»Die Gefahr des Shutdowns ist real«

23. Oktober 2020 - 15:37 | Patrick Bellgardt

Die ersten Wochen der neuen Saison sind gespielt, nun steigen die Corona-Fallzahlen wieder. Theatermacher*innen wie André Bücker und Sebastian Seidel müssen unter wechselnden Pandemiebedingungen arbeiten.

Noch im September lieferte die Bayerische Staatsoper ihren Zwischenbericht zum Pilotprojekt »Probeweiser Betrieb mit erhöhter Zuschaueranzahl« im zuständigen Ministerium für Wissenschaft und Kunst ab. 500 statt der ansonsten 200 erlaubten Besucher*innen durften zuletzt im Münchner Nationaltheater begrüßt werden. Begleitet wurde dieser Testbetrieb mit möglichem Vorbildcharakter für andere Kulturorte von einem Ärzteteam, Wissenschaftler*innen der TU München sowie Vertreter*innen des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Hygieneregeln wurden im Laufe des Projekts dynamisch angepasst, etwa die Einführung der Maskenpflicht während der Vorstellung, nachdem der Corona-Inzidenzwert in der Landeshauptstadt überschritten wurde.

Das zentrale Ergebnis des Berichts formulierten die Projektverantwortlichen wie folgt: »Die bisherige feste Höchstbesucherzahl von 200 wird den tatsächlichen Gegebenheiten der Spielstätten nicht gerecht. Aufgrund der unterschiedlichen Bedingungen vor Ort, teilweise sehr hoher Lüftungsleistungen und aufgrund des disziplinierten Verhaltens des Publikums können im Nationaltheater und an anderen Veranstaltungsorten deutlich höhere Besucherzahlen verantwortet werden.« Der Intendant der Bayerischen Staatsoper Nikolaus Bachler hofft, dass »bald individuelle Höchstbesuchergrenzen – nicht nur für das Nationaltheater, sondern auch für alle weiteren kulturellen Spielstätten in ganz Bayern« festgelegt werden können.

Dieses hoffnungsvolle Fazit trifft nun, Mitte Oktober, auf landesweit stark steigende Corona-Fallzahlen. Ministerpräsident Markus Söder kündigte für Regionen, in denen der Wert von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen überschritten wird, neue Beschränkungen an. (Kultur-)Veranstaltungen in solchen »Hotspots« sollen auf maximal 50 Teilnehmer*innen begrenzt werden. Heute, 23. Oktober, liegt die 7-Tage-Inzidenz in der Stadt Augsburg bei über 170. Vor der Ankündigung des bayerischen Regierungschefs bedeutete dies für die Theater unserer Region »nur«: Maskenpflicht gilt auch am Platz.

»Die Rückmeldungen des Publikums sind überwältigend«

Die ersten Wochen der neuen Saison sind gespielt. Wie erleben Theatermacher*innen ihre Arbeit unter wechselnden Pandemiebedingungen? André Bücker, Intendant am Staatstheater Augsburg, blickt zufrieden zurück: »Die Bilanz sieht einfach hervorragend aus: Wir haben ausgezeichnete, sorgfältig im Voraus geplante und mit dem Gesundheitsamt abgestimmte Hygienekonzepte, durch die sich die Zuschauer*innen wirklich sicher bei uns fühlen können. Außerdem lassen sich bei der geringen Publikumsquote, die derzeit in unseren Spielstätten zugelassen ist, die Abstandsregeln so optimal einhalten, wie Sie das zurzeit wirklich nirgendwo sonst im öffentlichen Leben finden können.« Die Entscheidung der bayerischen Staatsregierung, nun wieder weniger Menschen ins Theater zu lassen, bezeichnet Bücker vor diesem Hintergrund als »äußerst fragwürdig«.

»Die Rückmeldungen des Publikums sind jeden Abend überwältigend«, erklärt Sebastian Seidel, Leiter des Sensemble Theaters. »Die Zuschauer*innen freuen sich, dass wir wieder spielen, und wünschen uns viel Durchhaltevermögen. Auch per E-Mail erhalten wir viele aufmunternde Zuschriften.« Nach dem erfolgreichen Open-Air-Programm im Sommer sei man gut in die neue Spielzeit gestartet. »Wenn das ›Tetris-Spiel‹ aufgeht«, sind im Sensemble derzeit maximal 48 Plätze zugelassen – weniger als die Hälfte der normalen Kapazität. Die Vorstellungen sind so gut wie immer voll besetzt. »Das Hygienekonzept wird von den Zuschauer*innen angenommen und es gab bislang keine Beschwerden«, sagt Seidel. »Allerdings besteht organisatorisch ein erheblicher Mehraufwand, sowohl materiell als auch personell. Die Bilanz fällt trotz allem insgesamt positiv aus. Auch wenn wir nicht wissen, wie lange wir das finanziell durchhalten.«

»Ein trauriges Dokument der Mut- und Ideenlosigkeit der Politik«

Das Pilotprojekt an der Bayerischen Staatsoper haben die Theatermacher verfolgt. Bücker verweist auf die Salzburger Festspiele, die bereits im August gezeigt hätten, wie gut sich mit einer Zuschauermenge, die feste Plätze zugewiesen bekommt, in Bezug auf Hygiene und Abstand arbeiten lässt. »Dass das auch in einem riesigen Haus wie der Staatsoper in München erfolgreich sein würde, war von vornherein klar. Für mich ist das lediglich ein trauriges Dokument der Mut- und Ideenlosigkeit der Politik im Umgang mit Corona bei den Kulturinstitutionen. Leider können wir keine Signalwirkung für unsere Spielstätten daraus ableiten, da wir hier vor Ort mit ganz anderen räumlichen Dimensionen arbeiten und immer eine Abstimmung mit den jeweiligen Behörden vor Ort erfolgen muss.«

Was bringt die Zukunft für freie und private Theater? Die Verringerung der Abstandsregel auf einen Meter zum Beispiel könne helfen, um wieder wirtschaftlicher arbeiten zu können, erklärt Seidel. »Ansonsten benötigen die freien Theater dringend weitere kommunale und staatliche Förderungen.« Die Gefahr eines erneuten Shutdowns von Kultureinrichtungen sei zwar da, Theater seien bislang aber nicht als »Hotspots« aufgefallen. »Alle wollen spielen und handeln deshalb besonders vorsichtig und verantwortungsvoll.« Über das Programm »Neustart Kultur« des Fonds Soziokultur hat das Sensemble Theater jüngst Mittel zur Anschaffung einer Luftfilteranlage beantragt. »Wir haben überlegt, wie wir unser Theater möglichst sicher machen können, haben das Gerät beantragt und dankenswerterweise auch genehmigt bekommen.«

»Die Gefahr des Shutdowns ist real«, sagt auch Bücker. »Abgesehen davon ist für das Staatstheater für eine so große Spielstätte wie die im martini-Park schon jetzt der Punkt erreicht, an dem es keinen Sinn mehr macht, zu spielen – nun, wo nur noch 50 Zuschauer*innen absolut zugelassen sind.« Die bayerischen Staatsintendanten wenden sich deshalb nun in einem offenen Brief an Markus Söder, um Sonderregelungen zu fordern. »Die Hygiene- und Abstandsregeln lassen sich bei uns auch für ein weit größeres Publikum so optimal einhalten wie sonst nirgendwo in den Innenstädten.«

Foto: Maximal 200 Zuhörer*innen – Sinfoniekonzert des Staatstheaters Augsburg Ende September im Kongress am Park. Über 1.000 Plätze bietet der Saal regulär.

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