Gegen das Zerbrechen

10. Februar 2015 - 18:01 | Patrick Bellgardt

Abseits großer Theaterpremieren und schillernder Nächte hatte das Brechtfestival in diesem Jahr eine Lesereihe im Programm, die durch leise und dabei umso nachhaltigere Töne glänzen konnte: »Exil heute«.

In Kooperation mit der internationalen Schriftstellervereinigung PEN durfte an drei aufeinanderfolgenden Abenden jeweils ein im deutschen Exil lebender Autor in Augsburg begrüßt werden: Najet Adouani (Tunesien), Yamen Hussein und Amer Matar (beide Syrien). Das besondere: Die Veranstaltungen fanden nicht im gewohnten Rahmen des Theaterfoyers statt. Mit den Asylunterkünften Otto- und Calmbergstraße sowie dem Grandhotel Cosmopolis wurden Orte gewählt, an denen tagtäglich erfahrbar wird, was »Exil« bedeutet, in denen Flucht und Vertreibung mehr sind als nur ein abstrakter politischer Diskurs.

Besonders eindrucksvoll präsentierte sich die Lesung und Diskussion mit dem syrischen Autor und Menschenrechtsaktivist Yamen Hussein (Foto: Diana Deniz / Brechtfestival). Erst im vergangenen Jahr flüchtete der Journalist in die Türkei, seit Dezember lebt er in München. 1984 in Homs geboren, geriet Hussein bereits während seines Mathematik-Studiums durch erste journalistische Veröffentlichungen ins Visier der syrischen Sicherheitsbehörden. Nach mehreren Festnahmen flog er schließlich von der Universität. Fortan widmete sich Hussein ganz dem Schreiben. In seinen Artikeln kritisierte er die Eingriffe des Staates in die Pressefreiheit und protestierte gegen die Verbrechen während des Bürgerkriegs. Seine Rolle als Gründungsmitglied der friedlichen Protestbewegung »Nabd« machte ihn endgültig zur öffentlichen Zielscheibe des Assad-Regimes – und später auch fundamentalistischer Islamisten.

Aktuell ist Hussein, wie auch Adouani und Matar, Stipendiat des Writers-in-Exile-Programms. Das Projekt möchte Schrifstellern, Verlegern, Journalisten und Bloggern, die in ihrer Heimat Schreibverboten, Bedrohung und Verfolgung ausgesetzt sind, eine neue Perspektive bieten. Es geht darum Bedingungen zu schaffen, unter denen sie – wie die PEN-Vizepräsidentin Franziska Sperr es mit Bezug auf Adorno formuliert – »ohne Angst und ohne Diskriminierung verschieden sein können«.

Im vollbesetzten Gemeinschaftsraum der Calmberstraße sitzen an diesem Abend viele, die das Schicksal Husseins teilen. Eine ehrenamtlich engagierte Frau ist mit einer Gruppe von Asylbewerbern extra aus dem Augsburger Landkreis angereist. Gespannt hören sie der Lesung in arabischer Sprache zu. Die von ihm vorgetragene Lyrik ist berührend und gibt tiefe Einblicke. Sie dreht sich ums Warten und Bangen, um seine wochenlange Odyssee am Istanbuler Flughafen bevor er endlich nach Deutschland ausreisen konnte. Im Exil wird sich sein Stil weiter verändern, glaubt Hussein. Das Schreiben, so sagt er – und dabei spricht er im Namen unzähliger Exilautoren –, hilft »gegen das Zerbrechen, Verzweifeln und den Verlust«.

www.pen-deutschland.de
www.brechtfestival.de

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