Politik & Gesellschaft

Gehetzt, misshandelt, ermordet

Dieter Ferdinand
26. November 2019

Der politisch verfolgte Hans Kroll überlebte den Todesmarsch vom KZ Dachau über Obermenzing (Blutenburg), Gräfelfing, Starnberg-Percha bis Bad Tölz. Dort wurde er Anfang Mai 1945 mit anderen Überlebenden von Amerikanern befreit. Er war auf dem Todesmarsch verprügelt und gequält worden, litt bis ans Lebensende unter starken Schmerzen. Wie es ihm seelisch ging, erwähnte er kaum, war aber oft sehr traurig. Seine Tochter, die in Augsburg lebende Inge Kroll erfuhr, dass der Historiker Dr. Martin Clemens Winter ein Buch über die Todesmärsche geschrieben hat: »Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum«. Frau Kroll beschloss, ihn nach Augsburg einzuladen, um über »sein äußerst gut recherchiertes Buch« zu sprechen. Sie gewann viele Kooperationspartner*innen für dieses Vorhaben, unter anderem: Jüdisches Museum Augsburg Schwaben; Israelitische Kultusgemeinde Schwaben Augsburg; Ev. Forum Annahof; Frauenbündnis gegen rechts; Kulturamt der Stadt Augsburg; Buchhandlung am Obstmarkt; Verein Gegen Vergessen, für Demokratie; DFG/VK; VVN-BdA; Augsburger Friedensinitiative.

Zu Beginn des Vortrags machte Dr. Winter deutlich, dass im letzten Jahr des 2. Weltkriegs »das KZ-System aus einem nahezu flächendeckenden Netz« mit rund 730 Außenlagern und mehr als 700.000 Gefangenen bestand. Die Alliierten rückten vor, der deutsche Machtbereich schrumpfte. Die Lager wurden geräumt, die Gefangenen »zuletzt quasi ziellos zwischen den Fronten hin- und hergetrieben«.

Der Referent las aus der Einleitung zu seinem Buch »Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum – Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche« (Metropol-Verlag Berlin, Foto: Cover, klick hier zum Vergrößern), das zugleich seine Dissertation ist (S. 9–13). Er begann mit der Räumung eines KZ-Außenlagers von Buchenwald. Geschildert wird die Flucht des jüdischen Gefangenen Arno Lustiger von Quenstedt aus. Zu gleicher Zeit ergeht der Befehl Himmlers, »dass kein Häftling lebend von den Alliierten befreit werden soll«. Die Getriebenen »mäandern über die Landstraßen und durch die Dörfer. Tausende Leichen säumen den Weg. Häftlinge sterben an Hunger, Kälte und Erschöpfung. Sie werden bei Schwäche von Wachmannschaften erschossen oder nach Fluchtversuchen auf ›Hasenjagden‹ von Einheimischen getötet. Erst Anfang Mai werden die letzten Überlebenden befreit.« Arno Lustiger steht am 27. Januar 2005 hochbetagt vor dem Bundestag und äußert die Hoffnung, »dass die historische Forschung sich dem Thema der Todesmärsche annehmen möge«.

Dr. Winter: »Ein Blick auf das Dorf kurz vor Kriegsende zeigt eine sehr heterogene Einwohnerschaft«: vor Ort vor allem ältere Menschen und junge Männer, Kinder, Frauen, zahlreiche Fremde wie Zwangsarbeiter*innen, Flüchtlinge, militärische Einheiten. Dadurch gab es häufig Konflikte und »ein latentes Gefühl der Bedrohung«. Geflohene Häftlinge wurden als Eindringlinge angesehen, »aus ihrer Flucht wurde ein abzuwehrender Angriff, der mit Gewalt beantwortet wurde«.

»In den letzten Kriegswochen gewährleistete nur das Mitmachen lokaler Instanzen die Durchführung der Todesmärsche«. Bürgermeister »waren vor allem bemüht, ›Ruhe und Ordnung‹ wiederherzustellen«, auch mit Gewalt. Ortsgruppenleiter beteiligten sich in Eigeninitiative an Gewalttaten, Hitler-Jugend und Volkssturm vornean. Pfarrer waren »mit der Sorge um die Toten betraut und daher häufig die ersten Chronisten der Todesmärsche«. Das Mitleid schlug nach der Befreiung in Abneigung um. In zahlreichen »Berichten bayerischer Pfarrer wurden die befreiten Häftlinge ausnahmslos als kriminelle Plünderer dargestellt«. Manche Bewohner*innen konnten durch ihre Anwesenheit Täter an Gewalttaten hindern. Aber sie vermittelten Tätern auch oft, »es wäre in Ordnung, sich an Häftlingen zu vergehen«.

Ausführlich ging Dr. Winter auf einige Fotodokumente ein. Da geht es um den Vorbeimarsch am Gartentor oder Aufnahmen durch Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes. Hilfeleistungen aus der Bevölkerung erfolgten individuell oder in Kleingruppen meist nur dann, wenn die Gefangenen um Unterstützung baten. »Gemessen an dem Ausmaß der Verbrechen kann man deren Ahndung zunächst nur als Geschichte des Scheiterns beschreiben. Nur wenige der Täter wurden ermittelt, noch weniger vor Gericht gestellt und verurteilt.« In der sowjetischen Besatzungszone gab es zwischen 1945 und 1949 eine kurze Phase intensiver Ahndung. Da man die Bevölkerung für den Wiederaufbau brauchte, endete die intensive Phase mit der Gründung der DDR. »In der Bundesrepublik wurden insgesamt nur wenige Täter verurteilt, das Verhalten der lokalen Bevölkerung spielte fast keine Rolle.«

Abbildung, © United States Holocaust Memorial Museum, klick hier zum Vergrößern: Der Todesmarsch von Buchenwald nach Dachau zieht durch Hebertshausen an der Amper, wenige Kilometer nordöstlich von Dachau. Die Fotografin Maria Seidenberger aus Hebertshausen dokumentierte von morgens bis abends. Bei diesem Abendbild scheinen die Reihen »deutlich gelichtet. Zwei Gruppen von 20 bis 30 Gefangenen führen Wagen mit sich und sind von mehreren Wachmännern umgeben. Möglicherweise handelt es sich um eine Art Nachhut, die am Ende der Kolonne das Gepäck der Bewacher transportierte.« (M. C. Winter in seinem Buch, S. 167)

»Die ersten Gedenkveranstaltungen waren Begräbnisse und Umbettungen der zahlreichen Opfer. In den westlichen Besatzungszonen wurden diese zu Ritualen der öffentlichen Beschämung, in der DDR entstanden zahlreiche Grab- und Mahnmale, die an die Todesmärsche erinnerten. Die Einheimischen wurden einseitig als passive Opfer der SS hingestellt«. Nach 1980 kamen neue Anstöße durch Geschichtswerkstätten und eine Hinwendung zur lokalen Geschichte. Es gab viele Initiativen zur Errichtung von Denkmälern und zu Gedenkmärschen, aber auch Konflikte mit Einheimischen. Nach dem Bruch von 89/90 mit Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung wurden in der ehemaligen DDR die »Opfer des Faschismus« zu »Opfern der Gewaltherrschaft« erklärt. Schließlich wurde die Bedeutung von Zeitzeugen erkannt. Der 1945 geflüchtete Arno Lustiger beendete seine Rede vor dem Bundestag 2005 mit den Worten: »Die Wege der Erinnerung sind schwierig.«

Auf Nachfrage erachtete Dr. Winter es als sinnvoll, »den Komplex der Todesmärsche stärker für die pädagogische Arbeit fruchtbar zu machen« und verwies auf die heutige Situation von Geflüchteten und das neue Ausmaß von menschenverachtenden, rassistischen Äußerungen, Handlungen und Gewalttaten »mitten unter uns«.

Abbildungen oben und unten, klick hier zum Vergrößern: Mahnmal bei Schloss Blutenburg (im Westen Münchens, Stadtteil Obermenzing) zur Erinnerung an den Todesmarsch der ehemaligen Häftlinge des KZ Dachau. Fotos: Dieter Ferdinand, 2014. 

Abbildung, Umschlagbild, klick hier zum Vergrößern: Ein deutscher Zivilist transportiert exhumierte Leichen von Häftlingen an einen Ort, wo sie beigesetzt werden sollen, Estedt bei Gardelegen, 11. Mai 1945. © United States Holocaust Memorial Museum, Don(ald) Bradler/Bradlor

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