Genuss oder Erweiterung der sinnlichen Wahrnehmung

1. Juli 2017 - 8:10 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Teil 15: Genuss oder Erweiterung der sinnlichen Wahrnehmung.

In seiner Rede zu 60-Jahr-Feier der Italiener in Deutschland, d.h. zur Würdigung ihrer Leistungen, hat der Bürgermeister von Fröndenberg unter anderem festgestellt: »Vor der Ankunft der Italiener in der Bundesrepublik gab es Olivenöl auf Rezept und in der Apotheke, heute gehört es zu jedem Haushalt.« Die Erkenntnis wurde so klangvoll vorgetragen, als ob eine Revolution in deutschen Küchen stattgefunden habe, und die Zuhörer stimmten ihm genüsslich zu. Der italienische Konsul setzte korrektiv hinzu, dass die italienischen Arbeiter einiges mehr zum Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik und in den Zeiten danach geleistet haben. Über die ölige Revolution in den deutschen Küchen äußerte er sich aber nicht. War ihm die Feststellung zu billig? Konnte er das Loblied auf die italienische Küche deswegen nicht mehr ertragen, weil hinterher wie immer nur Häppchen zu erwarten waren? Angesichts der Veränderung wichtiger Essgewohnheiten in Deutschland, aber auch woanders, ist es durchaus relevant, sich die Frage zu stellen, ob es um reinen Genuss oder um die Erweiterung der eigenen sinnlichen Wahrnehmung gegangen ist. Der inzwischen positiv gelöste Konflikt um die Versorgung der Flüchtlinge mittels eines ungebundenen Geldbetrags und nicht mehr durch Lebensmittelpakete hat gezeigt, wie schwer es den Menschen fällt, dem eigenen Körper gute, jedoch unbekannte Nahrung zuzuführen. Der Konflikt hat gezeigt, dass in der Fremde Nahrungsmittel weitere lebenserhaltende Funktionen erfüllen. Der eigene Körper, der alltäglich fremde Reize und Erfahrungen verarbeiten muss, wird am besten durch vertraute Nahrung im Gleichgewicht, d.h. gesund erhalten.

Diese existenzielle Notwendigkeit als Ablehnung von guten Nahrungsmitteln zu verstehen, kann nur dem einfallen, dem nicht aufgefallen ist, dass in der Fremde jede Kulturminderheit als Erstes ein eigenes Versorgungsnetz mit vertrauten Lebensmitteln in sehr prekären Lagerräumen aufbaut. In der Tat hat die ölige Revolution dort ihren Lauf genommen und die Einheimischen haben das Geschehen mit Neugier, jedoch aus sicherem Abstand über Jahrzehnte betrachtet. Anders sind sie mit den Eisdielen umgegangen. Dort waren Kinder wie Erwachsene sofort bereit, Spaghetti-Eis zu sich zu nehmen. Spaghetti aus Vanilleeis mit Erdbeersoße, die sich geschäftstüchtige Eismacher als Hilfestellung zum fremden Genuss ausgedacht hatten. Inzwischen sind sogar Tartufi und Cassate in kleinen und großen Supermärkten zu haben, denn hier kam man schon lange mindestens auf Italienisch einkaufen gehen. Es geht nach wie vor um Genuss, doch ohne eine sinnliche Erweiterung des eigenen Körpers wäre die Qualität des Angebots nicht gestiegen. Mehr als die Geduld der Einwanderer hat hierzu die medial durchgepeitschte Vorstellung beigetragen, wonach die Mittelmeerdiät Wunder bewirkt. Inzwischen hat die ölige Revolution sogar die Kosmetikindustrie erreicht und boomt. Der Verlauf der Revolution zeigt, dass gerade die Bestätigung durch eigene Fachleute, sei es als Lebensmittelforscher, sei es als Warentester, den Griff zu unbekannten Lebensmitteln leichter gemacht hat. Die Bereitschaft, etwas Fremdes zu sich zu nehmen, ist inzwischen nicht nur eine Frage des Genusses allein, sondern vielmehr auch des Wohlbefindens geworden. Was wiederum für mich den Beweis darstellt, dass es ohne eine sinnliche Erweiterung des eigenen Körpers kein Wohlbefinden geben kann. Und hat sich dies auch bei den Einwanderern ergeben? Gewiss nicht durch Olivenöl, aber durch die regionale Küche mit ihren bodenständigen Gerichten, wenn man von Leitlebensmitteln wie Brot und Bier absehen möchte.

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat verstehen sich Gesprächspartner, weil sie sich verstehen wollen und dabei Veränderungen am eigenen Körper zulassen.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.
www.chiellino.eu

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