Frauen und Männer machen sie zusätzlich die naheliegende Erfahrung, dass sie keine neue Sprache benötigen, um sich ihren fremden Lebensalltag zu erschließen. Sie erleben ihn vollständig in ihrer Herkunftssprache, und wenn es notwendig sein sollte, erschließen sie sich ihn über die Augen. Sie erkunden die Fremde über die Augen. Die Fremde, die sie über die Augen erfassen, gleicht einer Lebenserfahrung, die nicht durch das eigene Lebens- und Kulturgedächtnis integriert wird. Sie besteht nur aus ihrem gegenwärtigen Inhalt. Eine solche Wahrnehmung verändert sich selbst dann nicht, wenn Einwanderer die Landessprache als Arbeitswerkezeug verwenden, wie das eingeführte Beispiel deutlich macht. So gesehen wundert es einen nicht, dass die interkulturelle Literatur Europas eine Literatur ist, die über die Augen geschrieben wird, und dies erkennt man an der Grundhaltung der geschriebenen Sprache, die wenig vom Kulturgedächtnis und umso mehr vom Streben nach Zukunft geprägt ist.

Ungewollt tut sich eine Inkongruenz zwischen den Gesprächspartnern auf, die wie folgt aussieht: Eine Sprache, die sich aus der Gegenwart speist, die nicht durch ihr Kulturgedächtnis integriert wird, ist zwangsläufig zukunftsorientiert. Eine Sprache, die darauf angewiesen ist, gegenwärtige Erfahrungen durch ihr Kulturgedächtnis zu integrieren, wie es alle Landessprachen tun, hat es schwer, sich von der Zukunft allein leiten zu lassen. Sich dessen bewusst zu werden, kann helfen, das Gespräch nicht scheitern zu lassen.

Wie gesagt, für Exilierte, Einwanderer und Flüchtlinge ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen. Inkongruenzen können jedoch das Fortzuführen von Gespräche verhindern und daher muss man herausfinden, wo sie auf die Gesprächspartner lauern.


»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet. Im Juli eröffnet die Chiellino-Bibliothek, eine Forschungsstelle für Literatur und Migration, an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).
www.chiellino.eu

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