Gefangen im Identitätsvakuum

1. Februar 2018 - 14:28 | Patrick Bellgardt

Sebastian Seidels »Lost in Transit« feierte seine Uraufführung in der neuen Studiobühne des Sensemble Theaters.

Was macht uns aus? Unser Denken, Fühlen, Handeln? Ja, sicherlich, aber auch ein Stück Papier. Der durchschnittliche Europäer genießt eine weitreichende Reisefreiheit – der deutsche Pass berechtigt zur visumsfreien Einreise in über 170 Länder. Bei demselben Dokument, mit einem afghanischen Stempel versehen, sind es lediglich 25 Staaten. Es zeigt sich: Der falsche – oder sogar gar kein – Pass führt zu weniger Freiheit. Mit eben dieser Abhängigkeit setzt sich Sensemble-Leiter Sebastian Seidel in seinem neuesten Stück »Lost in Transit« auseinander.

Eine Frau (Sarah Hieber) und ein Mann (Florian Fisch) stranden in der Transitzone eines Flughafens. Tasche, Smartphone, Geldbeutel, Pass – alles geklaut. Ihre Reise gerät in Stocken, ihre  anfängliche Euphorie wird jäh ausgebremst. Beide waren aus unterschiedlichen Gründen aufgebrochen, um ein neues Leben zu beginnen. Nun sind sie gefangen in einer grotesken Zwischenwelt, in der sie weder vor noch zurück können. Handlungsunfähig, wie sie sind, reflektieren sie ihr Dasein, ihre Identität. Dabei ist ihr Umgang mit der Situation zunächst grundverschieden: Während sich der Mann von allen Sorgen und Zwängen befreit fühlt, verfällt die Frau in einen Schockzustand.

In der Studiobühne des Sensemble Theaters, die mit der Uraufführung von »Lost in Transit« gleichzeitig ihre Premiere als neue Spielstätte des Hauses feierte, agieren die Protagonisten in einer komplett in weiß gehaltenen Szenerie (Ausstattung: Marisa Schulz). Eine Flugzeugtragfläche, die per Leiter zu erreichen ist, samt Turbine bilden den Mittelpunkt des Geschehens. Dabei wechseln die Gestrandeten munter ihre Positionen, sie klettern und fallen, rasten und rennen durch ihr temporäres Gefängnis. Die Charaktere erzählen ihre Erlebnisse in häufig explosiven Monologen – einzelne Wörter treffen sich, Sätze überschneiden sich, Gemeinsames wird sichtbar, Unterschiede werden deutlich. Spannend zu sehen, ob sich daraus ein Dialog entwickeln kann.

In 70 rasant vorbeiziehenden Minuten reißt einen »Lost in Transit« förmlich mit ins Identitätsvakuum. Regisseurin Daniela Nering inszeniert die Geschichte temporeich und fesselnd. Sarah Hieber und Florian Fisch spielen, begleitet von hervorragend ausgewählter Musik (Sound: Serge Davidov) und stimmigen Videoprojektionen (Technik: Gianna Formicone), ungemein eindringlich. Eine großartige Uraufführung, die den wunderbaren neuen Sensemble-Theatersaal mit seinen rund 50 Sitzplätzen mit Leichtigkeit füllen sollte.

Nächste Termine: 2., 3., 9., 10., 16. und 17. Februar. Weitere im März, April und Mai.

www.sensemble.de

Weitere Positionen

12. Dezember 2018 - 12:16 | Jürgen Kannler

Mit Tilo Grabach gewinnt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg einen hervorragenden Wissenschaftler und erfolgreichen Ausstellungsmacher. Und Augsburg hat das Nachsehen. Ein Porträt

zauberfloete_staatstheater augsburg 2018_foto_jan-pieter fuhr
8. Dezember 2018 - 14:18 | Bettina Kohlen

Drei Damen in Blaumann sitzen in einem engen Technikraum und stricken emsig an einer gewaltigen Schlange. So geht es los mit der Zauberflöte, dem Opern-Dauerbrenner, den das Staatstheater Augsburg jetzt zeigt.

8. Dezember 2018 - 8:04 | Patrick Bellgardt

Lange bevor der Serienhit »Babylon Berlin« ein ungeahntes Interesse an der Weimarer Republik entfachte, sorgte Max Raabe für eine musikalische Renaissance der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ein Interview

6. Dezember 2018 - 10:36 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben setzte am 27. November seine Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« mit dem Vortrag über Italien fort.

5. Dezember 2018 - 9:24 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im Dezember

4. Dezember 2018 - 10:50 | Susanne Thoma

Wie kann man die Grundlagen demokratischer Meinungsbildung lebendig und begreifbar machen? Ganz klar: Durch die verantwortungsbewusste Teilhabe an politischen Entscheidungen.

3. Dezember 2018 - 15:18 | Iacov Grinberg

Ausstellung »Petit Fours. Kleine Besonderheiten der bildenden Kunst und Kunstschmuck« in der Maxgalerie

3. Dezember 2018 - 15:08 | Michael Friedrichs

Was beim Jubiläum 500 Jahre Luther/Cajetan leicht übersehen wird.

29. November 2018 - 9:48 | Martin Schmidt

Das Buch »Potzblitz« versammelt Lieblingserklärungen an die Popmusik. Der Mitherausgeber und Augsburger Musiker Sebastian Schwaigert klopfte bei Musiker-Prominenz und Freunden nach Berichten, Beichten und Erinnerungen an.

28. November 2018 - 13:44 | Renate Baumiller-Guggenberger

In der Vorweihnachtszeit laden allüberall Konzerte zur Einstimmung auf die Festtage samt Jahreswechsel ein. Ganz klassisch! – eine Kolumne von Renate Baumiller-Guggenberger